Der Zweck heiligte die Mittel

Diskussion um NS-Vergangenheit eines Jenaer Reformpädagogen

Von Matthias Benkenstein

Reformpädagoge Peter Petersen
Foto: Jenaplan-Archiv

Er war schon nach Adolf Hitler benannt und auch nach Karl Marx. Seit der Wende trägt der Jenaer Platz zwischen Arbeitsamt und Seidelparkplatz den Namen Peter Petersens. Jetzt ist ein Streit darüber entbrannt, ob der Platz erneut umbenannt werden soll. Denn Petersen (1884-1952) war nicht nur Reformpädagoge und Erfinder des sogenannten Jena-Plans, sondern auch Rassist und NS-Opportunist.
Angestoßen hat die aktuelle Diskussion eine Studie des Frankfurter Erziehungswissenschaftlers Benjamin Ortmeyer. Seine Arbeit beleuchtet das Leben von vier Erziehungswissenschaftlern, die nach dem Zweiten Weltkrieg großen Einfluss auf die Erziehungswissenschaften in der Bundesrepublik hatten: Eduard Spranger, Hermann Nohl, Erich Weniger und Peter Petersen. Im Zuge seiner jahrelangen Recherchen entdeckte er Aufsätze wieder, die deutlich wie nie die Nähe der vier Personen zur Nazi-Ideologie belegen. weiterlesen…

Verhindern – aber wie?

(pbm)
Zur Vorbereitung auf das rechtsextreme “Fest der Völker”, das am 12. September in Pößneck stattfinden soll, bietet das Jenaer Aktionsnetzwerk gegen Rechtsextremismus verschiedene Veranstaltungen an.

So findet am 2. September die Buchpremiere des Ratgebers “Erste Hilfe gegen Nazis” um 19 Uhr im Volksbad statt. Das Buch beinhaltet praktische Tipps für den täglichen friedlichen Widerstand gegen Rassisten&co.

Am 3. September folgt ein erneutes Bezugsgruppen- und Blockadetraining im Hörsaal 146 des Unihauptgebäudes am Fürstengraben. Hierbei soll das Bewegen und Agieren in Bezugsgruppen, sowie das richtige Verhalten bei Sitzblockaden geübt werden.

Den Abschluss bildet ein Innenstadtaktionstraining am 8. September auf dem Campus der Universität.

Im Westen was Neues

Die Sanierung des Westbahnhofs ist angelaufen

Von Dirk Hertrampf und Sabrina Jaehn

Bonjour tristesse. Foto: Sabine Bandemer

Die gute Nachricht zuerst: Die Instandsetzung des Westbahnhofs hat bereits begonnen. Die schlechte: Bisher hat es kaum jemand gemerkt. Und das, obwohl sich in der letzten Zeit schon einiges getan hat am – rein nach dem Fahrgastaufkommen gerechnet – zweitgrößten Bahnhof Thüringens. Graffiti sind entfernt und die Bahnsteigüberdachung ist saniert worden, es wurde gemalert und die Bahnhofshalle erhielt neue Türen. weiterlesen…

Mittwochs nur für Deutsche

Warum vier schwarze Unimitarbeiter nicht in die Havanna-Bar durften

Von Vera Macht

Ein Bild sagt mehr als tausend Worte.
Foto: Katharina Schmidt

Wir wollten einfach einen schönen Abend haben“, sagt Dr. Gabriel Natura vom Jenaer Migrations- und Integrationsbeirat, „doch daraus ist nichts geworden. Stattdessen ist ein bitterer Nachgeschmack geblieben“.
Mitte Mai waren er und fünf weitere Mitarbeiter der Universität auf dem Weg in die Havanna-Bar in der Krautgasse. Als sie den Club betreten wollten, wurden er und zwei weitere der Gruppe, alle drei afrikanischer Herkunft, vom Türsteher abgewiesen, während die anderen hineingelassen wurden. Auf die Nachfrage, warum denn gerade sie nicht hinein dürften, bekamen sie zu hören, sie wären Ausländer und es wäre ein Tag für Deutsche. „Ich bin nicht rassistisch“, beteuerte die daraufhin gerufene Chefin Claudia Böcker laut Natura, „wir haben in letzter Zeit nur öfters Stress mit Ausländern gehabt“. Deshalb sei dies eine „deutsche Party“. Nach längerer Diskussion lenkte sie ein und meinte, dass auch die drei hinein könnten. Doch draußen wurde zur gleichen Zeit Dr. Dorothea Appenroth, die später ankam und ebenfalls dunkelhäutig ist, der Zutritt vom Sicherheitspersonal verwehrt. Die Gruppe verließ daraufhin entrüstet den Ort.
Die Chefin und der betreffende Türsteher jenes Abends erklären beide: „Es hat an diesem Abend eine Diskussion mit zwei anderen dunkelhäutigen Personen gegeben, die bereits Hausverbot haben. Von einer ´deutschen Diskothek´ war nie die Rede, die Gruppe ist nur zu einem ungünstigen Zeitpunkt gekommen“. Böcker beschreibt ihre Bar als multikulturell, mit vielen ausländischen Stammgästen und einem ebenfalls dunkelhäutigen DJ. Der Türsteher Marco Mönk dazu: „Mit Deutschen haben wir aber schon weniger Stress. Auch mit unserem DJ haben wir manchmal Probleme, wenn er Feierabend hat. Es sind einfach andere Mentalitäten“. Beide betonen jedoch ausdrücklich: „Wir sind nicht rassistisch. Wir lassen unsere internationalen Gäste normalerweise immer hinein“.
Rea Mauersberger, Vorsitzende des Jenaer Migrations- und Integrationsbeirates und Zeugin des Vorfalls, sieht dementsprechend das Problem eher darin, Ausländer mit Problemen und Kriminalität gleichzusetzen und verallgemeinernde Urteile zu fällen. „Es darf nicht sein“, sagt sie, „dass eine Bar, die sich nach einer kubanischen Stadt benennt und direkt gegenüber einer Uni liegt, die zahlreiche ausländische Studenten beheimatet, derartige Vorbehalte hegt“. Die Zahlen geben ihr Recht. Nach der Statistik des Landeskriminalamtes Thüringen 2007 betrug der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger bei Straftaten 4,9 Prozent. Der Jenaer Ausländeranteil entspricht in etwa dieser Zahl, er liegt bei 3,9 Prozent. Mauersberger bezeichnet deshalb das „undifferenzierte Verhalten der Bar“ als „unvertretbar“ und ruft dazu auf, das „Individuum zur Verantwortung zu ziehen und nicht eine Gruppe zu diskriminieren“.

Was ein kleines Wort ausmacht

Ein Kommentar zu alltäglichem Rassismus

Von Philipp Böhm

Das Wort „aber“ ist eigentlich ein beeindruckendes sprachliches Instrument. Im deutschen Sprachgebrauch erfreut es sich großer Beliebtheit und wird vielseitig und kreativ verwendet. So findet man es beispielsweise in Satzkonstruktionen wie „Ich hab ja nichts gegen Ausländer, aber…“ oder „Ich bin kein Rassist, aber…“. Fast scheint es, als wären Fremdenfeindlichkeit und Rassismus in Deutschland völlig ausgestorben. Niemand ist mehr Rassist. Stattdessen gibt es „Sachen, die man einfach mal sagen muss.“ Und „deutsche Partys“ muss man wohl auch einfach mal feiern dürfen. weiterlesen…

Ein bisschen Krieg in Jena

Unique provoziert erneut mit fragwürdigem Interview

Von Sören Reimer

Vom Winde verweht: die 47. Ausgabe der Unique. Foto: jena.antifa.net

Bunte Papierschnipselchen säumen den Weg der Studenten zu ihren Vorlesungen an diesem tristen 7. Mai. Die Schnipselchen waren einmal die 47. Ausgabe der Hochschulzeitung Unique. Nun drücken sie den vorläufig letzten Höhepunkt einer Debatte aus, in der gegenseitige vermeintliche Gewaltaufrufe, Antisemitismusvorwürfe, das Einsammeln der umstrittenen Ausgabe, die Streichung von Fördermitteln und die Androhung von Rechtsmitteln die Instrumentarien des Streitenden sind. Dabei sieht sich die Unique Kritik und Angriffen von Seiten des Sturas, der JG Stadtmitte und einer Antifa-Gruppe, die sich „Initiative gegen jeden Antisemitismus“ (IGJA) nennt, ausgesetzt.

Entzündet hat sich der Konflikt wieder an einem Interview von Unique-Chefredakteur Fabian Köhler. Nachdem schon im Januar ein Gespräch mit einem Neonazi für Aufsehen gesorgt hatte (AKRÜTZEL berichtete) und viele Kritiker der Unique mangelnde Reflektion und journalistische Inkompetenz vorgeworfen hatten, geht es diesmal um ein Gespräch mit dem Hamas-nahen Journalisten Khalid Amayreh. Darin nennt Amayreh unter anderem den Zionismus eine „rassistische Bewegung“ und spricht Israel das Existenzrecht ab. Diese Aussagen blieben von Köhler unhinterfragt. Zwar geht er in einem begleitenden Kommentar auf die Verwendung von Nazi-Vergleichen als „Unarten der politischen Rhetorik“ ein, verweist aber auf die möglichen Motive hinter diesen Vergleichen, ohne dabei aber, gerade im Bezug auf den Gaza-Konflikt, ins Detail zu gehen. weiterlesen…