WG-Gefürchtet

Am Johannisplatz werden Studentinnen um ihr Geld gebracht. Über die Machenschaften einer
Hausvermietung und den Unmut der Betroffenen.

von Gustav Suliak, Henriette Lahrmann und Vicente Jiménez Liebscher

Es kommt einem Spanisch vor. Illustration: Veronika Vonderlind

Kurz nach ihrem Einzug erhält Finja eine Nachricht. Ihre Vormieterin erkundigt sich, ob das Fenster in der Küche kaputt ist. Die Hausverwaltung habe vorgegeben, ihr die Kaution nicht auszahlen zu können, da das Fenster beschädigt sei und die Kaution die Renovierungskosten nicht decke. Finja verneint. Sie beschäftigt sich zunächst nicht weiter damit. Sie ist gerade eingezogen, hat ihre Kaution gezahlt und hofft auf eine schöne Zeit in der neuen Wohnung. Dass das Unterschlagen der Kaution keine Ausnahme war, sondern System hat, wird sie erst später begreifen.

Die Kautionen der Betroffenen, mit denen das Akrützel in Kontakt stand, betrugen zwischen 860 und 1110 Euro. Die gesetzlich vorgesehene Rückerstattung nach dem Ende des Mietverhältnisses blieb fast immer aus. Nur eine Person sah ihr gesamtes Geld wieder. Dafür musste sie eine Anwältin einschalten, bis ein Gerichtsvollzieher schließlich die Summe pfändete. Mittlerweile haben die Betroffenen wenig Hoffnung, dass sie ihr Geld zurückbekommen. Der Aufwand ist zu groß, um sich zu wehren, und zu undurchsichtig sind die möglichen Maßnahmen. Die Probleme beginnen schon im alltäglichen Miteinander zwischen der Hausverwaltung, der Vermietung und den Bewohnerinnen.

Es ist kurz vor Semesterbeginn: Der Jenaer Wohnungsmarkt ist trocken. Als Neuankömmling in Jena ist WG-gesucht eine beliebte Anlaufstelle. Dort stoßen nicht wenige Suchende auf die Anzeige eines so genannten Internationalen Studentenhauses. Dahinter steckt jedoch keine Unterkunft des Studierendenwerks, es handelt sich um privat vermietete Zimmer. Beigefügte Fotos zeigen ein hellblau gestrichenes, dreistöckiges Gebäude direkt an der Wagnergasse. Zu sehen sind saubere, sonnendurchflutete Zimmer.

Ein verlockendes Angebot

Die zentrale Lage, die fairen Preise und die Möglichkeit, sich selbst vom Wohnungsmarkt zu nehmen, stellen ein verlockendes Angebot dar. Der Name des Hauses und die hochwertigen Bilder lassen die Anzeige professionell erscheinen. Sobald sich eine Bewerberin für eine Anzeige interessiert, kommt sie mit einer Frau Schilling über WG-gesucht in Kontakt. Wie alle Personen, die in diesem Text vorkommen, heißt sie eigentlich anders. Eigenartig ist jedoch, dass keine der ehemaligen Mieterinnen Frau Schilling jemals zu Gesicht bekommen hat – sie bezweifeln sogar ihre Existenz. Hinter ihrer Nummer stecke wohl eher ein Herr Brandt, Ehemann der Vermieterin und Hausverwalter des Johannisplatz 16. Warum ein gänzlich anderer Name für die Anzeige verwendet wurde, ist eine von mehreren ungeklärten Fragen rund um das Traumobjekt mitten im Zentrum Jenas.

Auf eine höfliche Besichtigungsanfrage erhalten Suchende eine weniger höfliche Aufforderung, ihre Bankdaten, Kopien sämtlicher Ausweisdokumente, Studienzulassung und Liquiditätsnachweise an die Hausverwaltung zu schicken, damit eine Besichtigung stattfinden kann. Die Nachricht ist übersät mit Punkten und Ausrufezeichen und lässt die professionelle Fassade erstmals bröckeln. Ehemalige Mieterinnen beschreiben das folgende WG-Casting als flüchtig und unstrukturiert. Für Wohngemeinschaften eigentlich untypisch, werden die Mitbewohnerinnen nicht in den Auswahlprozess einbezogen. Interessierte treffen ausschließlich auf eine als überfreundlich beschriebene Angestellte der Hausverwaltung oder eben Herrn Brandt, den Hausverwalter. Die beiden präsentieren die Zimmer und drängen die Suchenden dazu, zeitnah und möglichst am selben Tag noch eine Reservierungsgebühr von 350 Euro in bar zu hinterlegen. Teilweise sei dieses Geld in die erste Monatsmiete eingeflossen, bei anderen habe es sich um eine separate Zahlung gehandelt.

Kein Geben und Nehmen. Illustration: Veronika Vonderlind

Wenn man das „Internationale Studentenhaus“ betritt, wird man auf den drei Etagen hinter den Wohnungstüren von insgesamt 22 durchnummerierten Zimmertüren empfangen. Die Etagen sind in je zwei Flure gegliedert, die sich jeweils eine Küche teilen. „Das Haus ist so eingerichtet, dass möglichst viele Studierende hineinpassen“, sagt Johanna.

Nur zwei Zimmer können nicht bewohnt werden. Sie fungieren nämlich als Lager und Büro der Hausverwaltung. Das Büro ist in die Wohnung des ersten Stockwerks integriert. Das gibt der Hausverwaltung die Möglichkeit, nach Belieben ein und aus zu gehen. Zeitweise wird das Zimmer für andere Zwecke verwendet. Es sorgt für unangenehme Stimmung, wenn die Vermietung einen privaten, unangekündigten Besuch am Abend bekommt. Es verschlechtere zusätzlich die Atmosphäre, wenn dieser Besuch auch noch raucht, sagt Matteo. Das Rauchen ist eigentlich im gesamten Haus verboten.

Ausgezogene Bewohnerinnen stehen vor dem Problem, dass sie ihre Kaution nicht zurückbekommen.

Das neue Zuhause der Mieterinnen mit einem Standort mitten in Jena verlangt den Bewohnerinnen im Alltag aber einiges ab. Neben dem normalen Studialltag müssen sich die Mieterinnen des Studentenhauses an strikte Putzvorgaben für Küche, Bad und Flur inklusive korrekter Durchführung halten.

Die Hausverwaltung, die einmal wöchentlich das Treppenhaus putzt, nutzte in den letzten Jahren nicht selten die Gelegenheit, in den Wohnungen nach dem Rechten zu schauen. Da die persönliche Privatsphäre nicht geachtet wurde, „fühlte man sich wie in der Jugendherberge“, erzählt Julian. Sein ehemaliger Mitbewohner Oscar beobachtete einmal, wie die Hausverwaltung in das Zimmer von Julian ging. Erst später stellte sich heraus, dass dies nicht mit ihm abgesprochen war.

Die aktive Gestaltung und Nutzung des Wohnraums ist nach dem Eindruck der Bewohnerinnen ungern gesehen, ebenso wird der Empfang von Besuch als nicht erwünscht empfunden. Obwohl Oscar stets darum bemüht ist, sich gut mit der Hausverwaltung zu stellen, um Probleme zu vermeiden, werden Julian und er mehrfach ermahnt. „Die hatten ihre Lieblings- und Hassmieterinnen“, sagt Julian. In einem Schreiben, das neben dem Büro der Hausverwaltung hängt, bezeichnet diese ihr erneutes Hinweisen auf vermeintliche Missstände in der WG als ein „Trauerspiel“, vor allem, da es sich um „erwachsene, junge Männer“ handelt. Der Zettel richtet sich dabei an die gesamte WG mit der Ausnahme eines Mitbewohners. „Manche hatten sie besonders auf dem Schirm“, sagt Julian.

Auf dem Zettel mit der Überschrift „Grundreinigung und Hygiene“ werden die Bewohner der WG dazu aufgefordert, das Badezimmer zweimal in der Woche sowie die Küche täglich nach der Nutzung gründlich zu reinigen. Obendrein verlangen die Vermieter von der WG, einen Reinigungsplan im Flur aufzuhängen, den sie kontrollieren können. Schließlich verweist die Verwaltung darauf, dass die WG mit „Geltendmachung von Schadensersatzansprüchen‘‘ aufgelöst würde, wenn es weiterhin zu Differenzen komme. Kosten für diesen „Verwaltungsakt“ würden gesondert in Rechnung gestellt.

Bis in die Kautionslosigkeit

Nun stehen viele ehemalige Bewohnerinnen vor dem Problem, dass sie ihre Kaution nicht zurückbekommen. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch ein existenzgefährdender Umstand, da es sich um erhebliche Summen handelt. Wenn sich dann noch die Hausverwaltung und Vermietung nicht kooperationswillig zeigen und in der Regel die Anfragen unbeantwortet lassen, vergrößert sich der Raum für Verzweiflung und Frust.

Bereits die Kontaktaufnahme stellt für die Bewohnerinnen eine Herausforderung dar. Es gibt bis heute keine einheitliche Adresse der Hausverwaltung, sondern drei verschiedene. Jedes Schreiben mit einer Bitte um Rückzahlung kam deshalb zu den ehemaligen Bewohnerinnen zurück oder wurde nicht beantwortet. Nur Johanna konnte mithilfe einer Anwältin und des Meldeamts Licht in den Adressendschungel bringen.

Falls doch mal eine Rückmeldung auf die zahlreichen E-Mails oder Telefonanrufe der ehemaligen Mieterinnen kam, lehnte die Verwaltung die Bitte einer Rückzahlung ab. Das Geld sei bereits für Renovierungsarbeiten, Verwaltungskosten, hauswirtschaftliche Dienstleistungen und Handwerkerrechnungen verbraucht worden. Nachmieterinnen bestätigen, dass bis zum jetzigen Stand keine der besagten Renovierungsarbeiten vollzogen wurden. Mit derselben Begründung bekommt Matteo, der sich schon frühzeitig darum bemühte, seine Kaution zu erhalten, nur ein Viertel seines Geldes zurück. Dazu wurde ihm unterstellt, mehrere Termine zur Übergabe der Kaution verpasst zu haben, die aber niemand mit ihm festgelegt hatte. Andere Mieterinnen, wie Finja, warten bis heute vergebens auf eine Antwort der Vermietung.

Ehemaligen Mieterinnen zufolge wird nicht nur die Kaution nicht zurückgezahlt, sondern es wird versucht, die doppelte Miete zu kassieren.

Ehemaligen Mieterinnen zufolge wird nicht nur die Kaution nicht zurückgezahlt, sondern es wird versucht, die doppelte Miete zu kassieren. Isabella, eine weitere ehemalige Mieterin, hat von der Hausverwaltung insgesamt zwölf Mahnungen mit der Anschuldigung bekommen, ihre Miete nicht bezahlt zu haben. Obwohl die internationale Studentin der Hausverwaltung direkt im Anschluss an die Zahlung einen entsprechenden Nachweis übermittelte, wurde sie ignoriert. Wochen später erhielt sie von Herrn Brandt einen Anruf mit der Drohung, dass sie von seinen Anwälten hören würde, sollte sie die eigentlich schon gezahlte Miete am nächsten Tag nicht zahlen. Ihr Anwalt sah in den Mahnungen der Hausverwaltung den Versuch, von ihr die doppelte Miete zu kassieren.

Johanna ist es als einziger dem Akrützel bekannten Bewohnerin gelungen, mit einem Vollstreckungsbescheid ihr Geld zurückzufordern. Über den großen Aufwand ärgert sie sich. Dass dieser nötig war, irritiert sie, zumal sie kein schlechtes Verhältnis zu Vermieter und Hausverwaltung pflegte: „[Sie] waren nicht meine Freunde, aber es hat schon gepasst.”

Weitere ehemalige Mieterinnen wollen nach diesem Erfolg auf dieselbe Weise das ihnen zustehende Geld einfordern. Zuvor hatten sich mehrere der betroffenen Personen zusammengetan, um zu versuchen, als Gruppe Druck auf die Hausverwaltung sowie die Vermieter auszuüben. Das Vorhaben scheiterte jedoch. Es kam nur zu vereinzelten Treffen zwischen den Bewohnerinnen, sodass sich die meisten abwandten und beschlossen, allein vorzugehen. Als Gruppe suchten sie Hilfe beim Mieterschutzverband, der sie zurückwies, da er bereits mit Fällen von Bewohnerinnen des Internationalen Studentenhauses ausgelastet gewesen sein soll.

So nah und doch so fern. Illustration: Veronika Vonderlind

Was deutlich wird, ist, dass sich die Vermieter und Hausverwaltung gezielt an der Naivität und Alternativlosigkeit junger, zugezogener Studentinnen bereichern. „Das sind irgendwelche alten Menschen, die versuchen, Studierende zu verarschen und anscheinend klappt es“, fasst Johanna zusammen. Es steht offensichtlich nicht im Interesse der Hausverwaltung und der Vermietung, einen angenehmen Wohnraum zu schaffen. Somit sehen sich die Bewohnerinnen gedrängt, binnen kurzer Zeit auszuziehen.

Doch Johannas Fall gibt Zuversicht: Er hat gezeigt, dass man sich durch unnachgiebiges Handeln mit juristischer Unterstützung erfolgreich zur Wehr setzen kann. Darüber hinaus ist es für ein weiteres zielführendes Vorgehen unerlässlich, dass sich die Betroffenen untereinander vernetzen. Befremdlich bleibt es dennoch, wie wenig Handlungsmöglichkeiten sich Studierenden eröffnen, um für ihr Recht und ihr Geld einzustehen.

Zahlreiche Geschichten über das Internationale Studentenhaus fehlen in diesem Text. Sie haben hier keinen Platz gefunden, weil die involvierten Personen persönliche oder juristische Konsequenzen fürchten.

Auch die Haussverwaltung wurde gebeten, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Sie verwies an ihre Rechtsberatung, ohne eine Kontaktaufnahme möglich zu machen. Darüber hinaus kündigte die Hausverwaltung an, Schadensersatzansprüche gegen das Akrützel zu stellen.

Eine Antwort auf WG-Gefürchtet

  • Habe 2019 dort als neuer Studi eine Wohnungsbesichtigung gemacht – kam mir damals schon richtig shady vor. 15 Leute auf einmal bei der Besichtigung; direkt auf einen Abschluss des Mietvertrages gedrängt. Wenigstens konnte ich drei Worte mit einem dortigen Bewohner wechseln, der mir abriet. Im ganzen Haus durfte laut Hausverwaltung zudem keine (!) Waschmaschine aufgestellt werden! Kann diesen Abzockern mal jemand das Handwerk legen?

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