Ein abruptes Ende

Um die Juniorprofessur für Digital Humanities weiterhin finanzieren zu können, plant die Philosophische Fakultät die Abschaffung eines anderen Lehrstuhls. Das bedeutet das Aus für die Geschlechtergeschichte in Jena.

von Carolin Lehmann und Henriette Lahrmann

Ich will den Leerstuhl. Foto: Pauline Schiller

Unbemerkt von den meisten Studierenden, jedoch nicht sang- und klanglos, droht die Philosophische Fakultät einen Lehrstuhl zu verlieren. Die 2019 geschaffene Juniorprofessur für Digital Humanities muss verstetigt, also dauerhaft finanziert werden. Bislang übernahm dies das Bundesministerium für Bildung und Forschung; da die Förderperiode nun aber ausläuft, entsteht ein finanzieller Engpass.

Der Philosophische Fakultätsrat beauftragte eine Strukturkommission, diesen zu lösen. Um Geld einzusparen, hätte man zum Beispiel jene Stellen, die in der Fakultät sowieso frei werden, zunächst für zwei Jahre sperren und nicht neu besetzen können; diese solidarische Lösung lehnte das Gremium aber aufgrund des administrativen Aufwands ab. Stattdessen diskutierte man die Einkürzung eines bestehenden Lehrstuhls. Infrage kamen die Professur für Lateinische Philologie des Mittelalters und der Neuzeit sowie jene für Geschlechtergeschichte. Die Inhaberinnen beider Lehrstühle werden innerhalb der nächsten Dekade pensioniert, was dem Fakultätsrat als willkommener Anlass schien, einen der beiden Lehrstühle tutti completti gleich mit abzuräumen.

In der Kritik stehen vor allem die Prozesse im Vorfeld der Entscheidung. Noch-Lehrstuhlinhaberin, Gisela Mettele, beklagte in einem Interview mit der Zeitung Neues Deutschland (ND) die mangelhafte Begründung und fehlende Nachvollziehbarkeit der Streichung. Sie habe den Eindruck, zwei Lehrstühle seien „faktisch gegeneinander ausgespielt” worden. Ende Mai erhielten beide Professorinnen unabhängig voneinander eine Einladung zur Sitzung der Strukturkommission Anfang Juni. In dieser wurde den Lehrstühlen erstmals das mögliche Vorhaben der Fakultät, einen bestehenden Lehrstuhl für die Verstetigung der Juniorprofessur abzuschaffen, unterbreitet. Die Folge: Empörung auf beiden Seiten und Stellungnahmen, in denen beide Lehrstühle die Notwendigkeit ihres Weiterbestehens begründeten.

Das Strippenziehen hinter der Entscheidung

Metteles Eindruck nach sind den Sitzungen des Fakultätsrats längst informelle Gespräche über die geplante Streichung der Geschlechtergeschichte vorausgegangen, äußerte sie im ND-Interview. Der offiziellen Einladung zur Fakultätsratssitzung am 12. Juli gemäß sollte die Finanzierungsdebatte zunächst im nicht-öffentlichen Sitzungsteil stattfinden. Einen Tag vor der Sitzung wurde der Tagesordnungspunkt kurzfristig in den öffentlichen Teil verschoben, wodurch das Gutachten der Strukturkommission erstmalig für die beiden betroffenen Lehrstühle einsehbar wurde. In der Sitzung wurde dann abgestimmt – mit dem Ergebnis: Die Geschlechtergeschichte muss weichen.

Das Fach Geschlechtergeschichte wurde 2010 im Zuge der Bewerbung für die Ex-
zellenzinitiative eingerichtet, da die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) bei der Vergabe von Drittmitteln bekanntermaßen Wert auf Genderkompetenz legt. Die Freund:innen der Geschlechtergeschichte, eine in Reaktion auf die geplante Streichung gegründete Arbeitsgruppe aus Mitarbeitenden des Fachs und anderen Interessierten startete eine Petition zum Erhalt ihrer Professur, die bis Redaktionsschluss über 2200 Unterstützende fand. Ob diese Petition noch irgendwas kippen kann, ist fraglich. Auch der

Hier Entrüstung, dort Achselzucken

Der Fall erregte bereits Aufsehen, auch überregional. Vertreter:innen der Geschlechterforschung appellieren an Präsident Walter Rosenthal, die Professur beizubehalten. Zahlreiche Bündnisse aus Jena und dem Umland bekundeten ihre Solidarität, unter anderem auch das Referat Queer-Paradies des FSU-Stura. Doch die Freund:innen der Geschlechtergeschichte wollen noch mehr Öffentlichkeit und planen bereits Anfragen bei FAZ und Zeit Campus.

Präsident Rosenthal, der sich lange zur Thematik bedeckt hielt, bedauerte zwar nach eigener Aussage das Wegfallen der Geschlechtergeschichte, respektiere die demokratisch gefällte Entscheidung des Fakultätsrats aber. Das sei eine fakultäts- interne Angelegenheit und die Universität müsse sich eben aufs Sparen einstellen. So schade es um das Fach Geschlechtergeschichte ist – liest man sich den Bericht der Strukturkommission durch, scheint es sich hier um eine wohl überlegte und weitreichend begründete Entscheidung zu handeln.


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