Die deutsche Verbrüderung

Die Jenaer Burschenschaften sind seit Jahren um einen liberal-konservativen Anstrich bemüht. Doch die Brandmauer nach rechts bröckelt. Eine Dokumentation politischer Verantwortungslosigkeit

von Leonard Fischer und Johannes Vogt

Josef Kraus ist unzufrieden. Unzufrieden mit der gegenwärtigen Politik und dem gegenwärtigen Zeitgeist. Kraus ist vor allem dagegen. Gegen Abtreibung, gegen „öffentlich-rechtliche Zwangsindoktrination“, gegen „CO2-Klimaideologie“, gegen „Genderismus“, gegen Kinderrechte im Grundgesetz, gegen „Hypertoleranz“, gegen „linke Weltfremdheit“ und „Inquisitionswahn“, gegen „Autorassismus“, gegen queere Menschen und gegen Anglizismen. Junge Klimaaktivist:innen nennt Kraus „Schulschwänzer“ und „Freitagshüpfer“, den Begriff „Bevölkerung“ will er wieder durch das bewährte „Volk“ ersetzen. Tosender Applaus durchflutet stellenweise das Fair Resort Hotel im Jenaer Ortsteil Zöllnitz. Niemand protestiert. Später am Abend kommt ein Bursche auf uns zu: „Das war das Rechteste, was ich hier bisher gehört habe. Ich fand das meiste nicht gut. Aber Gendern ist mir scheißegal.”

Festkommers oder Karnevalsverein

Kraus hält diese Rede auf dem 6. Burschentag der Allgemeinen Deutschen Burschenschaft (ADB). Die Chargierten tragen Schärpe, Kneipjacke und eine Mütze mit Federn, beim Einmarsch strecken sie ihre Degen in die Höhe. Der Kommers wirkt wie eine Prunksitzung zur Fastnacht: Auf der Bühne Menschen mit bunten Hüten, es fließt viel Alkohol und die Show ist nicht witzig. Ein Bursche leitet durch den Abend: „Silentium!“ Es wird still im Saal, alle stehen auf und singen Lieder – nicht gleich die drei Strophen des Deutschlandliedes, das kommt erst später. „Silentium ex! Kolloquium!“ Gesellige Unterhaltungen sind wieder erwünscht. Dann wieder: „Silentium“.

„Jena braucht keine Burschenschaften”

Während im Saal die Burschen marschieren, singen und deutsche Folklore zelebrieren, versammeln sich vor dem Hotel etwa 25 Aktivist:innen der Kampagne Elend im Studierendenmilieu. Ihr Motto: „Männerehren kränken – Burschentag versenken“. Es ist Oktober 2021. Die Herbstkälte hält sie nicht davon ab, ihre Kritik am Nationalismus, Elitarismus, Sexismus und Antifeminismus der Burschen kundzutun. Auch Kontakte in die rechtsextreme Szene werfen sie ihnen vor. „Burschenschaften sind Strukturen, die einer offenen Gesellschaft entgegenstehen”, meint einer der Demonstranten. Für die Kampagne ist klar: „Jena braucht keine Burschenschaften – weder gestern noch heute.“
Kraus‘ Rede lässt erahnen: Unbegründet ist das nicht. Der 72-Jährige war nicht nur 30 Jahre lang Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, sondern auch für zahlreiche neurechte Medien als Publizist tätig, unter anderem in der Jungen Freiheit, Cato, Cuncti und Tichys Einblick. Das CSU-Mitglied publizierte auch im Manuscriptum-Verlag – ebenso wie Alexander Gauland, Akif Pirinçci und Björn Höcke. Für den nächsten Tag steht auf der ADB-Redeliste Georg Pazderski, Ex-Fraktionschef der AfD im Abgeordnetenhaus von Berlin.

Die DB und der Ariernachweis

Auch die Jenaer Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller an der Camsdorfer Brücke ist Mitglied der ADB. Die ADB gründete sich 2016 aus Ex-Mitgliedern der rechtsextremen Deutschen Burschenschaft (DB). Der zentrale Unterschied: Die DB vertritt das Abstammungsprinzip, die ADB das Gesinnungsprinzip. Ursprung der Spaltung war die Diskussion über „Rassevorschriften“ in der DB im Jahr 2011. Der Bursche einer Mannheimer Burschenschaft war anderen Korporationen ein Dorn im Auge, sie wollten die Mannheimer daraufhin aus der DB ausschließen. Grund: Seine Eltern stammten aus Hongkong. Ihrem Antrag zufolge sei es „besonders in Zeiten fortschreitender Überfremdung nicht hinnehmbar, dass Menschen, welche nicht vom deutschen Stamm sind, in die Deutsche Burschenschaft aufgenommen werden“.

„Man ficht miteinander, nicht gegeneinander“

Die Arminia und zwei der größten Burschenschaften Jenas – Teutonia und Germania – verließen bereits vor der Austrittswelle 2011 die DB. Von der Arminia spaltete sich deshalb ein Teil ab, um in der DB zu bleiben und gründete die Alte Burschenschaft Burgkeller Jena. In Jena gründete sich außerdem 1999 die Normannia, die heute in Kahla residiert. Die anderen Burschenschaften erkennen die Normannia – heute ein Zentrum der Thüringer Neonazi-Szene – aufgrund ihrer fehlenden Tradition jedoch kaum an.

„Wir sind die Verfechter der Demokratie“

Das Verbindungshaus der Jenaer Urburschenschaft Arminia sieht von innen aus wie eine Jugendherberge mit modernen Toiletten und einer auffälligen Vorliebe für deutsche Geschichte. Die Gänge sind unpersönlich, die Wände gesäumt mit fotografischen Porträts der vergangenen 200 Jahre. Herz des Hauses ist neben dem Bierlager der Festsaal. 

Kein Schiss vorm Schmiss. Foto: Johannes Vogt


In dem holzverkleideten Raum steht neben einer Büste Bismarcks – für die Burschen umstritten als Macher der deutschen Nation und Anti-Demokrat – ein Schwert von der Wartburg, die Wand schmückt eine der ersten Deutschlandflaggen in Schwarz, Rot und Gold. Die Burschen sind stolz auf diese Geschichte. „Wir sind die Verfechter der Demokratie“, sagen die Studenten der Arminia. Im Verbindungsleben müsse jeder seine Position verteidigen können. Das schließe per se jeden politischen Extremismus aus, „egal ob von links oder rechts“.

Die AfD ist auch mal zu Gast

Konsequent ist die Abgrenzung nach rechts indes nicht. Im Jahr 2016 stellte die Burschenschaft Arminia ihre Räumlichkeiten dem Jenaer Stadtverband der AfD zur Verfügung. Außerdem befinden sich in allen drei Burschenschaften Mitglieder der AfD und ihrer Jugendorganisation Junge Alternative (JA). Das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) bewertet die JA als rechtsextremen Verdachtsfall wegen „hinreichend gewichtiger Anhaltspunkte für eine Bestrebung gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung“. Dasselbe gilt für die völkisch-nationalistische AfD-Gruppierung Der Flügel, der den AfD-Landesverband in Thüringen mit Björn Höcke an der Spitze dominiert. Für die Burschen ist die Grenze nach rechts bei AfD-Mitgliedern jedoch noch nicht überschritten.
Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt Axel Salheiser. Der Rechtsextremismus-Experte ist Referent am Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft (IDZ) in Jena und Mitglied im KomRex – Zentrum für Rechtsextremismusforschung an der FSU. Völkische Positionen machen zwar nicht den Kern der Burschenschaften aus, eine klare Abgrenzung findet laut Salheiser jedoch nicht statt. „Burschenschaften zeichnen sich durch eine patriotische Traditionsliebe aus, die teilweise fließend in völkischen Nationalismus übergeht und einer revisionistischen Umdeutung der deutschen Geschichte Vorschub leistet.“

„Deutschland, Deutschland über alles in der Welt“

Die Burschen der Arminia verstehen sich selbst als kulturell konservativ. „Wer nicht gerne singt und eine Vorliebe für deutsche Geschichte hat, für den ist eine Burschenschaft nichts“, meint Heiko von der Arminia. „Dadurch ist auch die Mehrheit der Mitglieder politisch konservativ, aber das ist nicht unser Wesen.“ Heiko versteht den schlechten Ruf der Burschenschaften nicht: „Was denken die denn? Dass wir hier den ganzen Tag herumsitzen und Bücher verbrennen?“
Auch der Fechtsport ist Teil dieser konservativen Kultur. Während der Paukstunde müssen sich die Burschen am Degen beweisen. Einer kommt zu spät, der Fechtwart bestraft ihn mit Liegestützen – eine pro verpasster Minute. Währenddessen schlagen zwei seiner Bundesbrüder – mit einem Gitter vor dem Gesicht geschützt – abwechselnd aufeinander ein. Den Takt gibt der Fechtwart vor. In einer Kreisbewegung schleudern sie ihren Schläger immer wieder auf das Gegenüber. Vier Schläge. Pause. Wieder vier Schläge. Rhythmus und aufrechter Stand lassen das Duell wie eine einstudierte Choreographie erscheinen. Die Schläge werden natürlich abgewehrt, denn „man ficht miteinander, nicht gegeneinander“. Im Fechtkampf wollen die Burschen eine studentische Tradition erhalten. Sie ist aber auch eine Mutprobe: So wird deutlich, wer wirklich hinter der Verbindung steht. Problematisch finden die Burschen der Arminia das nicht.

Verantwortungsloser Konservatismus

Die Burschen der Arminia scheinen heute beinahe unpolitisch, stattdessen auf der Suche nach Gemeinschaft, Bier und günstigem Wohnraum. Einige führte die WG-Suche zufällig hierher, andere Familien-traditionen, wieder andere die Passion für deutsche Geschichte. Einerseits sind sie unsicher, wo die Grenze des demokratischen Diskurses verläuft. Andererseits meine man zu wissen, dass politische Extreme per se keinen Platz in einer Burschenschaft haben. Die Burschen der Arminia sehen sich als Kämpfer für die Demokratie. Ihr Begriff davon bleibt jedoch vage.
Die ADB ist nicht rechtsextrem. Trotz allem verbindet sich in ihr eine ungesunde Melange aus bürgerlich-konservativen und offen rechten Positionen. CDUler und FDPler trinken hier bedenkenlos Bier mit AfDlern, wohnen zusammen, singen gemeinsam „Deutschland, Deutschland über alles in der Welt“. Eine Brandmauer nach rechts existiert hier nicht. Burschenschaften fungieren als Scharnierfunktion zwischen Konservatismus und der Neuen Rechten, in denen Trink- und Fechtrituale junge Studenten zu echten Männern und aufrechten Deutschen erziehen sollen. AfD-Mitglieder sind in der ADB weder dominant noch ein Problem, sondern eine gleichberechtigte Komponente des Verbandes, der neurechten Denkern wie Josef Kraus bereitwillig eine Bühne bietet. Ist die Mehrheit schweigend konservativ oder zustimmend rechts? Es bleibt offen. Diesen Umstand kann man kulturellen Konservatismus nennen. Oder politische Verantwortungslosigkeit.

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