Jena, ich liebe dir

Teil 2: Die Landgrafen-Bank Nummer 152
von Kristin Haug

Wenn es in der Stadt nebelig wird, dann verschwindet die Stadt da unten. FOTO:Kristin Haug

Hjühp, hjühp. Wenn die Vögel hier oben zwitschern, dann hört es sich fast so an, als klappe man den Deckel eines quietschenden Kopierers nach oben. Langsam quäle ich mich hinauf zur „Eule“, einer Bergfront am Rücken des Landgrafen. Die Waden zwicken, die Knie ächzen. Der Schweiß perlt mir herunter, ich selbst aber will hinauf – den Po bewegen, die Uni vergessen, allein sein. Hoch oben, da kreuzen sich die Wege durch die Bäume und Felder und wenn es neblig ist, dann kann man sich vorstellen, nicht die Stadt, sondern das Meer liege unter einem. Hier kann ich mit Jena abschließen, mit der Stadt, mit dem kleinen Mikrokosmos, in dem sich die Menschen drei Mal am Tag über den Weg laufen und jedes Mal Hallo sagen. Hier ist niemand, nur die Entspannung. Im Sommer schallen die Lieder der Kulturarena hinauf und zur Fußballmeisterschaft die umjubelten Tore. Eigentlich bin ich ja hier, um noch eine Runde um den Berg zu laufen, wegen der Fitness. Letzen Endes übermannt mich aber die ganze Entspannung und da ist auch noch diese Bank. Sie trägt die Nummer 152 und sitzt auf einem abgeschlagenen Weg hinter einem Strauch mit roten Beeren und schaut hinunter ins Tal. Das Laub ist feucht und manche Blätter sind so braun und so gerollt, dass sie aussehen wie Hundekötel.

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Nichts geht mehr

Schiedskommission empfiehlt Auflösung des Studentenrats
von Johannes Wander

Frances Karlen und Enrico Schurmann leiteten die konstituierende Sitzung.FOTO:Matthias Benkenstein

„Sowas Lächerliches muss ich mir nicht geben!“ Berengar Lehr verlässt kopfschüttelnd den Sitzungsraum des Stura. Andere Mandatsträger schließen sich ihm an und kehren der Schiedskommission den Rücken zu. Diese hat dem Gremium soeben verkündet, dass es sich vermutlich auflösen und Neuwahlen durchführen muss. Die Sturawahlen vom Juli dieses Jahres waren von zwei Jurastudenten angefochten worden (Akrützel berichtete). Zur Begründung hieß es, es fehle eine eigene Wahlordnung des Studentenrats. Bisher orientierte dieser sich an der Wahlordnung der FSU, was aber Einzelkandidaten der Fakultäten laut Kläger massiv benachteilige. Anfang vergangener Woche veröffentlichte die Schiedskommission nun das Ergebnis ihrer Untersuchungen. Dort wird den Antragstellern recht gegeben und dem Stura eine Neuwahl empfohlen.
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Das Desaster mit dem Dachs

Die Online-Studienverwaltung “Friedolin” bricht erneut zusammen

Nicht so unschuldig, wie er aussieht: Friedolin, der Dachs.FOTO:pixelio

von Jonas Janssen

Friedolin (Friedrich-Schiller-Universität-Online) sorgt zu Beginn des laufenden Semesters wieder für eine Menge Ärger und Verwirrung: Zum Beispiel unterscheiden sich auf der Internetseite Rubriken, die eigentlich synchronisiert sein müssten. Eine zeigt „zugelassen“, eine andere nur „angemeldet“ für Veranstaltungen an, in die man sich eingeschrieben hat. Das sollte eigentlich unmöglich sein. Mehrere Studenten, vor allem aus der Soziologie, berichten von E-Mails, in denen sie für Seminare zugelassen wurden, zu denen sie sich nie angemeldet hatten. Auf Nachfrage beim Dozenten erhalten sie zur Antwort: „Mails, die Friedolin versendet, einfach nicht beachten, das Chaos tobt.“ Teilweise sind Abmeldungen von Veranstaltungen nach wie vor ganz unmöglich. In schöner Regelmäßigkeit tauchen auch Veranstaltungen, die man sich abgespeichert hat, nicht mehr auf.
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Akrützel deckt auf

Die Irrfahrten eines Fotoautomaten

von Uli Sauer

FOTO:aus dem Fotoautomaten

Bis vor kurzem sah man vom frühen bis zum späten Abend kichernde Mädchen, händchenhaltende Pärchen und Partygänger vor ihm: dem orangefarbenen, großen Kasten mit dem schwarzen Vorhang, der roten Aufschrift „Photoautomat“ und dem Charme längst vergangener Tage. Jeder fragte sich, woher der Automat plötzlich kam und warum er auf dem Abbe-Platz stand. Erst konnte man ihn in der Nähe des „Museums auf Achse“ betrachten, später neben der Mensa. Und so schnell und heimlich, wie er auftauchte, verschwand er auch wieder. Sein vorerst letztes Asyl fand er nun am Café Wagner.

Zum ersten Mal wurde er im Juli aus München abgeschoben, weil er sich dort nicht mehr rentierte. Deshalb holte Therese Koppe den Automat nach Jena und rettete ihn so vor seiner Verbannung nach Berlin. Seitdem kümmert sie sich mit drei Freunden um den Fotoautomaten. Sie selbst ist Soziologie- und Kunstgeschichtestudentin an der Uni und stammt aus Berlin. Aus dieser Stadt kommt auch der Initiator Asger Doenst. Der Kameramann hatte die Idee, Fotoautomaten aus den 50er- und 60er-Jahren aufzustellen. Er kümmerte sich um die Beschaffung der alten Automaten, die vorwiegend aus den USA stammen, und ließ sie restaurieren. Mittlerweile finden sich, ausgehend von Berlin, in fast allen großen Städten Deutschlands solche Fotoautomaten. Sogar bis Paris hat sich dieser Trend durchgesetzt und er erhält immer mehr Anhänger.
In Jena bekam Therese eine zeitlich begrenzte Aufstellgenehmigung von der Universität Jena für den alten Neuling, die Anfang Oktober endete. Die Raumverwaltung verlängerte den Vertrag nicht, obwohl das Kulturreferat des Sturas Teile der Einnahmen aus der Campuszeit des Automaten erhält und er hoch frequentiert wurde, vor allem während des Festivals „Four Days in Paradise“. So musste Therese für den ihr anvertrauten Automaten ein neues Obdach suchen. Die Stadt Jena und JenaKultur lehnten die Aufstellung des Fotoautomaten in öffentlichen Bereichen ab, weil der Automat nicht ins Stadtbild passe.
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Gitarrengeschrubbe mit provinzieller Sehnsucht

 Ein Gespräch mit „The Notwist“ vor ihrem Konzert bei der Jenaer Kulturarena 2008

Das Gespräch führten Louisa Reichstetter und Lutz Thormann 

 Jena, 20. August 2008. In der letzten Woche der Kulturarena spielt die Band aus Weilheim auf dem Theatervorplatz. Vor dem Konzert treffen wir Markus Acher, Gitarrist und Sänger, im Garten des Café Grünowski. Mitten im Interview fallen zwei riesige Hornissen vom sonnigen Himmel auf die Picknickdecke. Sie kämpfen wie wild miteinander. Acher runzelt kurz die Stirn und spricht dann seelenruhig weiter über seine Schulzeit, das europäische Konzertpublikum und das Rauchverbot.

The Notwist

„The Notwist“ ­– was bedeutet euer Bandname?
Das bedeutet gar nichts. Es sollte ein total sinnloser Name sein. Vor fast 20 Jahren haben wir an einem Radiowettbewerb für Nachwuchsbands teilgenommen, „Demokassettentest“ hieß das. Damals haben wir ein Lied abgegeben, das wir eigentlich selbst ganz schrecklich fanden. Und dazu haben wir uns einen ganz schlimmen Bandnamen ausgedacht. Es sollte auf jeden Fall was mit „The“ vorneweg sein. Und „No“ kommt bei Jugendlichen immer gut.

Was war das damals für ein Lied?
Das hatte nix mit dem jetzigen Notwistsound zu tun. Es war ein schlechtes Punklied [fängt an zu singen]: „Freitagmittag, die Schule ist aus! Wir gehen nach Haus!“

Heute seid ihr berühmt und geltet doch als scheu, wie ward ihr als Schüler?
Eher Außenseiter. Alle aus der Band. Wir sind auch oft durchgefallen.
Für mich war das Abitur ziemlich schwer und mein Bruder hat gar keinen nennbaren Schulabschluss. Wir waren einfach zu still.

Jetzt liest man in den Feuilletons, The Notwist sei „Deutschlands bedeutendste Indieband“. Was verstehst du unter „Indie“?

Diese Kritiken finde ich total schlimm. Und doch: „Indie“ bedeutet uns immer noch viel, denn es steht für „independent“. Wir versuchen, so unabhängig wie möglich von Plattenfirmen und Geldgebern zu sein. Die alte Hardcore-Bewegung und ihre ganzen Ideen haben uns sehr beeindruckt. Außerdem ist „Indie“ etwas Musikalisches, also Gitarrengeschrubbe, und damit identifiziere ich mich gerne. Mit dem Label „bedeutendste Indieband“ kann ich hingegen wirklich wenig anfangen.

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„Der Pianist ist tot“

 Frankenstein eröffnet die neue Spielzeit des Theaterhauses

von Johannes Weiß

Huhauahahha. Ich habe Leben erschaffen.FOTO:Joachim Dette

Kühle Abendluft weht über den verlassenen Theatervorplatz auf die Zuschauerränge; Autos, Ampeln, Häuser, sogar der Turm in seiner ganzen Hässlichkeit sind zu erkennen. Die Lichter der Kleinstadt scheinen auf die Bühne, wo sich ein Mensch und ein Monster in eine Decke gehüllt haben und ihre letzten Minuten mit einem leisen Abschiedslied füllen.
Fast könnte so etwas wie Wehmut aufkommen, hätte man sich in den vergangenen zwei Stunden solche ernsthaften Gefühle nicht schon längst abgewöhnt.
„Schmutzige Schöpfung – Making of Frankenstein“ lautet der Titel des obskuren Theaterstücks, mit dessen Uraufführung das Theaterhaus Jena am 16. Oktober die neue Spielzeit mit dem vielsagenden Motto „Freikörperkulturen“ eingeläutet hat. Der Autor Thomas Melle versetzt die Frankenstein-Handlung ins 21. Jahrhundert und lockert sie ironisch auf – eine Richtung, die auch die Inszenierung des Teams um die junge Regisseurin Alice Buddeberg einschlägt.

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