Der alte Mann und der Funk

Zurück in die 70er mit Fred Wesley

Von Matthias Benkenstein

Foto: Flämig/Kulturarena

Eine Sex-Maschine ist er nicht. Fred Wesley denkt gar nicht daran, auf der Bühne herumzuhüpfen wie ein Ball – so wie James Brown es tat, der „Godfather of Soul“, mit dem Wesley jahrzehntelang musizierte. Der 67-Jährige aus Alabama erinnert an einen gemütlichen Opa, der am Grill steht und die Gäste unterhält. Nur dann und wann setzt er seinen wuchtigen Körper in Bewegung, steigt vom Barhocker und wendet nicht etwa Wurst, sondern bläst professionell in seine Posaune.

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Zaghafte Annäherungsversuche

Ein schüchternes Jenaer Publikum lauschte einem schüchternen Jochen Distelmeyer

Von Hauke Rehr

Foto: Flämig/Kulturarena

„Nicht so schüchtern! Es ist ein Rockkonzert!“ Und das war es auch. Distelmeyer hat nicht zu viel versprochen. Mochte auch der auf das Wetter gemünzte sanfte Einstieg „Regen“ an alte Blumfeld-Zeiten erinnern, legte Distelmeyer im Anschluss in der Tat rockige Titel vor, die Teile des trotz Jokerkarten mageren Publikums offensichtlich überraschten.

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Barschel in Genua

Wolfgang Engel inszeniert Schillers “Fiesco” am DNT Weimar

Von Johannes Weiß




Ich und meine Badewanne.

Foto: David Greater / DNT

Das ist ja grade noch mal gut gegangen. Eigentlich sollte Schillers frühes Drama „Die Verschwörung des Fiesco zu Genua“ schon vor über einem Jahr am Nationaltheater Weimar aufgeführt werden, doch wenige Tage vor der geplanten Premiere zog Intendant Stephan Märki „aus künstlerischen Gründen“ die Neuinszenierung zurück. Eine derartige Rücksichtnahme darauf, was dem zahlenden Zuschauer zugemutet werden kann, wünschte man sich auch von so manchen anderen Theaterhäusern. Was jedoch noch wichtiger ist: Das Warten hat sich gelohnt, der eigens engagierte Gastregisseur Wolfgang Engel hat am vergangenen Samstag einen zweifellos vorzeigbaren „Fiesco“ präsentiert.

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Der kleine große Saal

“Salon der Künste” in der Lutherstraße eröffnet

Von Philipp Böhm

Ein bisschen Boheme muss sein. Foto: Katharina Schmidt

Ganz still und heimlich hat sich abseits des kulturellen Betriebs im Stadtzentrum ein neuer Künstlertreffpunkt etabliert: In der Lutherstraße 7 haben die beiden Künstler Enrico Leimer und Stefan Berke im Herbst letzten Jahres den „Salon der Künste“ eröffnet. Dort hatte sich bereits seit sechs Jahren Leimers offenes Atelier befunden. Mit dem Salon möchten beide nicht nur eine neue Galerie aufbauen und einen Schauraum für Künstler bieten, sondern insgesamt die Jenaer Kunstszene beleben: „Wir haben eine nicht zu unterschätzende Menge an Künstlern in Jena, hier ist ein Haufen Potential vorhanden“, meint Leimer. Eine lebendige Szene gebe es jedoch nicht, was auch daran liege, dass die Räumlichkeiten fehlten. Deshalb soll der Salon der Künste neben den regelmäßigen Ausstellungen vor allem einen Treffpunkt bieten – für Künstler und kreative Köpfe, die hier gepflegten Gedanken- und Erfahrungsaustausch betreiben können.

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Das Phantom der Groschenoper

Siehst du den Mond über Soho?

Von Louisa Reichstetter

Foto: Bernd Uhlig/DNT Nationaltheater Weimar inszeniert Brecht als russisches Musical

„Dawai!“ Polly Peachum hat hinter dem Rücken ihrer Eltern, eines zwielichtigen Londoner Geschäftspaars, einen noch zwielichtigeren Konkurrenten geheiratet.Dafür wird sie nun mit russischen Imperativen von der Bühne gescheucht. Was Polly, die ihre Liebe selbstbewusst verteidigt, nicht weiß: Ihr Angebeteter Mackie Messer lässt nicht nur sie erbeben, sondern versetzt alle weiblichen Wesen – von Königin bis Hure – in einen erregten Schwebezustand unberechenbarer Handlungsfreudigkeit.

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Mir ist langweilig!

Spielzeiteröffnung am Theaterhaus mit “Villa dolorosa”

Von Johannes Weiß


Foto: Joachim Dette

Für Schauspieler ist es bestimmt ein sehr angenehmes Stück. Schließlich müssen sie hier gerade mal die Hälfte ihres Textes lernen, weil der sich spätestens ab Mitte der zweieinhalbstündigen Aufführung sowieso nur noch wiederholt. Obwohl sich die Handlung von Rebekka Kricheldorfs „Villa dolorosa“ über einen Zeitraum von zwei Jahren erstreckt, bleiben die Personen, ihre Probleme und ihre Gespräche doch weitgehend immer dieselben.
Denn es sind ständig in sich kreisende und im Leben festgefahrene Charaktere, die auf die Bühne des Theaterhauses Jena treten: Olga (Vera von Gunten) hat keinen Mann und eine langweilige Arbeit, Mascha (Zoe Hutmacher) keine Arbeit und einen langweiligen Mann, Irina (Saskia Taeger) weder Mann noch Arbeit und sie langweilt sich praktisch immer. Etwa gleich zu Beginn auf ihrer „öden“ Geburtstagsparty: Die Opernsammlung taugt nicht so recht zur Stimmungsmusik, Gäste außerhalb der Verwandtschaft hat Irina gar nicht erst eingeladen und dann bekommt sie auch noch die gleichen nutzlosen Geschenke wie jedes Jahr. Immerhin machen die drei Schwestern zu späterer Stunde Bekanntschaft mit dem extrovertierten Georg (Mohamed Achour), dessen Frau in regelmäßigen Abständen Suizidversuche unternimmt. Auch der Bruder Andrej (Ralph Jung) lässt sich mal blicken und versucht der Runde ein etwas abgehobenes Romankonzept näherzubringen.

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Blut und Briefe

Schillers “Don Carlos” am Nationaltheater in Weimar

Von Johannes Weiß

“Geben Sie Gedankenfreiheit!” Marquis Posa redet König Philipp ins Gewissen.
Foto: David Graeter/DNT

Nur selten kommt es vor, dass ein Programmheft so viel über eine Theatervorstellung aussagt. Während man sich sonst durch theoretische oder literarische Texte quälen muss, die mit dem Geschehen auf der Bühne sowieso nichts zu tun haben, ist es bei der Begleitbroschüre des neuen Weimarer „Don Carlos“ ganz anders: Abgesehen von der Besetzungsliste und einer Kurzzusammenfassung der Handlung sucht man hier vergebens nach Inhalten. Besser hätte die Inszenierung nicht beschrieben werden können. Gut, die Vorderseite des ausklappbaren Programmheftes zeigt zudem ein mit vielen bunten Pfeilen ausgestattetes Dia­gramm, das einen Überblick über die im Stück vorkommenden Briefe samt Absender und Empfänger bietet. Auf der kompletten Rückseite hingegen darf man ein Poster vom Alten Museum in Berlin mit der installierten Leuchtschrift „all art has been contemporary“ bewundern. Es drängt sich der Verdacht auf, dass der Regisseur Felix Ensslin und die Dramaturgin Susanne Winnacker eben einfach wenig zu sagen hatten. Die über dreieinhalbstündige Vorstellung widerlegt dies nicht.

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