Vergiftete Jugend

von Jessica Bürger

Ab 1974 wurde Dopen in der DDR zum Staatsplan, in dem 15.000 Kaderathleten Feldversuchen unterzogen wurden. Doch die Substanzen hatten schwerwiegende, körperliche Folgen für die Sportler, die noch heute darunter leiden.

Am 14. Juni 2002 begann eine neue Zeitrechnung in der Doping-Geschichte der DDR. An diesem Tag verabschiedete der Deutsche Bundestag das erste Doping-Opfer-Hilfegesetz (DOHG), ausgestattet mit einem 2-Millionen-Euro-Fonds. Wo es zuvor darum ging Beweise zu sammeln und die Täter zur Rechenschaft zu ziehen, standen nun die Entschädigung und die Versorgung der Betroffenen im Mittelpunkt. Dem Gesetz waren die Berliner Prozesse zwischen 1998 und 2001 vorhergegangen, in denen Mediziner, Trainer und Funktionäre des systematischen Dopings zur Zeit der DDR angeklagt worden waren. DDR-Sportchef Manfred Ewald, Generalsekretär des DDR-Schwimmverbandes Egon Müller und Sportmediziner Manfred Höppner waren nur drei von dutzenden, hochrangigen Personen des DDR-Sports, die sich der vorsätzlichen Körperverletzung und Beihilfe zur Körperverletzung verantworten mussten.
Das systematische Doping in der DDR, das etwa 15.000 Kaderathleten betraf, wurde seit 1974 im geheimen Staatsplan 14. 25 etabliert. Gerade in den Sportarten, in denen sich die DDR Medaillen erhoffte – also unter anderem in der Leichtathletik, im Radsport, Schwimmen, Eiskunstlauf und Boxen – hatten Trainer und Ärzte nicht nur die Erlaubnis, sondern die Verpflichtung die ihnen anvertrauten Jugendlichen mit so genannten „unterstützenden Mitteln“ (uM) zu versorgen. Darunter zählten Anabolika, Wachstumshormone und Psychopharmaka, Betablocker, Nasensprays, Opiate und Weckamine. Manche der Mittel, wie das niedriger dosierte Testosteron STS 646 stand nie auf der Medikamentenliste der DDR und wurde ausschließlich für den DDR-Sport entwickelt und hergestellt.
Eine der betroffenen Jugendlichen ist Heike Knechtel, die in der Leichtathletik für Mittelstreckenläufe eingetragen war. Zwei Jahre trainierte sie an der Kinder- und Jugendsportschule des SC DHfK in Leipzig, bevor sie mit 15 wegen mangelnder Leistung den Kader verlassen musste. „Wir waren noch nicht bei internationalen Wettkämpfen dabei, weshalb ich nie gedacht hätte, dass wir bereits mit diesen unterstützenden Mitteln verseucht wurden“, sagt Knechtel. Wie viele andere ehemalige Sportler auch, kennt sie die genaue Zusammensetzung ihres Doping-Cocktails nicht, doch weisen ihre heutigen Erkrankungen auf anabole und androgyne Substanzen hin. Die Jugendlichen sollten sich nach dem Training und nach Wettkämpfen schneller regenerieren und gerade im Ausdauerbereich sollten die Schmerzen ausbleiben. Zudem hatten die Steroide eine Vermännlichung des Körpers zur Folge. Die Entwicklung des weiblichen Körpers während der Pubertät wurde verzögert, um das Körpergewicht der Sportlerinnen zu optimieren. Das hatte auch zur Folge, dass bei den Mädchen die Menstruation verspätet und unregelmäßig kam.
Ob du willst oder nicht

Mit dem Hinweis, dass der Körper durch das Training mehr beansprucht würde, musste Knechtel einmal am Tag angebliche Vitamin B und C Tabletten einnehmen, die ihr Trainer ihr verabreichte. „Wir haben zwei bis drei mal am Tag trainiert, hatten zwischendrin Schule und ein allgemein geringes Vitaminangebot in der DDR, weshalb wir die Vergabe nicht hinterfragt haben“, erklärt Knechtel. Sie geht davon aus, dass auch die Vitaminpasten oder die Schokolade, die sie vor den Wettkämpfen bekommen hat, verseucht waren. Direkte Beweise dafür sind aufgrund der Konspiration des Systems schwer. Nur Berichte von inoffizieller Mitarbeiter von 1982 zeigen, dass verdecktes Doping durchaus eingesetzt werden sollten. In den Berichten wird von Athletinnen im Rudern und Skilanglauf erzählt wird, die konsequent unterstützende Mittel ablehnten und denen die Stoffe daher untergemogelt werden sollten: „Überlegungen gibt es deshalb dahingehend Möglichkeiten zu schaffen, den Athletinnen diese Mittel ohne deren Wissen zuzuführen, beispielsweise in Getränken oder durch Mischung mit Vitaminspritzen.“
Dabei waren bereits in den 1950ern die Spätfolgen, von denen heute gut 20% aller gedopten Sportler betroffen sind, der Doping-Mittel wie Anabolika in medizinischen Fachzeitschriften diskutiert worden. Dazu zählen, sowohl bei Frauen als auch bei Männern, Organstörungen, Tumore, Asthma, Autoimmunerkrankungen und Herzinfarkte. Frauen leiden unter Kinderlosigkeit, der Vermännlichung des Körpers, zu der auch eine tiefe Stimme und Brustbehaarung gehören, Menstruationsstörungen und exzessiver Libidosteigerung. Männer sehen sich mit der Rückbildung der Hoden, Prostatakrebs und verweiblichten Brüsten konfrontiert. Selbst in der zweiten Generation können noch Schäden wie deformierte Organe, Klumpfüße oder chronifizierte Suizidalität auftreten.
Alles Beispiele einer zweiseitigen Liste von direkten und indirekten Folgen von Doping mit androgenen-anabolen Steroiden und für Sportler Grund genug, das Doping zu verweigern. Trainer, die das Doping verweigerten, waren hingegen selten. Die meisten, die sich dem System entzogen wurden Lehrer und für sie wurde schnell Ersatz gefunden. Knechtels Schwester, ebenfalls in der Leichtathletik aktiv, sollten mit 18 höher dosierte Drogen verabreicht werden – ihr Trainer weigerte sich und musste gehen. Wenig später bekam sie einen Trainer, der die Vergabe der Mittel vermutlich nicht hinterfragte.
Sportlern, die aussteigen wollten, wurde versucht ihre Zukunftschancen außerhalb des Sports zu verbauen. In einem Treffbericht inoffizieller Stasimitarbeiter aus dem Jahr 1976 wird von einer Sprinterin erzählt, die während der Olympischen Sommerspiele erfuhr, massiv gedopt worden zu sein und aus dem Sport aussteigen wollte. Laut der Akte „habe man ihr von der Klubleitung die Alternative gestellt, entweder sie bleibe weiterhin im Leistungssport oder es werde ihr jegliche Unterstützung, auch in Bezug einer Ablehnung ihres Abiturs in zwei Jahren, versagt.“ Etwas, das auch Heike Knechtels Schwester erfuhr. Nach dem Trainerwechsel stieg sie aus der Leichtathletik aus und sah sich mit der Drohung ihres Cheftrainers konfrontiert, ihr das Abitur und das Studium zu verweigern.
„Das hat er zum Glück nicht geschafft“, sagt Knechtel, die selbst bis heute mit den Spätfolgen des zweijährigen Dopings an der KJS zu kämpfen hat. Ein fußballgroßes Myom an der Gebärmutter und die Zersetzung des Eileiters, 2003 die Diagnose Brustkrebs sind nur drei der insgesamt 20 Operationen, die sie seit ihrem 19. Lebensjahr durchlitten hat. Mit 22
wurde ihr gesagt, sie könne keine Kinder bekommen, weshalb es umso erstaunlicher ist, dass sie heute zwei gesunde Töchter hat. Seit 2014 weiß Knechtel nun, woher ihre Krankheiten eigentlich kommen. Nach einer Dokumentation im TV, in der ehemalige DDR-Sportlerinnen ihre Doping-Geschichte erzählten und deren Krankheitsbilder dem von Knechtel entsprachen, wandte sie sich an den Doping-Opfer-Hilfeverein (DOH). Der Verein kümmert sich allgemein um Doping-Geschädigte in Deutschland, leitet eine Beratungsstelle in Berlin, organisiert Prävention- und Informationstage und ist die alleinige Kraft im Kampf für die Entschädigung der DDR-Doping-Opfer. Die Vorsitzende des Vereins, Prof. Ines Geipel, ist Schrifstellerin, Hochschulprofessorin und selbst ehemalige DDR-Weltklasse-Sprinterin. Im Berliner Doping-Prozess war sie Nebenklägerin, ist anerkanntes Doping-Opfer und gab 2005 ihren Weltrekord zurück, weil er aufgrund des Staatsdopings kein sauberer Rekord sein konnte.
„Wenn ein Staat sich dafür entscheidet, aus politischen Gründen seine Jugend zu vergiften“, sagt Geipel, „greifen Trainer und Ärzte, die ja nach dem Erfolg der Sportler bezahlt wurden, noch hemmungsloser und brutaler in ihre Schutzbefohlenen ein.“ Aktuelle Studien zeigen, dass DDR-Doping-Opfer extrem traumatisiert sind. Psychiater vergleichen sie mit Nine-Eleven-Überlebenden oder KZ-Überlebenden. „Diese Jugendlichen zählen zu den rechtlosesten Körpern der DDR-Diktatur“, stellt Geipel fest.
Auf diesem Wege erdopte sich die DDR ohne jeden Skrupel 755 Olympiamedaillen, 768 Weltmeister- und 747 Europatitel. Gerade in den 80ern, in denen die ohnehin immer
schwächelnde Wirtschaft der DDR endgültig zusammenbrach und
Aufstände die Blockstaaten erschütterten, hielten die Medaillen das Systemimage inner- und außerhalb der DDR aufrecht. Der Sozialismus war die Grundlage des Erfolgs, die Aufopferung der Trainer für ihre Schützlinge das Geheimrezept zum Medaillensieg. Die Umstrukturierung des ostdeutschen Spitzensports unter Stasichef Erich Mielke und Unternehmenschef Alexander Schalck-Golodkowski Mitte der 80er Jahre sollte aus Spitzensportlern eine „echte sozialistische Gemeinschaftsarbeit“ machen, eine „Einheit zwischen Sportfunktionär, Wissenschaft und Produktion“, wie es im Einführungsbuch der DOH „Staatsdoping in der DDR. Eine Einführung“ heißt. Doping-Kontrollen, wie bei den Olympischen Spiele 1984 wurden umgangen, indem das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) in Leipzig den Sportlern „genau errechnete und erprobte Dosen von Testosteron und Epitestosteron, intramuskulär“ spritzte. Die DDR gab allein für den DDR-Sport zwischen 1985 und 1987 12,2 Millionen ostdeutsche Mark aus.
Doping ohne Skrupel

Im Zusammenhang mit dem Staatsplan 14.25 wurden außerdem Versuche am Menschen durchgeführt, um Dopingsubstanzen zu perfektionieren und zu testen. Eine dieser neuartigen Substanzen war Somatropin, ein Wachstumshormon, das bereits bei kleinwüchsigen Menschen eingesetzt wurde, um deren Wachstumsprozess zu beeinflussen. Die Substanz wurde in Kreischa geprüft, im Zentralinstitut des Sportmedizinischen Dienstes, das gleichzeitig zentrales DDR-Dopingkontrolllabor war und als fertiges Präparat Sotropin H. den Sportlern ins Knie gespritzt wurde. Minderjährige Turnerinnen und Schwimmerinnen wurde es sogar ins Rückenmark gespritzt. Gefährlich, nicht nur weil es bei überhöhten Dosierungen zu Missbildungen kommen konnte sondern weil die Substanz aus den Hirnanhangsdrüsen von Leichen gewonnen wurde. Das Anabolikum Oral-Turinabol konnte Leberschäden hervorrufen, ebenso wie
Funktions- und Verdauungsstörungen und skelletale Schmerzsyndrome. Doch es war bei Trainern und Ärzten deshalb so beliebt, weil es sich schnell im Körper abbaute und nicht mehr nachweisbar war. Keine Ausnahmen für den Sporterfolg einer bereits marodierten Diktatur. Doch von diesen Versuchen wusste angeblich niemand. Ebenso wenig, dass es zu sexuellen Übergriffen auf die Jugendlichen kam, zu Sadismus, körperlicher Gewalt und psychischer Zersetzung.
Mittlerweile ist Heike Knechtel im Vorstand des DOH und geht mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit. „Ich bin wütend, dass solche Menschheitsverbrechen an Kindern und Jugendlichen begangen wurden, die nur Freude am Sport hatten“, sagt sie. Statt in die Verbitterung zu gehen, wollte sie aktiv werden, kümmert sich nun um die Präventionsmaßnahmen der DOH. Ihr ist es wichtig gerade jungen Menschen verständlich zu machen, wieso sich die Jugendlichen nicht gegen die Einnahme wehren konnten und die Schuld am Doping nicht bei den Kindern, sondern sondern im konspirativen DDR-Zwangsdopingsystem zu finden ist.
„Menschen sind verführbar, wenn sie jemanden vertrauen“, erklärt sie und führt aus: „Wir waren von Zuhause weg und wohnten in einem Internat. Unser Trainer war eine Vaterfigur für uns, dessen Verhalten wir nicht hinterfragt haben.“
2016 wurde das zweite Doping-Opfer-Hilfegesetz verabschiedet, das weiteren 1000 Geschädigten eine Summe von 10.500 Euro pro Person zuteilt. Geipel erklärt, dass die Schäden des Dopings nun politisch als vorsätzliche Körperverletzung anerkannt sind und immer mehr Betroffene mit ihrer Geschichte an den DOH treten und um Hilfe bitten. „Die Bundesregierung hat mit den beiden Gesetzen einen Enttabuisierungsraum geschaffen“, sagt Geipel. „Doping muss sich in seiner zerstörerischen Dimension durch die Gesellschaft durcherzählen“. Das nächste große Ziel sei es, so Geipel, dass die Opfer eine politische Rente und damit eine nachhaltige Unterstützung erhalten. „Irreversible Schäden brauchen nun mal Hilfe über den Tag hinaus.“

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