Ungewohnt umgewohnt

Es gibt viele Orte und Möglichkeiten, um zu wohnen. Manch eine_r schafft sich da auch einen eigenen Freiraum zum Leben: In Häusern…

Es war einmal eine Schule. Tafel und Bänke schmückten die Räume, der muffige Geruch verbrauchter Luft füllte die Klassenräume. So genau lässt sich das natürlich nicht mehr sagen, aber in der Tat wurde das besetzte Haus beim Westbahnhof 1912 als Gewerbeschule gebaut. Den Namen trägt das Haus immer noch, obwohl es schon seit 13 Jahren offiziell gepachtet ist. Die Geschichte hat geprägt. Etwa drei Jahre stand das Haus leer, bevor 1994 rund 30 Jugendliche des frisch gegründeten Vereines Unabhängiges Jugendzentrum (UJZ) entschieden, dass dieses Gebäude bestens geeignet sei für den Zweck eines neuen Wohnraumes und Tagescafés, eines Freiraumes, und es besetzten. Damit wurde schon das zweite Haus besetzt. Nummer 1 lag in Jena Ost, wurde aber von der Stadt 1991 zurück verlangt. Nach drei Jahren ergebnislosen Verhandelns mit der Stadt über ein Alternativobjekt nahmen die Jugendlichen es selbst in die Hand.
„Vorne war nur ein Fahrradschloss dran.“
Der Zeitpunkt war gut geplant, die Aktion startete zwei Wochen vor den Kommunalwahlen und das nicht aus Zufall: „Wir sind davon ausgegangen, dass sie sich ein bisschen im Zaum halten mit der Polizeigewalt.“, erklärt Blume, der damals mit besetzte und auch heute noch im Haus wohnt. Und das hat funktioniert. Nach einer Woche zogen die Besetzter dann freiwillig wieder aus, denn mit Kriminellen, Hausfriedensbrüchlern, wollte das Liegenschaftsamt nicht verhandeln. Und diesem gehörte das Gebäude nach dem Abzug der Russen, die das Haus bis dahin genutzt hatten, jetzt. Es gab Verhandlungen mit einem Ein-Jahres-Vertrag über eine DM als Ergebnis. So zogen sie alle wieder ein, diesmal ganz legal. Doch das hätte auch ganz anders aussehen können. Zum Zeitpunkt der Besetzung lief ein großes Fußballspiel, sodass gleich um die Ecke zwei Hundertschaften Polizisten standen. „Wenn die gewollt hätten, hätten sie uns ganz leicht raus gezerrt.“, meint Blume. Zumal das Haus nicht sonderlich gut verbarrikadiert war: „Vorne war nur ein Fahrradschloss dran.“, erinnert sich Ibsen, ebenfalls ein Hausbewohner und von Anfang an dabei.
„Strom gab es aus einer
Steckdose.“
Das Haus war da, doch ein richtiger Wohnraum war es noch nicht.“Mindestens ein Jahr lang musste das Wasser in Kanistern geholt werden.“ erzählt Ibsen. Das hieß, es gab auch kein Klo. Dafür musste man schon hoch zum Westbahnhof oder ins neue Kassablanca. Ähnlich sah es mit dem Elektrizität aus: „Strom gab es aus einer Steckdose.“, berichtet Blume. Dazu kamen fehlende Heizungen und ein undichtes Dach. Kurzum, es gab einiges zu tut. „Das war schon eine harte Zeit.“, denkt Ibsen zurück.
Und nicht zu vergessen, der Vertrag lief nur ein Jahr. Danach stellte die Stadt fest, dass sie einen Rückführungsanspruch hatte und so wechselte das Haus den Besitzer. Der Vertrag war durch und es gab keinen neuen. Doch die Menschen blieben, jetzt wieder als Hausbesetzer und das waren sie dann ganze neun Jahre lang. Das lief auch sehr friedlich ab. Ein kleiner Schock war natürlich die spätere Räumungsaufforderung der Stadt. Doch nach einem klärenden Gespräch mit der Stadt stellte sich heraus, dass das ganze nur einen rechtlichen Hintergrund hatte. Mit dieser Aufforderung war der Bürgermeister aus der Haftung raus. „Sie hatten nicht das Interesse, uns zu räumen.“, meint Blume. Eine wichtige Persönlichkeit in der Hausgeschichte spielt Martin Pfeiffer, Fachsbereichleiter für Recht & Personal der Stadt Jena. „Ohne den wären wir nicht mehr hier.“, sagt Blume. Das CDU Mitglied und Burschenschaftler befürwortete die gewünschte Unabhängigkeit der Besetzter, die auch kein Geld von der Stadt wollten. Er sah das wohl ganz pragmatisch: „Wenn wir euch räumen, dann müssen wir auch für 20 Leute Mietzuschuss zahlen.“ Auch der damalige Oberbürgermeister Peter Röhlinger sei dem
Projekt wohl gesonnen gewesen, meint Ibsen. Er kam auch mal vorbei um sich mit den Bewohnern/Besetzern zu unterhalten. Der Schlüssel zum Erfolg, vermutet Blume, war wohl das stets gute Verhältnis mit der Stadt, das auch immer gepflegt wurde. Irgendwann wurde dann doch ein Pachtvertrag erstellt, zwar nur über 30 statt über die gewünschten 60 Jahre, aber immerhin. Heute wohnen noch sieben der ursprünglichen Besetzter im Haus, insgesamt sind es 20. Natürlich brachte der Bewohnerwechsel auch einen Wandel mit sich. „Zu Anfang war es ein Raum für eine Gruppe von Leuten, die lose zusammen gahangen haben.“, erzählt Blume. Die Gruppe war in sich recht geschlossen. Es gab Vereinsfeiern mit Konzerten und auch eine Interne Volxküche (VoKü). Doch nach und nach schlief das mangels Leuten etwas ein. Neue Bewohner brachten frischen Wind. Die Vereinskonzerte starteten wieder und auch eine VoKü zog wieder ein. „Das hat den Raum geöffnet.“, sagt Blume. Es gibt eine Proberaum für Musikfans, eine von verschiedenen Gruppen genutzten Sportraum und einen regelmäßigen Tischtennisabend. Die nächsten 17 Jahre sind dank Pachtvertrag auch noch gesichert. Dann geht es weiter.
„Ein Paradies ohne Insel?“

Eher schlechtere Zukunftsaussichten hat die Insel, das Wohnprojekt am Inselsplatz, dabei hat hier nie eine Hausbesetzung statt gefunden, Mietverträge gab es von Anfang an. Seit knapp 10 Jahren leben dort um die 15 Menschen. Schon vorher ein buntes WG-Wohnhaus entwickelte sich nach und nach aus den einzelnen Wohnungen eine Wohngemeinschaft. Der Keller wurde
ausgebaut, der Garten gestaltet. Zwar gab es hier nie eine Hausbesetzung, doch das heißt nicht, dass die Bewohner nie um ihren Freiraum bangen mussten. Immer wieder lag der Auszug in der Luft, bis der nächste Vertrag verlängert wurde. Nun ist es endgültig vorbei. Das Land Thüringen hat Gelände und Haus der Ernst-Abbe-Stiftung abgekauft und nun soll dort ein neuer Universitätscampus entstehen. Das bedeutet für die Insulaner nun endgültig Schluss. Die letzten Mietverträge laufen im März 2018 aus. Wie die Hausbesetzer 1991 eine Alternative suchten, wird nun auch gesucht, bisher gibt es da allerdings noch nichts. Es geht vor allem darum, dass der hier geschaffene Raum nicht verloren geht. „Wenn man für solche Projekte keinen Freiraum lässt, werden Städte ärmer.“, sagt Paulina, eine Inselbewohnerin. In den vergangenen Jahren gab es viele Aktionen, die sich darum drehten, die Insel zu retten. Das scheint nun unmöglich, aber der Kern soll nicht verloren gehen. Daher fand die letzte Demonstration vergangenen Oktober unter dem Motto „Ein Paradies ohne Insel?“, statt. Gefordert wurden Freiräume für soziale Projekte.

Charlotte Wolff

… und in Wagen.

Peter Lustig hat seine Jünger gefunden. Der erfinderische Individualist, der versuchte, die Welt zu verstehen, hätte stolz seine Hände in seine belatzhoste Hüfte gestemmt und in seinen grauen Bart gemurmelt: „Sieht komisch aus, is‘ aber so!“
An der Saale steht derzeit noch ein Dutzend bunter Holzgefährte, die sich zusammengeschlossen haben wie ein wilder Westernkonvoi.
Mit drei Bauwagen und vier Personen startete im vergangenen Februar die Radaue, ein alternatives Wohnprojekt in Jena Löbstedt, mit Menschen, die der Wunsch verbindet, in gößtenteils selbstgezimmerten Gefährten zu leben.
Unter den heute elf Bewohnern vom Jungspund Anfang Zwanzig bis zum Mittfünfziger befinden sich so unterschidliche Leute wie Veranstaltungstechniker, Chemielaboranten, Erziehher, IT- und Archäologiestudenten. Anna, Luisa und Robin gehören dazu.
„Uns verbindet die Freiheit durch einem Bauwagen.“ erzählen die drei. „Das ist dein Spielplatz, dadrin kannst du machen, was du willst. Das gehört keinem Vermieter, dem ich Rechenschaft schuldig bin, wenn ich ein Loch in die Wand bohre und selbst wenn ich den Wagen abfackel, ist das mein Problem.“
Geheizt wird mit Holzöfen, Strom liefern einige Solaranlagen auf den Dächern und das Wasser kommt aus Kanistern. Wenn dann im ersten Schnee unter der Außenbadewanne ein Feuer entfacht wird, muss man auf kaum etwas verzichten.
Der wesentlichste Wohnunterschied scheint die Mobilität zu sein. „Du kannst auch sagen: ‚Ihr geht mir alle auf den Sack; ich häng das Ding jetzt an einen Traktor und bin weg!‘“ Eben mal so von hier nach da fahren kann man jedoch nicht. Durch den TÜV kommt keine der kreativen Eigenkonstrutionen. Oft ist nur das Fahrgestell noch original. Deshalb müssen sich die Wagenbewohner einiger rechtlicher Graubereiche bedienen.
„Zum Glück sind Sie
keine Zigeuner!“
Es geht jedoch vor allem ersteinmal darum, einen Platz zu finden. Nach drei Jahren auf der Suche und voller Gesprächen mit Privatleuten, Firmen, der Stadt und dem Oberbürgermeister Albrecht Schröter erhielten die Radauken in einem Schrebergartengebiet eine einjährige Duldung auf einem Schotterplatz . Das
sorgte schnell für Aufregung. Ordnungsamt, Polizei und Zentraler Ermittlungs- und Vollzugsdienst wussten nichts von der Genehmigung.
„Die kamen auch gerne vier Mal am Tag vorbei, auch nachts und mit Aufblendlicht. Die waren richtig penetrant.“
Mit Nachbarschaftscafes, Kinoabenden und Flohmärkten versuchten die Wagenbewohner, ihre Nachbarn zum Kennenlernen einzuladen. Dabei waren die meisten Besucher positiv überrascht von den „wilden“ Bewohnern – wenn auch einige Komplimente bedenklicher Art waren. „Och ja, Sie sind ja auch ganz intelligent. Zum Glück sind Sie keine Zigeuner!“
Die Angst ist da, es könne dreckig werden und Recht und Ordnung abhanden kommen. Aber die Wagenbewohner entsorgen ihren Müll über normale Mültonnen, haben ein Plumpsklo und eine Chemietoilette und versuchen, den Platz umweltbewusst zu nutzen. „Seitdem wir hier stehen, wächst auf diesem Schotterplatz auch wieder Rasen.“
Die Ideen sind groß: Werkstatt-, Sanitär-, Bibliothek- und Kinowagen. Ein kleines Dorf. Doch solange die Wagenleute keinen festen Platz zugesichert bekommen, bleiben das Wünsche. Die Stadt war auf der Suche nach einem Folgeplatz. Der wurde allerdings nicht gefunden. Im Februar müssen die Wagen daher weiterziehen. Was dann passiert, weiß die Wagengruppe noch nicht.
Dabei wären sie bereit, für einen Platz zu zahlen. Allerdings dürfen zum Wohnen auch nur Wohngebiete genutzt werden. Die sind bei den Jenaer Grundstückspreisen finanziell nicht ansatzweise erreichbar.
Was sich in anderen großen deutschen Städten teils seit über zehn Jahren etabliert hat, scheint in Jena nur mehr ein kurzzeitiges Phänomen:
„Eine kleine Insel im sonstigen Städtealltag, der manchmal doch sehr grau sein kann.“

Martin Emberger

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