Wohnhaft wo?

TEXT: Charlotte Wolff

Wenn man sie erkennt, spricht man nicht mit ihnen. Häufig weiß man gar nicht, wer sie sind. Im Gespräch mit einem Obdachlosen.

Das blaue Haus sieht fast verlassen aus. Der Flur wirkt steril, das Bad zur Rechten sauber, praktisch unbenutzt. Erst nach der zweiten Tür scheint Leben zu sein. Der Gemeinschaftsraum erinnert, mit den in einem L aufgestellten Resopaltischen und dem Bücherregal, an eine Jugendherberge. Das angrenzende Zimmer mit den drei Doppelstockbetten, in das ich einen kurzen Blick werfe, vervollständigt das Bild. Allerdings wirkt das Zimmer auch mit zwei belegten Betten etwas zu eingewohnt für einen Wochenendaufenthalt. Der Eindruck täuscht nicht. Manfred Koßmann wohnt hier. Hier, das ist das Übergangswohnheim für Obdachlose und nicht Sesshafte am Steiger 4 in Jena. Der Begriff Übergangswohnheim täuscht. Gedacht ist das Heim als vorübergehende Station zwischen der Obdachlosigkeit und der eigenen Wohnung. Als Postanschrift kann es genutzt werden. Doch Manfred ist nicht der einzige, wenn auch der langjährigste, mehr oder weniger dauerhafte Bewohner des Heimes. Tatsächlich war er 1991, als das Heim erstmalig öffnete, der erste Nutzer. Nur hat er nicht durchgängig da gewohnt. Es gab unter anderem eine zehnjährige Unterbrechung, während der er bei einer Freundin im Plattenbau in Winzerla wohnte, was aber, wie er sagt, „auch eine Strafe für sich war.“ Dennoch ist dieses Haus in gewisser Weise sein Zuhause. 1991 kam er aus Norddeutschland nach Jena. Als Kind wurde er nach dem Tod seiner Mutter und Großmutter von hier in den Westen geschickt. Zurück kam er 30 Jahre später.

„Früher mussten wir Punkt neun Uhr raus.“

Seitdem hat sich im Heim einiges geändert. So dürfen die Bewohner, seitdem auch Geflüchtete dort wohnen, den ganzen Tag bleiben. „Vorher mussten wir Punkt neun Uhr raus, egal, ob es zehn Grad minus war.“ Das Haus war auschließlich zum Schlafen gedacht. Auch gehörte das Sauberhalten der Räumlichkeiten zu den Aufgaben der Bewohner. Inzwischen übernimmt das das Reinigungspersonal. Dadurch ist auch der
Tagesablauf etwas individueller geworden. „Der eine geht Spazieren, der andere geht in die Kneipe, der dritte schläft“, meint Manfred. Er selber sei eigentlich ein Frühaufsteher. Früher war ihm Geselligkeit wichtig, es zog Manfred zum Beispiel häufig ins Café Wagner, wo er Stammgast war. Außerdem war es ja gleich um die Ecke. „Früher wäre ich am liebsten in allen Kneipen gleichzeitig gewesen“, sagt er lachend. Doch „in letzter Zeit bin ich lieber mal alleine. Geh spazieren auf dem alten Friedhof“, an schönen Tagen ein gutes Buch im Gepäck, an kalten eine Thermoskanne Glühwein.
Es scheint verständlich, etwas Ruhe zu suchen, denn Einzelzimmer gibt es im Wohnheim nicht. Bis zu sechs Leute können in einem Raum untergebracht werden. Manfred teilt sich sein Zimmer zur Zeit mit nur einem Kollegen, der fast so lange dort wohnt wie er. Aber meist seien es drei bis vier Personen in einem Zimmer, erklärt er.
Neben den Alteingesessenen gibt es natürlich auch wechselnde Belegschaft. Doch wer nur spontan einen kostenlosen Schlafplatz bekommen möchte, ist im Übergangswohnheim eher an der falschen Adresse. Zwar gebe es, so Manfred, eine Garage mit sechs Betten, wo abendliche Neuzugänge übernachten können, aber wer bleiben will, muss zunächst zum Gesundheitsamt und sich durchchecken lassen. „Das ist auch besser so“, findet Manfred. Sonst würden Filzläuse und dergleichen eingeschleppt werden. Viele überrascht es auch, dass die Unterkunft gar nicht umsonst ist. 3,10€ kostet es die Nacht. Wer das Geld nicht hat, wird am nächsten Tag zum Sozialamt geschickt. Das schreckt viele schon ab und so bleibt nur, wer bleiben muss und will.
Der Gang zu den Ämtern ist für viele eine Hürde oder Belastung und einer der Mechanismen dafür, wie Menschen in die Obdachlosigkeit
gelangen. Eine Frage, die häufig gestellt wird: Wie kann es trotz Hartz IV immer wieder dazu kommen? „Da gibt es 100 Gründe“, meint Manfred. „Das geht ganz schnell.“ So verlören immer wieder Leute ihre Wohnung. Ob durch Suff, den Eigenbedarf des Vermieters, oder etwas ganz anderem. Dann gebe es auch noch die Leute, die lieber aus Überzeugung keine Wohnung haben, weil sie so nicht Gefahr laufen, sie zu verlieren oder nicht überall, beispielsweise bei Nachbarn, anecken wollen. Sicherlich hängt manchmal auch das eine mit dem anderen zusammen.

„Auf unsere Art ging es uns damals gut.“

Manfred Koßmann studierte mehrere Jahre lang an einer Kunsthochschule. Dort lernte er eine Frau kennen, mit der er dann eine kleine Galerie in Kiel eröffnete. „Da waren wir noch unter 30“, erinnert er sich. „Damals habe ich noch fleißig gepinselt.“ Auch das Schild über dem Laden „Galerie Stein“ hing über der Tür. Zu Anfang wurden nur die eigenen Bilder ausgestellt, später die von Freunden, bis sich auch dieser Kreis erweiterte. Nach einiger Zeit öffnete ein zweiter kleiner Laden als Zweigstelle in Hamburg. „Wir sind nicht reich geworden, aber es war in Ordnung“, sagt er lächelnd. „Wir sind durch die Gegend gedüst. Frankreich, Italien, die Biennale in Venedig. Auf unsere Art ging es uns damals gut.“ Das Reisen war auch mit wenig Geld möglich.
Wie genau das Ganze ein Ende fand, erfahre ich nicht. Doch es zog ihn danach wohl wieder an den Ort seiner Kindheit. Gearbeitet hat er mal hier, mal da, doch in der Regel unversichert, sodass er jetzt eine Rente in Höhe von 150€ erhält. Zusammen mit weiteren Unterstützungsgeldern komme er jetzt wohl ungefähr auf den Stand von Hartz IV. „Ich werde nicht reich, aber ich muss auch nicht darben“, fasst er seine Situation zusammen. Eine gewisse Ämter-Lauferei bleibe einem natürlich nicht erspart. Das zeige sich auch an seinem Kollegen, der jetzt 65 Jahre alt sei, und sich die Hacken wund laufe. „Mit der Zeit kriegt man ein dickes Fell“, sagt Manfred achselzuckend.

„Egoismus wird großgeschrieben.“

Bewusst nennt Manfred seinen Zimmernachbarn einen Kollegen und nicht einen Freund. Grundsätzlich könne man in dem Heim nicht von einer Gemeinschaft sprechen. „Einer gönnt dem anderen die Wurst nicht auf dem Brot“, beschreibt er die
Situation. Wenn abends mal gemeinsam getrunken werde, seien die Leute die großen Kumpels, aber schon am nächsten Tag sei das vergessen. „Egoismus wird großgeschrieben.“ Das liegt natürlich daran, dass alle wenig haben, doch glaubt Manfred, dass das nicht nur hier so ist, sondern
überall auf der Welt. Jedenfalls ist es gut, dass er nicht nur einen Schlüssel für das Haus und sein Zimmer habe, sondern auch für seinen Schrank. „Da haben wir hier drinnen auch schon Sachen erlebt…“, deutet er an. Man kenne sich nicht aus, da kämen so viele fremde Leute.
Mein Blick fällt noch einmal auf das Bücherregal. Sich darum zu kümmern sei seine Aufgabe, erzählt Manfred zufrieden. Die
ersten Bücher gibt es schon lange. Zugrunde liegt dem Ganzen ein Auftritt in der Presse. Der damalige
Heimleiter kam Anfang der 90er mit einem Reporter an und, im Laufe des Interviews stellte sich heraus, dass Manfred gerne las und sein Kollege Bayernfan war. Kurze Zeit nach dem Erscheinen des Artikels kamen die ersten Pakete. Die einen enthielten Fanartikel, die anderen Bücher. Die große Bücherspende ist der Grundstock des gut gefüllten Bücherregals. Die wertvollsten Bücher, wie den großen Brockhaus, verwahrt Manfred heute noch gesondert unter seinem Bett. Zum Lesen muss er inzwischen immer wieder zur Lupe greifen. Zum Augenarzt möchte er nicht gehen.

„Es ist gut, wie es ist.“

Auf die Frage, wie er die Zukunft sehe, meint Manfred: „Es ist gut, wie es ist. Was soll‘s. Ich habe da keine großen Dinge mehr.“ Er lese viel, meditiere. Malen tue er nicht mehr, aber kleine Zeichnungen auf Postkarten fertige er an. Die Geschehnisse vor Ort schreibe er auf und illustriere sie manchmal. „Manche Zeichnungen habe ich im Stehen im Hof in der Kälte gemacht. Die sehen auch verwackelt genug aus. Aber für mich reichen sie so. Ist ja keine Kunst mehr“, beschreibt er sein Tun. Beim Schreiben gehe es ihm häufig auch nur um das Datum. Es sei schwer sonst im Rhythmus zu bleiben.
Zum Abschluss unseres Gespräches sagt Manfred mir: „Ich komm‘ klar. Vor allem innerlich und außen, das ist mir egal.“ Angesprochen oder schief angeguckt wird er hier in Jena nicht. „Nur zu Weihnachten muss ich bei den Kindern in den Straßen aufpassen.“, sagt Manfred und streicht sich über seinen langen weißen Bart.

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