Beuys will be Beuys

Ein Bewunderer, der seinem Idol ein Loblied singen will und dafür dessen Perspektive einnimt: So verhält es sich mit Andres Veiel und seinem Film Beuys.

Von Benjamin Rix

 

„Zerschleißen muss man sich. Sonst hat es gar keinen Zweck.“ Joseph Beuys lacht ein erstes, starres Schwarz-Weiß-Lächeln. Im Laufe der nächsten hundert Minuten lernt der Zuschauer alles über ihn oder eher alles und nichts.

Über 90 Aufnahmen hat der Regisseur und Drehbuchautor Andres Veiel in dem Film Beuys zusammengefügt. Es sind Briefe, die dramatisch auf den Bildschirm getippt werden, Interviews mit der Presse, Gespräche aus Talkshows, Bilder, die den jungen Joseph noch ohne seinen Hut zeigen, als Kind, später als Soldat im Zweiten Weltkrieg. „Eigentlich habe ich einen Dachschaden“, sinniert der Künstler, „sie haben mich damals zusammengeschossen.“ Das Resultat, der Aktionskünstler Beuys, ist einer der größten des 20. Jahrhundert.

Plastik, so wird bald klar werden, das ist alles für ihn, denn wenn er vom Leben und von der Kunst redet, dann spricht er von den drei Zuständen der Plastik: bestimmt, unbestimmt, bewegt. Er will die Menschen bewegen. Er will sie provozieren. Beuys will die Frage, nicht die Antwort sein, herausfordern, zum Denken anregen.

Grüner Prophet räuspert sich

Die Filmfragmente fließen, perfekt angeordnet, in einer immer weiter fortgesetzten Konversation Beuys’ mit sich selbst, seinen Schülerinnen und Schülern, einem breiten Publikum, der Kunstszene. Veiel zeigt den Künstler in seiner Zeit als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf oder seine Versuche bei den Grünen Spitzenkandidat zu werden. Sie zeigen immer einen völlig anderen Menschen, einen Mann ohne klar greifbare Persönlichkeit. Mal ist Beuys hier herausfordernd und wild, mal melancholisch-ruhig, plötzlich fast wahnsinnig. Er hält eine Rede vor namhaften Politikern, in der er sich nur fortwährend räuspert. Veiel zeigt einen Menschen, der sich ändert, um er selbst bleiben zu können, um seine Botschaft abzuschicken. Und die Botschaft wird hier schnell eindeutig: Befreit euch! Lebt was ihr wollt! Gegen das Geld! Gegen das System! Und das alles vor mehr als 40 Jahren.

Die Welt war noch nicht bereit

Dabei bleiben die im Film dargestellten Fragmente diffus genug, um auch einen anderen, kritischeren Blick auf Beuys freizugeben: Bekloppt, besessen, Träumer, Blender. Eine solche Perspektive wird aber jedes Mal im Keim erstickt. Sie ist möglich, aber hier nicht erwünscht. Veiel will einen Propheten der Linken und Grünen sehen, einen genialen Theoretiker, einen siegreichen Revolutionär der Welt und der Kunst. Es sind die Siege, die das Publikum hier zu sehen kriegt. Beuys pflanzt 7000 Eichen, er erweitert die Kunst und wenn Beuys scheitert, dann nur weil die Welt noch nicht bereit war.

Es ist diese sehnsuchtsvoll-heldenverehrende Perspektive, die den Film so gut macht. Eigentliches Objekt der Darstellung ist irgendwann nicht mehr der Künstler selbst, sondern die Perspektive Veiels. Es ist die einzige Möglichkeit, Beuys gerecht zu werden, dem es in seinem „erweiterten Kunstbegriff“ nie um das Objekt selbst ging, immer nur um die Kommunikation darüber. Die einseitige Perspektive Veiels ist kritikwürdig. Sie klammert Beuys’ Nazivergangenheit zum größten Teil aus, der ihm von vielen vorgeworfene Ruf als Guru oder einfach geistesgestört wird zur charakterstärkenden Anekdote umgebaut. Hier aber ist Kritik gewollte Provokation. Die Form der Provokation allerdings ist kraftvoll, methodisch hervorragend umgesetzt und äußerst kurzweilig.
Beuys ist nicht nur unterhaltsam, sondern auch herausfordernd, ein Film, nach dem man mehr wissen will.

Foto:  documenta archiv/Dieter Schwerdtle/zeroone film

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