Stimme gegen Tyrannei

Die FSU verleiht der Schriftstellerin Herta Müller die Ehrendoktorwürde. Ihr Leben ist von Tragädien gezeichnet, ihre Sprache berührt bis heute.

Von Sandra Trienekens

 

„Das Mitgefühl war im Schnee: Wir zogen die Toten aus und nahmen uns ihre Kleider, und der Schnee deckte sie zu.“ Das Mitgefühl, das sie im Schnee sieht, sehen andere in ihrer Sprache:
Herta Müller erhielt wegen ihrer Sprachgewandtheit wie hier in Eine warme Kartoffel ist ein warmes Bett schon viele Auszeichnungen, unter anderem auch den Literaturnobelpreis. Nun erhält sie von der Friedrich-Schiller-Universität Jena am 20. Juni die Ehrendoktorwürde. Mit dem Ehrendoktor werden besondere akademische und wissenschaftliche Leistungen von Akademikern oder Nicht-Akademikern ausgezeichnet. Die Universität Jena begründet ihre Auszeichnung an Herta Müller damit, dass ihre Werke – darunter ihre bekanntesten Atemschaukel und Herztier – von einer „herben Anmut“ geprägt seien. Außerdem sei Müller eine der „gewichtigsten literarischen Stimmen gegen den Totalitarismus“.

Romane in Regimes

Die eigentliche Leistung von Müller kommt in der sehr kurzen Begründung nicht wirklich hervor. Aus diesem Grund sollte sie nochmal in Erinnerung gerufen werden. Wieso verdient Müller diese Auszeichnung? In den Romanen Atemschaukel und Herztier beschäftigt sie sich mit dem diktatorischen Terror. In Atemschaukel drückt der sich anhand der Deportationen Rumäniendeutscher unter Stalin aus. In Herztier beschreibt sie Eindrücke aus dem Ceauşescu-Regime.

Herta Müller wurde 1953 in Nitzkydorf in Rumänien geboren und gehörte zu der deutschen Minderheit in Rumänien. Schon seit ihrer Kindheit ist der politische Terror ein ständiger Begleiter. So wurde ihre Mutter nach dem Zweiten Weltkrieg zu jahrelanger Zwangsarbeit in die UdSSR deportiert. Ein ähnliches Schicksal erlitten viele in Rumänien lebende Deutsche. Nach 1945 mussten sie für den Wiederaufbau der im Krieg zerstörten Sowjetunion in sowjetische Arbeitslager. Gespräche über die Zeit im Lager, über die nur mit vorgehaltener Hand gesprochen wurde, prägten die Kindheit von Müller.

Diese Gespräche nahmen Einfluss auf das Schreiben an der Atemschaukel. Darin beschreibt Herta Müller die Deportation eines 17-jährigen Rumäniendeutschen in ein sowjet-ukrainisches Arbeitslager. Das Schicksal des Protagonisten spiegelt die generelle Angst der deutschen Minderheit am Ende des zweiten Weltkrieges in Rumänien wider. Als Vorlage für diese Beschreibungen dienen die Erfahrungen aus dem Arbeitslager vom plötzlich verstorbenen Dichter Oskar Pastior. Einige Passagen stammen auch von ihm. Müller betont immer wieder, dass sie ohne die Erinnerungen und Eindrücke von Pastior den Roman nie hätte schreiben können. Ihre Sprache zeichnet sich durch die sachlichen und detaillierten Beschreibungen vom Leben im Lager aus, die lyrische Komponente macht dabei die Lektüre erträglich. „Dass man nicht längst an die Wand gestellt und erschossen worden war, wie man es aus der Nazipropaganda von zu Hause kannte, machte uns beinahe sorglos. Die Männer lernten im Viehwaggon, ins Blaue zu trinken. Die Frauen lernten, ins Blaue zu singen.“ Diese Intensität ihrer Sprache wurde 2009 durch die Vergabe des Literatur-Nobelpreises gewürdigt.

Rumänistik in Jena

Erst sehr spät mit 15 Jahren lernte Müller Rumänisch, weswegen ihr auch in ihren Werken immer wieder der „Blick von außen“ zugesprochen wird. Sie studierte zwischen 1972 und 1976 Germanistik und Rumänistik in Timişoara. Da die FSU die einzige Universität in Deutschland ist, die eine Professur in Rumänistik innehat, sah die Uni hier einen Anknüpfungspunkt, Müller diese spezielle Auszeichnung zu erteilen.

Nach ihrem Studium arbeitete Müller als Übersetzerin in einer Maschinenbaufabrik. Als sie sich dort weigerte, mit dem Geheimdienst Securitate zu kooperieren, wurde sie entlassen. Da es zu gefährlich wurde über das totalitäre System unter Ceauşescu zu sprechen, begann Müller darüber zu schreiben. Müller schreibt, wie Diktaturen Menschen entwürdigen können, geprägt durch Misstrauen, Folter, Bespitzelung sowie psychischen und physischen Terror. Die Verbindung von Lyrik und sachlicher Prosa gibt der Angst vor Totalitarismus eine Stimme und ein Gesicht. Die Erfahrungen aus dem Ceauşescu Regime thematisiert Müller in ihrem zweiten Roman Herztier, in dem die Ich-Erzählerin, wie Müller selbst, zur deutschen Minderheit der Banater Schwaben in Rumänien gehört. Die unverhohlene Darstellung und Kritik an der Diktatur Ceauşescus brachte sie in Schwierigkeiten. Schon bei ihrem ersten Roman Niederungen hatte sie Probleme mit der Publikation, da es zunächst nur stark zensiert in Rumänien und Jahre später in der Originalfassung in Deutschland erschien. Dies führte unter anderem zu einem Publikationsverbot in Rumänien 1985 und zu stärkeren Repressionen und Todesdrohungen gegenüber Herta Müller. 1987 reiste sie nach Deutschland aus.

Obwohl es momentan still geworden ist um die in Berlin lebende Schriftstellerin, bewegen ihre Werke auch heute noch die Leser, da sie die Schrecken der Diktaturen und deren Opfer nicht vergessen lassen. Mit Erwähnung der beiden Werke Atemschaukel und Herztier ehrt die Universität Jena die schriftstellerische Leistung von Herta Müller.

Cover: Hanser Literaturverlage

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