Beim Teutates!

In dieser Serie widmen wir vermeintlichen und echten Meisterwerken Liebeserklärungen und Hasstiraden. Diesmal: Asterix und Obelix.

Von Sophie Albrecht

 

Inzwischen sind fast drei Generationen Gallier, West-, Ost-, oder Andersgoten, Korsen, Briten, Spanier, Belgier, Ägypter, Normannen, Helvetier, ja sogar Römer mit den Aben­teuern des schmächtigen Kriegers Asterix und seines dick… – Verzeihung – etwas kräftig gebauten Freundes Obelix groß geworden.
Schon zu Kindergartentagen streiften wilde Horden Asterixe und Obelixe (denn jeder wollte der Held des Spieles sein) durch Wälder, auf der Suche nach Römerpatrouillen, die es zu verhauen gälte.

Jeder kennt die in Schildkrötenformation anrückenden römischen Truppen, die ewig ignorierten Zenturionen und die Horde stets gut gelaunter, bis oben hin mit Zaubertrank gefüllter Gallier. Majestix, stets um das Gleichgewicht auf seinem Schild bemüht, Automatix im fortdauernden Streit um die Frische der Fische von Verleihnix oder der unaufgeklärt nutzlose Hinkelstein: sie sind zu europäischem Kulturgut geworden.

Dabei haben Albert Uderzo und René Goscinny mit ihrem erstmals 1959 in Frankreich erschienenen Comic sogar das Geschichtsbewusstsein von Generationen beeinflusst und verändert. Vergessen sei Columbus! Amerika wurde von Asterix entdeckt! Genauso wie man in Großbritannien nur heißes Wasser mit einem Schuss Milch kannte, bevor Asterix die Innovation durch das Teeblatt einführte.

Caesar ist zwar ein großer Feldherr, aber eigentlich gar kein so übler Unsympath, wie man nach Lektüre des Bellum Gallicum eigentlich hätte annehmen können. Vor allem, so lernen wir von den Galliern, kann man den „alten Julius“, der stets nur in der dritten Person von sich spricht, nicht ganz ernst nehmen; ganz im Gegenteil zu seiner Gattin, der launigen Kleopatra, mit ihrem schwierigen Charakter aber der schönen Nase. Der sehr schönen Nase.

In Naturschützerkreisen wird Idefix heute als Koryphäe des Umweltschutzes und als der erste engagierte Aktivist gefeiert und in hohen Ehren gehalten. Er, Obelix’ treuer Gefährte und Bäumeliebhaber, weil Hund, bricht jedes Mal in herzzerreißendes Heulen aus, sobald ein Baum entwurzelt wird. Und es werden ständig Bäume entwurzelt, weil Obelix als kleines Kind in den Zaubertrank fiel und manchmal nicht so recht weiß, wohin mit seiner Kraft.Zusätzlich sind es die Klischees einzelner Nationalitäten, das Auf-die-Schippe-Nehmen festgefahrener Gepflogenheiten, die Asterix nicht nur für Kinder oder Comic-Nerds interessant machen, sondern auch für das Publikum mit historisch-politischem Blick.

“Der weite Himmel, sonst fast immer blau, ist gen Ende des Abenteuers nur noch trübe grau.”

Was ein Kind übersieht, sind Anspielungen auf reale Verhältnisse, die als Attribute der verschiedenen Stämme entdeckt werden können. Da tragen die Goten Pickelhauben in Stahlhelmform und marschieren unter wilhelminischem Drill. Die prototypischen Helvetier amüsieren mit ihrer notorischen Überpünktlichkeit und dem großen Schließfachangebot, die Korsen sind natürlich ein furchtbar stolzes Volk mit furchtbar stinkendem Käse und in Spanien kommt man nicht zum Schlafen, weil alle ständig singen und tanzen.

Mit seinen barbarischen, rauf-, und wildschweinsüchtigen, trotzdem aber grundsympathischen Protagonisten, deren einzige Angst ist, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen, verzeichnet Asterix so viele Erfolge wie kaum eine andere europäische Comicserie. Inzwischen ist der Markt überschwemmt von großnasigen Fanartikeln, Online-Spielen, Verfilmungen, ja sogar Raubcomics: In den 80er Jahren entstanden aus aktivistischer Ecke Abenteuer mit Titeln wie Asterix und das Atomkraftwerk. In über hundert Sprachen übersetzt finden sich Ausgaben auf Latein, Altgriechisch, Esperanto oder auch in Mundart wie Plattdeutsch, Wienerisch oder Schwäbisch. Bald lernt Asterix sogar zu berlinern.

Nach 24 Alben der fruchtbaren Zusammenarbeit von Goscinny und Uderzo kam allerdings eine entsetzliche Zäsur: der plötzliche Tod Goscinnys 1977. Das Künstlerduo hatte gerade am Band Asterix bei den Belgiern gearbeitet, welches Uderzo dann, vom Verlag gezwungen, alleine fertigstellte. Der weite Himmel, sonst fast immer blau, ist gen Ende des Abenteuers nur noch trübe grau.

Der Tod Goscinnys ist nicht nur insofern tragisch, weil mit ihm ein talentierter Künstler verschied (er sei an dieser Stelle auch als der Autor von Der kleine Nix – äh – Nick gewürdigt), sondern auch weil alle Alben, die Uderzo weiter schuf, witzlos und müde wirken. Irgendwann muss Asterix gar in einer epischen Schlacht mit viel Geblitze gegen Alien Invasionen und eine Schwarzenegger-Erscheinung kämpfen.

Seit 2013 aber ist der subtil-feine und freche Wortwitz des ursprünglichen Texters Goscinny wieder neu aufgegriffen worden. Nach langem Prozedere und Prozessieren um die Rechte an Asterix wurde das hohe Amt der Weiterführung der Comicreihe an Didier Conrad und Jean-Yves Ferri übertragen. Aus ihrer Feder stammen bereits die beiden Alben Asterix bei den Pikten und Der Papyrus des Cäsar. Ab Oktober werden also ein weiteres Mal in einem neuen Band die wohlbekannten Auftaktsworte der Abenteuer zu lesen sein: „Wir befinden uns im Jahre 50 v.Chr. Ganz Gallien ist von den Römern besetzt… Ganz Gallien? Nein! …“

Bild: Lobo de Hokkaido

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