Vielseitige Hintergrundmusik

Fat Freddy´s Drop in der Kulturarena

Von Amaya Gallegos

Beim Auftritt des neuseeländischen Bandkollektiv Fat Freddy’s Drop ging es am Samstag in der Kulturarena in vieler Hinsicht bunt zu. Angefangen beim unterschiedlichstem Kleiderstil der Musiker: Es gab den Zauberer am Schlagzeug, den irischen Kobold mit dem grünen Hut, der um den Regenbogen des ekstatischen Ravers an der Posaune mit der neon-orange und weiß gestreiften Leggings herum tanzte, den alten Rocker á la Udo Lindenberg im Hintergrund an der E-Gitarre, den Hip-Hop Gangster-DJ und den Cowboy mit Trompete. Etwas Einheitlichkeit kam allein durch kollektives Tragen von Hut und Sonnenbrille auf.

Diese Vielseitigkeit entsprach der Musik, die von Reggae zu Techno oder Soul manchmal derart schnell wechselte, dass man beim Mitwippen ganz aus dem Takt kam. Obwohl dieser spezielle Sound phasenweise interessant klingt, war das Konzert leider nicht wirklich mitreißend.

Die Reggae und Jazz Passagen haben zwar etwas Entspannendes, im Hintergrund bei anderen Beschäftigungen bestimmt wohlklingend, für ein Konzert, das als Arena-Ereignis angepriesen wird, aber irgendwie zu langweilig. Das ebenso vielseitige Publikum – vom kleinen Baby bis zu begeisterten Rentnern auf den hinteren Rängen, vom Hippie bis zur adretten Dame – war aber trotzdem scheinbar zufrieden, wie es durch das obligatorische Stadtfestklatschen zum Ausdruck brachte. Es war ja auch für jeden was dabei.

Habt ihr kein Zuhause?

Die Nils Landgren Funk Unit eröffnet die Kulturarena

von Alexander Holzer

„Wer Posaune spielt, gehört meiner Meinung nach in den Knast“, heißt es bei den Gilmore Girls. „Er trägt keinen Bart und doch ist er hart, der Mann mit der Posaune“, singt Farin Urlaub. „Wen würde es beim Arbeiten stören, wenn direkt neben ihm jemand ein so liebliches Instrument wie Posaune spielt?“, fragt Mark Uwe Kling in seinem Buch „Die Känguruh-Offenbarung“ „Das Känguruh setzt die Posaune an und erzeugt ein apokalyptisches Pfeifen.“ Auch wenn das unhandliche Blechblasinstrument mit dem langen Zug in Orchestern kaum beliebter ist als die Tuba, haben sich einige Jazz- und klassische Musiker ihm verschrieben und es darauf zu wahrer Meisterschaft gebracht. Einer der Bekanntesten und Besten ist sicherlich der Schwede Nils Landgren, der am 16. 7. 2014 mit seiner „Nils Landgren Funk Unit“ in der Kulturarena zu hören war. Für den 58-jährigen war es insgesamt das sechste Gastspiel in Jena.
Wer auf Landgrens Spuren abseits von Gitarre, Klavier und Geige musikalisch andere Wege beschreitet, muss sich oft die Frage gefallen lassen, was das denn für ein Instrument sei, das man da spiele. Um Missverständnissen vorzubeugen: Nein, es handelt sich bei einer Posaune nicht um das filigrane, messingglänzende Ding mit den drei Klappen. Das ist eine Trompete. Eine Posaune ist deren tumbe große Schwester. Sie ist eine Oktave tiefer gestimmt, nudelt in der mittleren Tonlage zwischen Melodie und Bass herum und ist selten gut zu hören. Deswegen lassen kleinere Formationen diese Stimme oft auch ganz weg.
Landgren dagegen lässt sich mit seinem Instrument nicht auf die Plätze verweisen. Mit einer weißen Jacketjacke, die er sich bei seiner ersten Gesangseinlage in „Fall for That!“ vom Leib reißt, und seiner rotlackierten Tenorposaune groovt die imposante kahlköpfige und schwergewichtige Erscheinung in Jena durch den lauen Sommerabend. Die Lackierung seiner Tröte hat ihm den Namen „Mr. Red Horn“ eingetragen. Seit 22 Jahren ist der studierte Klassikposaunist mit seiner sechsköpfigen „Nils Landgren Funk Unit“ unterwegs. Auf der Bühne des Theaterhauses war der Schwede mit dem Bassisten Magnum Coltrane Price, dem Schlagzeuger Robert Mehmet Ikiz, dem Gitarristen Andy Pfeiler, Magnus Lindgren am Saxophon und Sebastian Studnitzky an den Keyboards zu erleben.
Kultusminister Christoph Matschie lässt es sich nicht nehmen, ganz leger mit den Händen am Gürtel persönlich das Konzert zu eröffnen und sich für seine warmen Worte auspfeifen zu lassen. Nachdem das ausgestanden ist, schlendert die Band auf die Bühne und beginnt ohne Umschweife und große Gesten, zu spielen. Ein bisschen Schlagzeug, ein bisschen Bass, dann die effektgeladene Gitarre von Andy Pfeiler, bis der Chef persönlich auf die Bühne schlendert und soliert. In charmantem, skandinavisch akzentuierten Deutsch zwinkert er der Menge zu: „Habt ihr kein zuhause?“ Die Leute lachen verhalten, wiegen sich im Takt und klatschen artig. Gegröhlt wird hier nicht. Überhaupt ist das Konzert eine sehr brave Veranstaltung und transportiert wenig von der urwüchsigen, schmutzigen und kernigen Kraft der schwarzen Funkmusik. Das Publikum ist über vierzig, in schickem Sommerkleidchen und Poloshirt, schlürft Weißwein und smalltalkt und sieht gefährlich so aus, als trügen über drei Viertel der Anwesenden einen Doktortitel. Eine solche Veranstaltung kann selbst der fast sechzigjährige Landgren trotz aller Meisterschaft nicht aufmischen. Seine Musiker verlieren sich in endlosen, sicherlich sehr originellen Soli und rühren sich dabei auch körperlich kaum vom Fleck. Beeindruckend ist vor allem die rhythmische Exaktheit, mit der Saxophonist Lindgren und Landgren in den Bläsereinsätzen unisono spielen. Wer sich noch gewundert hat, warum keine Trompeten mitspielen, dem wird klar: Die sind in der Funk Unit völlig unnötig, weil Landgren deren Tonlage auch auf der Posaune bestens beherrscht. Dennoch bietet das Konzert wenig Originelles. Die Rhythmen hören sich ähnlich an, die Gitarreneffekte bleiben diesselben, den Soli kann man nur schwer folgen. Bassist Magnum Coltrane Price spielt ein angenehm grooviges Bassfundament und dominiert die Band – manchmal, wenn er sich den Schweiß von der Stirn wischt, auch mit nur einer Hand.
Als nach einer sehr instrumentallastigen halben Stunde das erste Gesangsstück kommt, ist das eine Erlösung. Die Band singt vierstimmig, was einen durchaus beeindruckenden Männerchor abgibt. Nils Landgrens unverkennbare nasale Jazzstimme ist dabei längst nicht immer dominant, sondern jedes Bandmitglied hat seine Solostellen. Leider beschränkt sich die Darbietung des Sextetts auf Stücke wie „Red Horn“ und „Masimoto“ und enthält dem Publikum Ohrwürmer wie „Amtrak“ oder die raffinierten Coverversionen von „I Will Survive“ und „Riders on the Storm“ vor. Somit hat Nils Landgren dem Jenaer Publikum zwei anspruchsvolle Stunden Musik beschert. Das Zuhören war allerdings nicht immer ein pures Vergnügen. In den Knast sollte er deswegen aber nicht gehen.

Travis bei der Kulturarena: Jena, come closer!
Der Frontmann Fran Healy konnte spätestens ab der Mitte des Konzertes die Zuschauer in Jena begeistern. Foto: Christoph Worsch

Der Frontmann Fran Healy konnte spätestens ab der Mitte des Konzertes die Zuschauer in Jena begeistern. Foto: Christoph Worsch

von Christoph Worsch

„Manche Lieder kennt man ja aus dem Radio, aber ob es dann von Travis ist, dass weiß man eigentlich nicht so wirklich.“ Ein Satz, der nach dem Konzert von Travis am vergangenen Donnerstag in Jena in der Zuschauermenge fiel. Nicht besser kann die Stimmung an diesem Abend beschrieben werden. Da war sie nun, diese „Weltband“ in der beschaulichen Saalestadt. Und lang hat es gedauert, ehe sich Musiker und Publikum wirklich nah kamen. Travis, irgendwie kennt sie jeder. Songs wie Sing oder Why does it always rain on me sind nicht weniger bekannt, als das zu Tode gespielte Wonderwall von Oasis. Aber Travis sind anders, keine laute Rockband und weit entfernt von den Stadionhymnen Coldplays. Wie weit inzwischen, kaum besser hätte es der Song Reminder aus dem 2013er Album Where you stand zeigen können. Da stand Frontmann Fran Healy nun auf der Bühne mit grauem Rauschebart, wie ein alter weiser Mann in seinem Schaukelstuhl und sang über Ratschläge an seinen Sohn. Die Band, die nie laut und schreiend war, ist noch ruhiger, vielleicht einfach zufriedener geworden. weiterlesen…

Stimmen aus dem frischen Grab

Theater Zink spielt Sarah Kanes “4:48 Psychose”

Ein Stück, das laue Sommerabende gefrieren lässt. Jenas älteste freie Theatergruppe versucht sich am letzten Stück der englischen Dramatikerin Sarah Kane. Es wurde 2000, erst nach dem Freitod der Autorin, uraufgeführt. Benannt ist es nach der Uhrzeit, zu der ihre Depression sie regelmäßig aus dem Schlaf riss und in den Wahnsinn warf. Es gibt weder handelnde Personen noch eine Handlung, dafür innere Monologe, fragmentarische Dialoge, unkommentierte Zahlen- und Wortreihen. All das kreist um die Erfahrung von Scham, Selbstmordgedanken und Therapieversuchen.

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Ausgabe 333

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Liebe Leserinnen und Leser,

ab dem 15. Mai steht unsere neue Ausgabe für euch in der Uni und FH bereit. Thema diesmal: Alltagsrassismus und rechte Gewalt.

Wir wünschen euch eine interessante Lektüre der neuen Ausgabe. Link