Casanova-Komplex

Verführer, die die Welt nicht braucht

von Tarek Barkouni

„Nimm sie nicht ernst, sondern durch.“ Das rät der selbsternannte Pick-Up-Artists Ludovico Santana Männern in seinem Buch Lob des Sexismus im Umgang mit Frauen.

Pick-Up-Artists gehen strategisch an die Verführung potentieller Sexualpartnerinnen heran und versuchen, mittels bestimmter Methoden ihr Gegenüber zu manipulieren. Was als Subkultur in den USA begann, ist mit Bestseller-Büchern wie Die perfekte Masche oder Lob des Sexismus auch in Deutschland einem größeren Publikum bekannt und inzwischen zu einem lukrativen Geschäft geworden: In Seminaren, Coachings, Büchern und auf dutzenden Youtube-Kanälen preisen die Verführungskünstler ihre Methoden an, um reihenweise Nummern abzugreifen – und die dazugehörigen Frauen gleich mit.

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Fakten gegen Parolen

Eine Argumentationshilfe gegen rechte Vorbehalte

von Niclas Seydack

 

Seit Februar 2014 wird in Jena gegen den Neubau eines Asylbewerberheimes in Lobeda protestiert. – nicht auf der Straße, sondern über eine Facebook-Initiative. Ein Gespräch lehnten die Initiatoren der Seite Nein zum Heim in Lobeda (1.238 Gefällt mir-Angaben) ab,  weil man „der Journaille“ nicht traue. Wir haben deshalb die Einträge auf der Seite selbst analysiert und daraus die Bürgersorgen abgeleitet. Überraschend war das Ergebnis nicht: Auf der Seite werden Stammtischparolen gedroschen und hundertfach wiedergekäut – nichts als Populismus. Und sie sind vor allem eines: polternd und plakativ. Fakten gehen dabei unter. Sachlichkeit eignet sich eben selten für Slogans.
An dieser Stelle sollen daher die häufigsten „Bürgersorgen“ beruhigt werden. weiterlesen…

Die Mitläuferin

Morgen wird im Thüringer Landtag der Ministerpräsident gewählt und die CDU diskutiert noch immer über geeignete Gegenkandidaten zu Bodo Ramelow. Eine hat nun klargestellt, dass sie nicht mehr antreten wird: Christine Lieberknecht, noch amtierende Ministerpräsidentin. Rückzug nach rund 24 Jahren in der Landespolitik – aus diesem Anlass hier noch mal der Artikel über Lieberknechts Biografie, der letztes Semester im Akrützel erschienen ist:

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Manu Delago Handmade bei ArenAkustik im Jenaer Volksbad

von Sebastian Beer

So einzigartig und exklusiv wie sein Instrument – das „Hang“ (Berndeutsch für „Hand“) – so einzigartig wirkt auch die Musik von Manu Delago und seiner Band Handmade und das trotz der Vielseitigkeit, die sich bei dieser Gruppe zeigt. Von sphärischen, orientalisch anmutenden Klängen beim Hangsolo über groovende Rhythmen beim Schlagzeugduett sowie eine exakt auf die Töne der einzelnen Musiker live vom Drummer synchronisierte Lichtshow bis hin zum brachialen Sound in voller Besetzung, der akustische Elemente wie Kontrabass und Violine mit durch Loopstation vervielfältigtem Gesang und synthetisch wie elektronisch erzeugten Elementen kombiniert und in Austausch bringt, ist so ziemlich alles dabei. Manu Delago wurde durch sein auf Youtube veröffentlichtes Hangsolo Mono Desire bekannt und arbeitete bereits mit Größen wie Björk oder dem London Symphony Orchestra zusammen.

Besonderes Klanginstrument

Doch was ist eigentlich dieses Hang, das der in London lebende Österreicher da spielt? Nicht erst nach dem Konzert, als viele Menschen sich vor der leeren Bühne tummeln, um zu bestaunen und zu streicheln, was Delago in seinen Händen hielt, zeigt sich die Besonderheit des Instruments.

Manu Delago Handmade im Volksbad.  Foto: Sebastian Beer

Manu Delago Handmade im Volksbad.
Foto: Sebastian Beer

Diese aufeinander geklebten halbkugelförmigen Metallkessel der Schweizer Firma PANArt, die diese nur in den Jahren 2000 bis 2013 entwickelte und herstellte, haben ein erstaunliches Klangspektrum. Auf der Oberseite ordnen sich sieben bis acht Mulden, die jeweils einen anderen Ton erzeugen, um den sogenannten „Ding“ in der Mitte an. Gespielt werden kann die „Klangskulptur“, wie die Erfinder sie von einem herkömmlichen Schlag- oder Perkussionsinstrument unterschieden wissen wollen, aber auch zwischen den Mulden, am Rand oder sogar auf der Unterseite, die in der Mitte eine Öffnung hat, wodurch auch tiefe Basstöne erzeugt werden können. Delago, der auf der Bühne zeitweise drei Hanghang (ja, das ist der Plural dieses Instruments) gleichzeitig spielt – egal ob waagerecht auf dem Schoß, neben ihm liegend oder senkrecht zwischen die Beine geklemmt – zeigt einen Facettenreichtum, der durch die Band perfekt ergänzt wird.

Von Elektro-Avantgarde bis orientalischer Rock-Pop

Manu Delago Handmade im Volksbad.  Foto: Sebastian Beer

Manu Delago Handmade im Volksbad.
Foto: Sebastian Beer

Die Pianistin und Sängerin Isa Kurz spielt außerdem noch Violine, der Bass, gespielt von Philipp Moll, wird zwischenzeitlich als Perkussionsinstrument erweitert, Manu Delago und Drummer Chris Norz wechseln sich mehrfach am Schlagzeug ab, Synthesizer oder E-Drumpads werden so ziemlich von jedem der vier Musiker bedient. Die Lieder changieren von meditativen durch Mönchschoräle inspirierten mehrteiligen Stücken wie Medina über Elektro-Avantgarde mit Blitzlichtstroboskop beim Ice Cream Van bis hin zu experimentellem orientalisch angehauchtem Pop-Rock in der Zugabe A long way. So ist für jeden etwas dabei, was sich auch im durch jede Altersklasse vertretenen Publikum bestätigt. Auf Tour sind Handmade momentan mit ihrem Album Bigger than home, auf dem die genannten Stücke ebenfalls zu finden sind. Wer sich von diesem Klangspektakel jedoch lieber live überzeugen möchte, der hat zumindest noch am 30. August in Hannover und am 19. September in Hamburg die Gelegenheit dazu. Weitere Tourdaten, Projekte und CDs finden sich auf www.manudelago.com.

Anbetung der Asche / Patti Smith in der Kulturarena

von Niclas Seydack

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Neil Young, The Who, die Rolling Stones – alle sind sie da. Zumindest auf den T-Shirts der Konzertgäste. Der Blick ins Publikum macht deutlich: Heute heißt’s Halbglatze statt Undercut.

Patti Smith also, eine der Ikonen der Punk-Bewegung gibt ein Stelldichein in der diesjährigen Kulturarena. Schon der erste Song steckt die Erwartungen für gesamten Abend: Nette Country-Beats auf Zimmerlautstärke. Die Konzertgäste sind außer sich. Zumindest ein Fuß wippt bei jedem mit und einige nicken, als gäben sie zu jedem Takt ihr Einverständnis. Schließlich hat man endlich mal wieder die Kinder zu Hause gelassen und kann „abhotten“, mal so richtig „die Sau rauslassen“. Andere haben ihre Kinder einfach mitgebracht. In deren Gesichter kann man überdeutlich einzelne Silben ablesen: „Wann ist das endlich vorbei?“

Vor und nach jedem Song fordert Patti Smith den Weltfrieden, eine globale Umweltbewegung und dass alle Menschen Brüder und Schwestern werden. Das skandiert sie heute, das wollte sie sicher schon vor 40 Jahren. Patti Smith beschwört in jeder Sekunde, mit jedem Satz und jeder Bewegung die Vergangenheit herauf und widmet nahezu jedes Lied einem verstorbenen Freund. Für die habe sie sogar auf dem Jenaer Friedhof gebetet. Alles an diesem Auftritt ist, um es mit einem Wort zu sagen: altersmilde.

Klar, die Patti ist ja auch schon 68. Aber das ist auch Keith Richards und der ist vor ein paar Jahren von einer Kokosnusspalme gefallen, zieht sich noch immer alles rein, was Rausch verspricht und knallt nach jedem Konzert die Groupies. Oder macht zumindest auf der Bühne noch den Eindruck, als würde er.

Patti Smith dagegen besitzt ein Repertoire von exakt vier Moves, die sie in hypnotisch-eintöniger Art und Weise wiederholt: Verträumt die Arme heben, verträumt die Arme senken, verträumt mit den Armen einen Kreis beschreiben und winken. Winken, winken und winken – sieht ein bisschen aus wie bei der Queen.

Als Smith hinter die Bühne geht, um „ein technisches Problem“ zu beheben, singt Gitarrist Lenny Kaye und wird postwendend aus den hinteren Reihen angepöbelt: „Mach des Maul zu da! Wir wollen die Patti sehn!“ Weiter aufbegehrt wird erst als der Regen einsetzt und ein älterer Rocker verlangt, die Schirme wieder zuzuklappen – er sehe ja gar nichts mehr! Die Diskussion nebenan über die nächste Getränkerunde („Weißweinschorle oder Caipi?“) ist lauter als Smiths Klagen über die Welt. Ein Altrocker hat die Augen geschlossen. Unbekannt bleibt, ob er genießt oder eingeschlafen ist. In keinem Fall will man ihn stören, sicher schwelgt er gerade in alten Zeiten, denkt ans Hasch rauchen und freie Liebe am Strand in jenem Sommer Neunzehnhundert-Irgendwann.

Ähnlich wild geht’s auch im Fotograben zu. Nur während der ersten zwei Songs darf fotografiert werden, nur von der rechten Bühnenseite aus und immer anständig hinter der orangenen Linie bleiben – angeordnet von der „Godmother of Punk“ persönlich. Punk ist hier nur die Herrentoilette. Aufs Händewaschen wird kollektiv verzichtet, man kommt sich bei der Suche nach der Seife fast reaktionär vor.

Ausgelassen wie Vierjährige beim Midnightsale des neuen Fisherprice-Feuerwehrtrucks werden die Jenaer dann bei großer Spoken-Word Improvisationskunst: „Schiller was here – Goethe was near!“ Smith beteuert, ihren Tourmanager angefleht zu haben, wieder Station in Jena machen zu dürfen. Danke, Patti, danke. Bei einem Witz über das Gras rauchen wird gelacht, als hätte Mario Barth über Schuhe kaufen gefrotzelt. Punk-Dompteurin Patti Smith hat das Publikum vollends im Griff. Und es wird brav mitgeklatscht, im Viervierteltakt und auf Anweisung der Meisterin. Das ist Rock’n’Roll der Kategorie Maffay, Scorpions oder Heinz-Rudolf Kunze.

Der titelgegebene Song des aktuellen Albums Banga erreicht mit seinen eingängigen Refrain („Say Banga!“) die rebellische Sprengkraft der Hausfrauen-Durchhalteparole Chakka aus den frühen 00er Jahren. Und selbst ihr größter Hit Because the night klingt, als würde ihn eine Freizeitband auf dem Schützenfest covern, gelähmt von Demut vor der guten, alten Zeit.

Die 68-jährige Smith, die mittlerweile auch fotografiert, malt und Lyrikbänder herausgibt, hat sicherlich Großes geleistet für den Punk, für das Spoken-Word und sicherlich auch für die Emanzipation der Frau in der Kunst. Aber Patti Smith, 2014 in Jena – so klingt es, wenn Musik ihre Mindesthaltbarkeit schon seit langer Zeit überschritten hat.