Jeder mit jedem

„Don Giovanni“ feierte am Deutschen Nationaltheater Premiere

Von Johannes Weiß

Wenn die Tochter mit dem Vater…
Foto: Charlotte Burchard

Um es gleich zu Beginn mit dem Zynismus eines Don Giovanni zu sagen: Wäre der Champagner aus der gleichnamigen Arie des spanischen Lebemanns genauso schal und abgestanden wie diese Weimarer Inszenierung, ließen sich wohl nur wenige Damen auf dessen rauschenden Festen blicken. Und die vom Diener Leporello geführte Liste der Liebschaften wäre um einige Namen kürzer.
Der DNT-Operndirektor Karsten Wiegand hat sich selbst an die „Oper aller Opern“ gewagt und hierfür ein funktionelles Bühnenbild gewählt: Holzwände, Gänge, Türen, Treppen und Geländer trennen und verbinden die verschiedenen Bereiche der Handlung, und bei Bedarf dreht sich das Ganze sogar noch. So weit, so gut. Auch der Verzicht auf eine starre Gegenüberstellung vom skrupellosen Verbrecher Don Giovanni und seinen wehrlosen Opfern erscheint sinnvoll und öffnet einen vielversprechenden Zugang zu Mozarts „Dramma giocoso“.

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Die Suche nach der schönen Seele

Premiere von „Anatomie“ im Theaterhaus

Von Sabine Bandemer

Operation gelungen: Patient dünn.                                                         Foto: Joachim Dette

Im 16. Jahrhundert entwickelte ein Chirurg namens Gasparo Tagliacozzi eine Methode, mit der bei an Syphilis Erkrankten die unschöne Begleiterscheinung der Knorpelrückbildung im Gesicht therapiert werden konnte. Ein Lappen Haut vom Arm diente als Ersatzmaterial für diese Schönheitsoperation der ersten Generation, die große Beliebtheit unter den Leidenden genoss. Nicht erst seit heute wird Wert auf ein perfektes Äußeres gelegt. Was möglich ist, wurde und wird unternommen. Dabei geht es längst nicht mehr um die Beseitigung von Hässlichkeiten. Heute ist das Schöne Standard und das Schönste üblich.

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Eine fruchtbare Beziehung

Neue Bauhaus-Sonderausstellung im Stadtmuseum

Von Stephanie Hesse

Paul Klee “Mumon als Braut” (1938)                          

Foto: Stadtmuseum Jena

Wer hätte gedacht, dass wir Studenten tagtäglich in einer besonders kulturellen Umgebung speisen? Ernst Neufert und Otto Bartning entwarfen die Mensa am Philosophenweg nach dem Vorbild moderner Prinzipien des Bauhauses. Diese und viele andere Querverbindungen zwischen Jena und der in Weimar begründeten Künstlerbewegung präsentiert die Sonderausstellung „In nachbarlicher Nähe“ – Bauhaus in Jena, die noch bis zum 7. Juni  im Stadtmuseum Jena zu sehen ist.
Anlässlich des 90-jährigen Bauhaus-Jubiläums haben die Kuratoren mit viel Mühe und Engagement künstlerische Meisterwerke aus internationalen Sammlungen zusammengetragen, darunter Arbeiten von Oskar Schlemmer und Johannes Itten sowie Paul Klee, Lyonel Feininger und Laszlo Moholy-Nagy. Die unzähligen Werke bekannter Bauhäusler, die man bisher nur vom Hörensagen kannte, sind im Jenaer Stadtmuseum zum Anfassen nah.

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Verfassungsfeind und Spaß dabei

Martin Sonneborn liest aus seinem „Partei-Buch“

Von Louisa Reichstetter

Ist Mitglied in allen Parteien – außer bei den Grünen: Martin Sonneborn                                   Foto: Louisa Reichstetter

‚‚Wir sind eine Partei, weil…“ Der Redner hebt vielsagend den Arm und macht eine dramaturgisch imposante Pause, „wir eine Partei sind!“ Die Sinnlosigkeit wird unter Jubelgeschrei begraben. Nur die Ordner, die ein bisschen wie Neonazis aussehen, bleiben in jener Videosequenz steinern.

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Übermensch bei Günther Jauch

Puccinis „Turandot“ feierte am Weimarer DNT Premiere

Von Johannes Weiß

“Nun, Fremdling, das Eis, das Feuer gibt, was ist es?”                  

Foto: Charlotte Burchard

Manchen mag es überraschen: Trotz ihrer vergleichsweise geringen Dauer von nur zwei Stunden besteht Puccinis Oper „Turandot“ nicht nur aus dem Schlager „Nessun dorma“ – bekannt aus Funk und Fernsehen und zuletzt so ergreifend mittelmäßig interpretiert von Kitschnudel Paul Potts. Da wirkt es fast schon wie ein ironischer Kommentar, dass Andrea Moses mit ihrer Ende März angelaufenen Turandot-Inszenierung am DNT Weimar gerade die Macht der Medien und deren suggestiven Einfluss auf die Massen thematisiert.
Die letzte und unvollendet gebliebene Oper Puccinis handelt von der chinesischen Prinzessin Turandot, die jedem Bewerber um ihre Hand drei Fragen stellt; kann er diese nicht korrekt beantworten, muss er seine Unwissenheit mit dem Leben bezahlen. Auf der Weimarer Bühne wird das Ratespiel samt nachfolgender „Live-Hinrichtung“ zum Medienspektakel: Schwarz-weiß gekleidete und Champagner schlürfende Touristen besetzen die Ränge eines arenaförmigen Fernsehstudios; der Mandarin (Philipp Meierhöfer) erscheint nicht als gewissenhafter Beamter, sondern als schillernder Conférencier mit Schlaghose und Plateauschuhen. Mit Hilfe von beschrifteten Schildern, auf denen im Stück vorkommende Schlagwörter wie „enigmi“, „sangue“ oder „morte“ stehen, stimmt er das Publikum auf das kommende Event ein: die Ermordung des Prinzen von Persien, des letzten glücklosen Kandidaten.

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Allein in Korinth

Franz Grillparzers “Medea” am Nationaltheater Weimar

Von Johannes Weiß

Willkommen im antiken Griechenland.                                               Foto: DNT/Thomas Aurin

Ein guter Draht zum Publikum scheint Nora Schlocker sehr am Herzen zu liegen. In ihrer am 21. Februar erstmals gezeigten Inszenierung von Franz Grillparzers „Medea“ versucht die 25-jährige Hausregisseurin des DNT Weimar permanent, den Zuschauer ins Bühnengeschehen hineinzuziehen. Da klettern schon mal Schauspieler in die Sitzreihen oder mit Taschenlampen bewaffnete „Argonauten“ huschen durch den dunklen Zuschauerraum. Bereits vor Beginn des Stückes erwarten zwei seltsame Gestalten das langsam seine Plätze einnehmende Publikum: Ein schwarzgekleideter Mann steht auf einem kleinem Schrank und erregt durch schwingende Handbewegungen, aufheulenden Gesang und nicht alltägliche Grimassen Aufmerksamkeit; fasziniert sitzt ihm eine junge Frau zu Füßen. Konservative Theaterbesucher befürchten wohl schon das Schlimmste für die kommenden drei Stunden, doch klärt sich die sonderbare Situation schnell auf:

Wir befinden uns im Königreich Kolchis, und die beiden Darsteller entpuppen sich als die jugendliche Prinzessin Medea (Nicole Tröger) und die örtliche Gottheit Peronto. Während letztere in Grillparzers Text nur als „Bildsäule“ auftaucht, erscheint sie hier in Gestalt des Musikers Jens Thomas, der fortan die weitere Handlung mit Gesang und Geräusch begleitet. In der Anfangsszene zeigt sich zugleich, dass der Titel „Medea“ irreführend ist. Denn Schlocker bringt die gesamte Grillparzer-Trilogie „Das goldene Vließ“ auf die Bühne: vor der Pause die beiden in Kolchis spielenden Teile „Der Gastfreund“ und „Die Argonauten“, danach erst das eigentliche „Medea“-Trauerspiel mit dem Schauplatz Korinth.

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Bands sind wie Beziehungen

Die Berliner Ska-Folk-Punk-Band Mutabor ist zurück

Von Melanie Gollin

Das Interview war für 21 Uhr angesetzt. Dass ich diesen Termin nicht pünktlich wahrnehmen konnte, lag daran, dass sich vor dem Kassablanca eine unglaubliche Menschenmenge versammelt hatte. Am Abend des 7. März sollten Mutabor ihr erstes Konzert nach dem Abschiedskonzert im Juli 2006 geben. Trotz großer Aufregung bei Band und Publikum nahm sich Axel Steinhagen, Sänger und Kopf der Band, vor dem großen Comeback kurz Zeit, um mir zu erklären, warum eine Band wie eine Beziehung ist.

“Ey, irgendwie is’ schon geil”: Wenn Musiker Interviews geben…                      Foto: Mutabor

Das erste Konzert mit Mutabor seit fast drei Jahren: Seid ihr aufgeregt?

Natürlich sind wir aufgeregt, das wär auch schlimm, wenn’s nicht so wär. Aber es ist natürlich so ne positive, freudig-erregte Aufregung.

Ihr seid eine Berliner Band und habt 2006 euer fulminantes Abschiedskonzert auch in eurer Heimatstadt gegeben. Warum startet ihr nun also nicht auch wieder dort, sondern hier in Jena?

Wir wollten natürlich so’n bisschen Vorlauf haben (lacht). Wir haben auch erst überlegt: „Na klar, das erste Konzert muss in Berlin sein, weil das letzte Konzert auch in Berlin war.“ So war es dann auch gedacht, aber es hat sich dann einfach von den Terminen so ergeben. Es war jetzt nicht wirklich der große Plan gewesen, sondern letztendlich hatten wir in Berlin das Kesselhaus am 21. März. Dann war ja der Andrang auch gleich so groß und wir mussten auch sehen, ob wir dann noch ein Zusatzkonzert dran hängen können.

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Im Altenheim nichts Neues

Gaetano Donizettis „Don Pasquale“ im Deutschen Nationaltheater

Von Johannes Weiß

Der Greis ist heiß. Foto: Anke Neugebauer

Eine Überraschung erlebt der nichtsahnende Besucher des Weimarer „Don Pasquale“ bereits dann, wenn die Titelfigur zum ersten Mal den Mund aufmacht. Man singt deutsch. Zugegebenermaßen lässt sich durch den Verzicht auf die sonst übliche Übersetzung in Untertiteln der mitunter turbulente Handlungsverlauf dieser „opera buffa“ Donizettis leichter verfolgen – zumal die Sänger im Allgemeinen gut zu verstehen sind. Dennoch bleiben gewisse Zweifel übrig, ob Operntexte ähnlich wie Gedichte nicht grundsätzlich unübersetzbar seien und ob daher solch schwerwiegende Eingriffe ins Originalwerk überhaupt Sinn ergeben können. Auch in anderer Hinsicht geht die Inszenierung, die am vergangenen Samstag ihre Premiere am Deutschen Nationaltheater Weimar feierte, durchaus frei mit der Vorlage um. Das Regieteam um Roy Rallo legt einen besonderen Akzent auf die Situation des alten Menschen Don Pasquale (Damon Nestor Ploumis), der es seinem Neffen Ernesto (Uwe Stickert) noch mal richtig zeigen will und heimlich Heiratspläne schmiedet.

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