Astronomisches Sandmännchen

Podcasts kommen nach Jahren des Nischenlebens im Mainstream an. Sie müssen nicht unbedingt in einer hippen Altbauwohnung in Berlin Mitte produziert werden. Ein Gespräch mit einem Jenaer Podcaster.

Von Hanna Seidel

Sie sind überall in der Mensa verteilt. Plakate mit zwei Männern in albernen Verkleidungen und Überschriften wie „Fest und Flauschig“ oder „Vegan und Verschmust“. Ein blöder Scherz oder aber nur Werbung für den neuen Podcast von Jan Böhmermann und Olli Schulz, die zwar schon seit Jahren im Radio senden, aber nun zu einem bekannten Streamingdienst umziehen. Ein Zeichen dafür, dass Podcasts ihr Nischendasein verlassen.
Was ist daran so spannend? Ein Gespräch mit dem Jenaer Physiker und Podcaster Florian Freistetter über seinen astronomischen Podcast.

„Ein astronomisches Sandmännchen für Erwachsene“

 „Sternengeschichten“ erzählt Freistetter seit fast vier Jahren und mittlerweile wird jede Folge zwanzigtausend Mal von denjenigen angehört, die sich für Astronomie interessieren und zwischendurch zehn Minuten Zeit haben. Das ist Freistetter wichtig: Astronomie kurz und anschaulich zu erklären, damit „jeder, der den Willen hat, es zu verstehen, es auch verstehen kann.“
„Die Idee war eine Art astronomisches Sandmännchen für Erwachsene“, erklärt er, aber mittlerweile hören auch viele Kinder und Jugendliche seinen Podcast. In einer angenehmen Geschichtenerzählerstimme spricht er über Biographien einflussreicher Wissenschaftler und auch über seine eigene Arbeit. Dreißig Minuten Chaostheorie machen sogar Spaß, wenn man Physik in der Schule gehasst hat.
Die meisten Podcasts sind aber einfach Gespräche über Gott und die Welt. Da stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvollere Beschäftigungen gibt, als zwei Stunden lang zuzuhören, wie andere Leute sich unterhalten – wahrscheinlich. Aber irgendwie macht es auch Spaß, weil es den eigenen Voyeurismus befriedigt. Die Sternengeschichten sind anders – prägnant, aber nicht weniger unterhaltsam – und ihr Vorteil: Man kann auch noch etwas lernen.

Über Wissenschaft und Bier

Am Telefon erzählt Freistetter, dass er sich gerade in Wien aufhält, als Teil des wissenschaftlichen Kabaretts „Science Busters“. Ihr nächstes Programm beschäftigt sich mit Bier und Wissenschaft, eigentlich ideal für Studenten.
Ein Kabarettprogramm über Astronomie, das man bei einem Bier in der Kneipe anhören kann oder im Rahmen eines Podcasts als lockere Gesprächsrunde klingt gar nicht nach „richtiger“ Wissenschaft. Aber genau das ist Freistetters Idee: „Kein Mensch hat ein Problem damit, dass Leute rumsitzen und über Sport reden, obwohl sie keine Sportler sind, oder über Politik reden, obwohl sie keine Politiker sind. Nur in der Wissenschaft hat man immer das Gefühl, darüber dürfen nur Wissenschaftler reden, am besten noch in Laborkittel und mit Brille.“
Dabei sollte Wissenschaft viel mehr Menschen erreichen, findet Freistetter. Deshalb schreibt er Blogs, Bücher wie Der Komet im Cocktailglas und macht eben auch Podcasts. „Es bringt nichts, wenn man immer nur forscht, aber niemandem etwas davon erzählt.“
Er findet es schade, dass eine lange Publikationsliste für Wissenschaftler mehr zählt, als Menschen zu erreichen. Podcasts kann man nunmal nicht dazu schreiben.
Dann empfiehlt Freistetter diverse Podcasts, die sich alle auf witzige Weise mit Wissenschaft beschäftigen. Leider sind diese nur für Menschen mit soliden Englischkenntnissen geeignet. Denn obwohl man heute ohne großen Aufwand mit fast jedem Handymikrophon Podcasts aufnehmen könnte, ist die Podcastlandschaft in Deutschland karg. Man kann damit eben kaum Geld verdienen. Im englischsprachigen Raum ist das Medium schon wesentlich etablierter.
Dennoch plant Freistetter zusammen mit Holger Klein, der in der Szene für seine Podcastsammlung Wer redet ist nicht tot bekannt ist, ein neues Projekt mit zwei Kollegen aus Jena. Darin soll es auch um wissenschaftliche Errungenschaften mit Bezug auf Jena gehen.
Podcasts können„Normalsterbliche“ erreichen und für Physik begeistern, daran glaubt Freistetter. Sie zeigen, dass Wissenschaft, die an der Uni oft elitär wirkt, für alle da ist und dass man sie sogar bei einem Bier genießen kann.

Foto: Simon Kumm/Susanne Schlie (CC-BY-SA 3.0)

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