Ausgetretene Pfade

„Die maskuline Form schließt alle Geschlechter ein“ sagen die einen. „Unsinn“ sagen Sprachwissenschaftler:innen der Uni Jena.

Von Julia Keßler

Gerade Wege, wie mit dem Lineal gezogen, die an ampelgesäumten Kreuzungen möglichst rechtwinklig aufeinandertreffen. Ein dichtes Netz von Straßen und Regeln. Der moderne Städtebau ist mit Sicherheit eine der großen Errungenschaften der Menschheit. Doch an so mancher begrünter Straßenecke zeigt die Menschheit ein anderes Gesicht. Auf der Suche nach höchstmöglicher Effizienz – weniger euphemistisch könnte man auch sagen, aus Faulheit – kürzen regelmäßig Fußgänger über den Grünstreifen ab. Als Mahnmal dieses allzu menschlichen Verhaltens zieht sich recht bald ein Trampelpfad über den Grünstreifen. Nicht gewollt, schließlich steht niemand mit dem Gedanken auf „Mensch, ein Trampelpfad an der Hauptstraße, Ecke Kirchgasse, das wär’s“, aber ein logisches Resultat menschlichen Verhaltens.

Foto: Dominik Itzigehl


Überraschend ähnlich verhält es sich mit dem Sprachwandel. Wir haben ein ausgeklügeltes System aus Wörtern und Regeln, das es uns erlaubt, alles Mögliche auszudrücken, und doch zeigt sich hier und da das Streben nach immer mehr Effizienz, nach einem immer besseren Kosten-Nutzen-Verhältnis. Die Trampelpfadmetapher geht auf den Linguisten Rudi Keller zurück, der damit versuchte zu erklären, wie es bei Millionen von Sprechern, die alle eine individuelle Sprachverwendung haben, zu gerichteten Veränderungen kommen kann. Sprache verändert sich, weil wir nach Gutdünken logisch handeln, und wenn genug Individuen eine Veränderung logisch finden, wird sie zur Regel.
Als wäre diese stete natürliche Veränderung der Sprache für Gegner:innen des Sprachwandels nicht schon schwer genug zu ertragen, gibt es momentan immer mehr Bestrebungen, den Sprachgebrauch bewusst zu verändern. Politisch korrekt soll Sprache sein, inklusiv und auf keinen Fall verletzend. Das zeigt sich unter anderem in der Debatte um gendersensible Sprache. Immer mehr Menschen blicken leicht verächtlich auf den Trampelpfad „Generisches Maskulinum“ und nehmen bewusst den kleinen Umweg in Kauf. Paarformeln, Gendersternchen oder -doppelpunkte, Partizipialkonstruktionen – die Möglichkeiten sind so vielfältig, wie ihre Benutzer:innen die Gesellschaft gern sehen würden. Ebenso vielfältig sind aber auch die Protestbewegungen. So rief der Verein Deutsche Sprache im Jahr 2019 dazu auf, „die deutsche Sprache gegen diesen Gender-Unfug [sic!] wieder durchzusetzen.“

Wissenschaftlicher Konsens

Dr. Barbara Aehnlich, Dozentin am Institut für germanistische Sprachwissenschaft der Universität Jena, befürwortet ausdrücklich, dass Frauen in der Sprache sichtbarer werden und betont, dass sie darin eine Grundlage für einen gesellschaftlichen Wandel sehe. Das Argument, dass das generische Maskulinum alle Geschlechter einschließe, entkräftet sie direkt: „Dass ich als Sprachwissenschaftlerin weiß, dass es sich beim generischen Maskulinum um eine Funktionsbezeichnung unabhängig vom Geschlecht handelte, ändert nichts daran, dass diese Bezeichnungen aufgrund einer männergeprägten Geschichte oft nur für Männer verwendet wurden, weshalb sie oft auch als männlich wahrgenommen werden.“ An dieser Stelle entstehe dann das Hauptroblem des generischen Maskulinums: Werde das eigentlich geschlechtsübergreifend gemeinte Substantiv als männlich verstanden, dann verschwänden alle mitgemeinten weiblichen Personen dahinter und seien nicht mehr sichtbar.
Auch Dr. Manfred Consten, ebenfalls Dozent am Institut für germanistische Sprachwissenschaft, lehnt die Verwendung des generischen Maskulinums aus wissenschaftlicher Sicht ab. „Das generische Maskulinum wird nicht als generisch verstanden. Das haben Linguistinnen und Linguisten schon in vielen Experimenten gezeigt, das erste von 1988. Und was sichtlich nicht funktioniert, sollte man nicht benutzen.“

Paarformeln bevorzugt

In Auseinandersetzung mit der Vielzahl von Möglichkeiten, gendersensiblere Sprache umzusetzen, führte Aehnlich vor zwei Jahren eine Studie durch, die die Akzeptanz verschiedener Formen des Genderns untersuchte. Die Befragten dieser Studie waren ausschließlich Frauen, um die Meinung des betroffenen Geschlechts in den Fokus zu rücken. Die größte Akzeptanz (ca. 50%) gab es gegenüber Paarformeln, wie Studentinnen und Studenten. Andere Formen des Genderns sind laut dieser Studie weniger akzeptiert.
Consten teilt die Meinung seiner Kollegin. Auch er plädiert für ausgeschriebene und ausgesprochene Paarformeln. Laut Consten „repräsentieren sie zwar immer noch eine binäre Vorstellung von Geschlechtern, aber grammatische Kategorien sind nunmal immer Kategorien, während das Leben ein Kontinuum ist.“ Entpersönlichte Formen, wie bspw. Partizipien lehnt er hingegen ab. „Wenn aus Prüferinnen und Prüfern Prüfende werden oder aus Studienberaterinnen und Studienberatern die Studienberatung, kann sich zwar niemand mehr beschweren, aber zumindest Männer stellen sich weiterhin Männer darunter vor.“
Im Übrigen seien die Paarformeln auch die inklusivste Variante gendersensibler Sprache, da sie auch bei Personen mit Leseschwierigkeiten nicht zu Verständnisproblemen führten, betont Aehnlich.

Ökonomie vs. politische Korrektheit

Zurück zur Trampelpfadmetapher: Was passiert nun aber, wenn morgens die Zeit drängt, man eh schon spät dran ist, und der Trampelpfad wertvolle Zeitersparnis verspricht? Übersetzt: Kann sich die Forderung nach gendersensibler Sprache überhaupt gegen das allzu menschliche Streben nach Effizienz durchsetzen?
Consten sieht hier eines der Hauptprobleme des Genderns. „Unpraktische Sprachregelungen werden ein Merkmal bestimmter akademischer Milieus bleiben, mit denen man sich von weniger gebildeten oder weniger „politisch korrekten“ Milieus abgrenzt.“
Aehnlich hingegen sieht in diesem Zusammenhang lieber Lösungen als Probleme. „Studien haben gezeigt, dass viele der hervorgebrachten Argumente gegen die Probleme beim Gendern nicht haltbar sind.“ Sie glaube eher, das Hauptproblem sei die Akzeptanz geschlechtsübergreifender Formen in einigen Teilen der Gesellschaft.
Daraus ergibt sich laut Consten aber eine andere Gefahr. „Die Zugehörigkeit zu einem nicht-akademischen Milieu reicht, um umständliche Formen nicht zu verstehen. Viele Menschen fühlen sich dann aus öffentlichen Diskursen ausgeschlossen, und manche von ihnen ziehen sich in politisch rechte Ecken zurück.“

Schillers Räuber:innen?

Die Veränderung historischer Texte zugunsten gendersensibler Sprache lehnen beide aber kategorisch ab. „Literatur sollte frei sein“, kommentiert Aehnlich. Consten drückt sich sogar noch drastischer aus: „Wer keinen Respekt vor der historischen Gestalt eines Textes hat, sollte besser nichts mit Texten zu tun haben.“ Dennoch, erwähnt Aehnlich am Rande, gebe es Neubearbeitungen von historischen Texten, die sich gerechter Sprache bedienen. So gebe es bspw. eine Bibel, in der das Wort Herr nicht vorkomme, und der heilige Geist durch die heilige Geistkraft ersetzt worden sei. Was davon zu halten ist, sei an dieser Stelle aber den Gläubigen selbst überlassen.

Betonierte Wege

Zu entscheiden, ob sich gendersensible Sprache langfristig durchsetzen wird, gleicht momentan noch dem Blick in die Glaskugel. So, wie man Trampelpfade nicht nachhaltig beseitigen kann, weil das Ökonomiestreben und der Egoismus als allzu menschliche Eigenschaften dagegen stehen, scheint eine flächendeckende Etablierung gendersensibler Sprache im Moment in weiter, vielleicht unerreichbarer, Ferne zu liegen. Doch vielleicht fällt der Menschheit irgendwann auf, dass man als Gesellschaft auf betonierten Wegen besser vorankommt, auch wenn sie auf den ersten Blick länger scheinen, oder, um es mit Aehnlichs Worten zu sagen: „Gendern tut nicht weh, wenn man aber nicht mitgenannt wird und dadurch unsichtbar bleibt, kann das schon verletzen.“

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