Kleine Fragen, Große antwortet

Hallo Team-Akrützel!

Ich habe jetzt schon einige eurer Ausgaben gelesen und bin enttäuscht, dass euch gesellschaftlicher Wandel offensichtlich wenig interessiert! Habt ihr mal über das Gendern nachgedacht?

Leserbriefkolumne von Tim Große

Beim Gendern hört der Spaß auf. Während ich die letzten Antworten betüdelt aus dem Kuli zog, sitze ich nächtelang an dieser Frage und überlege, ob ich etwas Nettes schreibe à la „Hey, eigentlich hast du voll recht und es ist supi, dass sich überhaupt mal jemand kritisch mit unserer Arbeit auseinandersetzt und uns schreibt“. Aber dann fiel mir ein, dass ich (noch) kein Landlust-Redakteur bin und diese Zeitung ein ausgedrucktes Debattencamp sein kann.
Zunächst muss man sagen, dass wir so gut wie jede Woche über Gendern nachdenken. Bisher haben sich aber alle mit dem im Impressum stehenden und von niemandem gelesenen Spruch: „Das verwendete generische Maskulinum gilt für alle Geschlechter“ zufrieden gegeben. Keine Revolution, aber im Spiegel steht so was nicht. Das hier vorliegende Heftchen ist kein förmliches Anschreiben, sondern soll unsere Leserschaft informieren, zum Nachdenken anregen, zur humoristischen Ekstase bringen oder vielleicht auch einfach aufregen. Wie dieser Gender-Beitrag eines Typen mit Pullermann, der sich rein theoretisch nie von Sprache diskriminiert fühlen konnte.

Wenn über hundert Lungenärzte Feinstaub ganz in Ordnung finden, dann stelle ich mir eine Truppe weißhaariger Kittelträger vor, die in ihrem Leben wohl nicht nur Staub durch die Nase gezogen haben. Sind es nun über hundert Lungenärztinnen, sorgt das für Rauschen: Seht her! Es gibt auch Frauen und andere Geschlechter, die Müll labern! Es ist nicht schlimm, von Lungenärztinnen zu lesen, ich muss es aber trotzdem nicht so schreiben. Nicht weil ich kaum die Tournee von Dieter Nuhr und seinen vor allem männlichen Freunden vom Verein Deutsche Sprache abwarten kann, sondern weil es (noch) keinen gesamtgesellschaftlichen Konsens gibt. Der gleichaltrigen Physiotherapeutin ist Gendern meist egal, einfach weil sie nichts mit Studierendenschaftsvertreterinnen und Studierendenschaftsvertretern zu tun hat. Ein Professor, der mit dieser Verbindung von substantiviertem Partizip Präsens mit klassischer Doppelsagerei den Stura begrüßt, erntet dagegen zufriedenes Staunen bei vielen Studis.

Deutschland ist schon Ungleichland. Reiche bumsen Reiche, deren reiche Kinder bald mit anderen reichen Eltern Privatschulen gründen, damit deren reiche Kinder nicht mit dem Pöbel oder sogar noch Zugewanderten in Kontakt kommen. Es ist und bleibt der Westen des Landes, in dem alle großen Konzerne und Multimilliadäre sitzen – größte Spende Uni-Klinik Heidelberg 2018: 100 Millionen Euro von SAP-Gründer Dietmar Hopp; größte Spende Uni-Klinik Jena 2018: 2.000 Euro von einer Aldi-Filiale. Und es sind meist Frauen, die unsere angekrustete Scheiße aus der All-Gender-Toilette kratzen müssen, wofür sie vielleicht sogar noch weniger bekommen als ich, wenn ich das machen würde. Jetzt sind zusätzlich noch alle die, die nicht gendern, Faschisten, alle, die es machen, Genderwahnis.

Auch der Rat für deutsche Rechtschreibung wollte sich im vergangenen Jahr (noch) nicht darauf festlegen, ob man Gendern empfehlen sollte und wie diese Empfehlung aussehen kann. Die drei im Text liebevoll stilistisch eingeklammerten Nochs sollen verdeutlichen, dass es eben noch keine Regeln gibt, wie geschlechtsneutrale Sprache auszusehen hat. Bis dahin könnt Ihr uns mit Lesermeinungen überschütten, auch im generischen Femininum. Wir drucken alles.

Immer wieder erreichen unsere Redaktion Fragen, die unserer gesamten Leserschaft auf der Seele brennen, an deren Beantwortung aber die meisten scheitern. Tim Große nimmt sich unerschrocken dieser Themen an.

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