Optimieren geht über Studieren

An Light. Life. Liberty. kommt man in Jena aktuell kaum vorbei. Die wissenschaftlichen Profillinien verbreiten sich in der Stadt und auch andere Veränderungen drängen sich dem Auge auf. Was ist da los? Eine Spurensuche.

Kommentar und Illustration von Antonia Braun

Diese Umbrüche, das In-den-Seilen-Hängen. Wer studiert, kennt es nur allzu gut. Was will ich machen? Wo werde ich angenommen? Bekomme ich das Praktikum, den Job, die Promotionsstelle? Wer sich bewirbt, macht sich fragil. Man will sich ins beste Licht stellen und ist abhängig von der Zu- oder Absage. Ähnlich muss es der FSU gerade gehen. Seit sie letzten November den Antrag gestellt hat, eine Exzellenzuni zu werden, ist Einiges los.

Exzellent ist qua lateinischem Ursprung etwas, das hervorragt oder heraussticht. Schon wieder eine Parallele zu den Leiden der jungen Studierenden. Schließlich möchte man vor allem vermeiden, so zu sein wie die anderen. Wo der Individualismus regiert, ist es bis zum Selbstoptimierungswahn nicht mehr weit. Wer schon Body und Mind auf ein unübertreffbares Hoch gelevelt hat, dem bleibt wohl auch nichts mehr übrig, als seine Kieferknochen zu zertrümmern. Solange das Ganze eine englische Bezeichnung hat, muss man es nicht in Frage stellen.

„Light. Life. Liberty. – Connecting People and Ideas” lautet die Profillinie der FSU, die auch für die Bewerbung als Exzellenzuni aufgegriffen wurde. Die wohlklingenden Alliteration muss man sich auf der Zunge zergehen lassen.  Ausgewählte Menschen durften die mit dem Motto bedruckten Kekse tatsächlich verzehren. Eine kleine Stärkung für die internationale Gutachtergruppe, die Jena bei einer Ortsbegehung auf seine Exzellenztauglichkeit testen sollte. An diesem Tag war das Unistädtchen kaum wiederzuerkennen. Irgendjemand hatte ordentlich Looksmaxing betrieben.

Oberflächliche Selbstoptimierung?

Jahrealte Grafitti am Ernst-Abbe-Campus waren plötzlich verschwunden, ebenso wie die Mülltonnen am UHG. Statt provokanten Akrützelausgaben schillerte das neue Unimagazin Schiller die Besucher:innen verheißungsvoll an. Überall Glanz und Glamour – da braucht das Auge auch mal einen Ruheort. Zum Glück bietet Jena seit kurzem einen Fixpunkt, auf dem der bewundernde Blick verharren kann. Die Rede ist selbstverständlich nicht vom Jentower, sondern vom neuen Campus am Inselplatz. Das Motto der Strategie strahlt dort als opulentes Trikolon der Welt entgegen.

Insider munkeln zudem, dass die Schließung der Rosenmensa bis zu jener Ortsbegehung aufgeschoben wurde, damit die Expert:innen noch daran vorbeigehen konnten. Wer weiß, vielleicht wurde auch das ein oder andere Zanderfilet goutiert. Denn klar ist: Auf Goethes Spuren schmaust es sich fein. Der Studierendenschar ist dieses Glück leider nicht mehr lange beschieden.

Es mag Zufall sein, dass all diese Verschönerungen auf einmal geschehen. Beschweren kann man sich nicht, denn wer freut sich nicht über saubere Wände und einen Neonschriftzug, der die Jenaer Nächte erleuchtet. Aber reichen ein paar Kekse und Pop-Up-Foren, um exzellent zu werden? Wo bleiben die inneren Werte? Und wann werden drängendere Fragen, die über Schönheitsflecken hinausgehen, angegangen?

Hochglanz-Fassaden

Der Jenaer Soziologieprofessor Tilman Reitz äußerte sich gegenüber der Tagesschau bereits im März sehr skeptisch. Die Exzellenzstragie ist seiner Meinung nach nicht zielführend: “Wir produzieren Hochglanz-Fassaden, bleiben aber im Mittelfeld”. Man muss an potemkinsche Dörfer denken oder an performative Hingeprofile, die schreien: „Nimm mich! Aber schau nicht in den Hinterhof (da stehen die Mülltonnen). Ach ja, mein Motto ist Live. Love. Laugh.“.

Während sich Looksmaxxer in Kategorien von Subhuman bis Gigachad einordnen und bewerten, gibt es im Exzellenzunigame nur zwei Möglichkeiten: Du bist es oder du bist es eben nicht. Anfang Oktober entscheidet eine Kommission über die Exzellenztauglichkeit der FSU. Mal sehen, ob bis dahin schon neue Grafitti aufgetaucht sind.

Dieser Text erschien in der Ausgabe 460, Juli 2026.


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