Wie eine Momfluencerin vertuschen wollte, dass sie ihre eigenen Haustiere zum Sterben aussetzte und eine Reportage die Tat verharmlost.
Text von Karolin Wittschirk
Foto von David Boué
In der neuen Titel-Thesen-Temperamente-Reportage (ttt) Mama, Bossbabe, Officegirl vom SWR wird einer Person eine Bühne geboten, deren Handlungen eine kritische Einordnung verdient hätten. Im Mittelpunkt steht die Momfluencerin Alicia Vosgrau, die im Internet als Aliciasmumlife bekannt ist. Die 27-Jährige beschreibt sich selbst als dreifache Mutter, Ehefrau, Kinderbuchautorin, Besitzerin von zwei Hunden und Business-Frau. In ihrer Beschreibung fehlt allerdings die Bezeichnung Kaninchenmörderin.
Vertuschung einer Straftat
Denn noch vor wenigen Monaten gehörten zur Familie Vosgrau vier Kaninchen. Diese wurden regelmäßig in den sozialen Netzwerken präsentiert und waren so Teil des öffentlich vermarkteten Familienlebens. Irgendwann verschwanden die Tiere jedoch aus den Beiträgen. Während eines Livestreams wurde Alicia Vosgrau darauf angesprochen, was mit den Tieren passiert sei. Sie sagte damals: „Wir haben jemanden gefunden, der zum Glück alle nehmen konnte, damit ist das Thema durch“. Später stellte sich heraus, dass sie gelogen hat. Kein Wort sagte sie darüber, dass sie die Tiere in einem Wald aussetzte. Die Folge: Die Tiere waren stark dehydriert und verletzt, eins tot. Drei konnten von einem Tierheim aufgefunden und gerettet werden. Nachdem das Tierheim Bilder der aufgefundenen Tiere online veröffentlichte und Fans von Vosgrau die Kaninchen wiedererkannten, flog ihre Tat auf. Vosgrau verfügt unter anderem über eine Reichweite von 1,5 Millionen Follower:innen bei TikTok. Sie hätte problemlos über ihre Plattformen nach neuen Halter:innen für die Kaninchen suchen können.
Die Reportage greift den Vorfall zwar auf, übernimmt jedoch weitgehend die Perspektive der Influencerin. So sagt Vosgrau: „Ich habe es in dem Moment für die beste Möglichkeit gehalten, die Kaninchen im Wald freizulassen. Ich dachte, sie haben, was sie brauchen.“Genau hier hätte journalistische Einordnung stattfinden müssen, denn domestizierte Kaninchen werden nicht „freigelassen“. Insbesondere schneeweiße Hauskaninchen, wie auch eins von Vosgrau, haben in freier Wildbahn keine Überlebenschancen. Wer solche Tiere im Wald aussetzt, bringt sie in Lebensgefahr. In der Reportage wird weder erklärt, warum das Aussetzen von Haustieren problematisch ist, noch werden die konkreten Folgen für die Tiere benannt. Dass eines der Kaninchen starb und die übrigen nur durch Zufall gerettet wurden, erfährt der Zuschauer der ttt-Reportage nicht. Stattdessen bleibt die Darstellung der Geschehnisse einzig bei der Perspektive der Momfluencerin und wie sie Werbepartner:innen wie Pampers verloren hat. Zwar entschuldigt sie sich für die Tat, führt aber im gleichen Zug einen Grund an, welcher keiner ist.
Keine Rechtfertigung
Sie sagt, sie habe die Kaninchen aus Verzweiflung und Überforderung „freigelassen“. Ihr Sohn sei damals ein „Schreibaby“ gewesen, wodurch sie wochenlang kaum geschlafen und nur noch im Überlebensmodus funktioniert habe. Diese Belastung mag real gewesen sein. Sie erklärt jedoch nicht, warum das Aussetzen der Haustiere und eigentlichen Familienmitglieder die Lösung gewesen sein soll. Hinzu kommt ein Widerspruch, den der SWR nicht thematisiert: Während die Familie angibt, mit den Kaninchen überfordert gewesen zu sein, zog zeitgleich ein Welpe ein. Offenbar reichte die Kraft nicht mehr für vier Kaninchen im Garten, wohl aber für einen jungen Hund, der besonders viel Zeit, Aufmerksamkeit und Erziehung benötigt.
Haustiere können heutzutage spontan angeschafft werden. Der Kauf ist vergleichsweise unkompliziert, doch wenn sich die Lebensumstände ändern oder die Tiere nicht mehr in den Alltag passen, tragen die Halter:innen kaum Konsequenzen. Leidtragende sind am Ende die Tiere. Wer Verantwortung für ein Tier übernimmt, übernimmt sie nicht nur für die angenehmen Momente, sondern auch dann, wenn das Leben stressig wird oder sich Prioritäten verschieben.
Gerade deshalb wäre es Aufgabe einer journalistischen Reportage gewesen, diese Verantwortung kritisch einzuordnen.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 460, Juli 2026.

