Gemeinsame Verantwortung, unfaire Folgen: Warum aktuelle Verhütungsmethoden Menschen mit Gebärmutter benachteiligen.
Text von Ida Müermann
Foto von David Boué
Die vielen Möglichkeiten zur Verhütung gelten als Errungenschaft sexueller Selbstbestimmung. Dabei besteht ein Ungleichgewicht: Die meisten Methoden und damit auch die Verantwortung für Risiken und Nebenwirkungen richten sich an Menschen mit Gebärmutter. Gewählt werden kann zwischen Pille, Hormonspirale, Hormonring, Hormonimplantat, Dreimonatsspritze, Kupferspirale, Kupferkette, Sterilisation oder NFP. Für Cis-Männer stehen dagegen nur zwei Optionen zur Verfügung: Kondom und Vasektomie. Bei Letzterem werden die Samenleiter durchtrennt oder verschlossen, sodass keine Spermien mehr in die Samenflüssigkeit gelangen. Die Vasektomie gilt als sehr wirksam, ist allerdings in den ersten 10 Jahren nach dem Eingriff nur in 70 Prozent der Fälle reversibel.
Wie verhütet ihr?
Eine Instagram-Umfrage mit 160 Teilnehmenden unter den Follower:innen des Akrützel zeigt ein klares Bild: 86 Prozent finden, dass beide Partner:innen für Verhütung verantwortlich sein sollten. In der Praxis zeigt sich ein anderes Bild: Menschen mit Gebärmutter gehen zu Terminen bei Gynäkolog:innen, tragen Nebenwirkungen und Risiken, die Verhütungsplanung und die Sorge vor einer ungewollten Schwangerschaft. Dabei sind Menschen mit Gebärmutter pro Zyklus nur an wenigen Tagen fruchtbar. Cis-Männer hingegen sind grundsätzlich an jedem Tag des Monats fortpflanzungsfähig. Wenn die dauerhafte Fruchtbarkeit des Cis-Mannes biologisch betrachtet ein wesentlicher Teil des Problems ist, wäre es folgerichtig, stärker in Lösungen zu investieren, die sich an ihn richten.
Mit 68 Prozent sind Kondome die beliebteste Verhütungsmethode unter den Befragten. Die Vasektomie spielt mit vier Prozent kaum eine Rolle. 20 Prozent nutzen hormonelle Verhütungsmittel, weitere acht Prozent Kupferspirale oder Kupferkette. Den 28 Prozent invasiver Verhütungsmethoden bei Menschen mit Gebärmutter stehen damit lediglich vier Prozent Vasektomien gegenüber. Gleichzeitig wird hormonelle Verhütung überwiegend kritisch gesehen: Nur vier Prozent bewerten sie positiv, 52 Prozent äußern sich gemischt und 44 Prozent negativ. Auf die Frage, ob sie als Cis-Mann hormonelle Nebenwirkungen selbst in Kauf nehmen würden, antworteten nur 57 Prozent mit Ja. Die Umfrage zeigt ein Bewusstsein für die Ungleichheiten bei der Verhütung. Gleichzeitig werden patriarchale Strukturen dort sichtbar, wo Verantwortung zwar rhetorisch geteilt wird, die körperlichen Folgen aber überwiegend Menschen mit Gebärmutter tragen.
Risiken und Nebenwirkungen
Warum gibt es so wenig dauerhafte, risikoarme Optionen? Für wenige Menschen sind Hormone aufgrund von Erkrankungen medizinisch notwendig, für die meisten sind sie mit vielen Nebenwirkungen verbunden, zum Beispiel: Schwindel, Sehstörungen, Tinnitus, Migräne, Durchfall, Übelkeit, Erbrechen, Bluthochdruck, Herzrasen, Herzstolpern, Brustzysten, Eierstockzysten, Haarausfall, Blasenentzündungen, verminderte Libido, Unfruchtbarkeit, Angststörungen, Panikattacken, Depressionen.
Wirksame Alternativen zu Hormonen sind Kupferspiralen oder Kupferketten. Der Prozess des Einsatzes ist jedoch nicht risiko- oder schmerzfrei: Mit einer spitzen Zange wird in den Muttermund gestochen, um an der Gebärmutter zu ziehen. Anschließend wird der Gebärmutterhals geweitet und die Spirale eingesetzt, und das in vielen Praxen ohne Betäubung. Nach dem Einsetzen leiden einige unter Schmierblutungen, stärkeren Menstruationsblutungen oder Krämpfen. Zudem kann die Spirale oder Kette unbemerkt verrutschen oder vom Körper ausgestoßen werden und es besteht ein erhöhtes Risiko für Unterleibsinfektionen. In seltenen Fällen wird die Gebärmutter durchstochen, dann muss die Spirale operativ aus dem Bauchraum entfernt werden.
Die Vorstellung, Verhütung sei längst ein komfortabel gelöstes Problem, entspricht daher nur bedingt der Realität. Solange die meisten Methoden auf den weiblichen Körper ausgerichtet sind und die Forschung zu cis-männlichen Alternativen nur langsam voranschreitet, bleibt die oft beschworene gemeinsame Verantwortung aus.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 459, Juni 2026.

