Bisher galt euch das Akrützel als freundlich und moderat. Jetzt ist endlich Schluss mit der falschen Versöhnlichkeit! Ab heute wird scharf geschossen – gegen Kunst, die nervt.
Text von Nathaniel Stegmann, Vivien Brenk und Ida Müermann
Illustration von Mathias Weber
The Drama (Nathaniel Stegmann)
The Drama lässt sich hinlänglich als Liebesfilm mit Zendaya und Robert Pattinson definieren, doch trotz dieser prominenten Besetzung gelingt ebenso die Vermarktung sowohl als independent als auch als edgy, während die Handlung auch jene Inkonsequenz bietet, um diesen Stoff zu liefern, welche ohnehin an allem etwas auszusetzen haben: Dieser Film tanzt auf mehreren Hochzeiten.
So wird er alle zufriedenstellen und gerade damit Amok laufen, denn Kino, das sich subjektiv lohnt, erfüllt damit den objektiven Zweck von Kultur heute: Entspannung, Verblendung, Massenmord. Und hier eine weitere Meldung: Ich, persönlich, bin auch Selbstmordattentäter. Beim Versuch das Hollywood-Ideal von Liebe zu parodieren scheitert The Drama daran, unterhaltsam zu sein. Das wäre wohl echte Subversion, wenn die Langweile nicht gerade aus dem allzu starken Eifer nach eben jenem eigentlich zu parodierenden Liebesideal gebären würde, das in der Parole „Noch einmal auf Anfang“ doch wieder Prinzip des Films wird. Derart verbleibt er nicht mehr als Wiederholung, der konsequent selbst den Genuss dieses Liebesideal verbietet, wenn er dieses doch immer wieder ach-so-falsch findet. Die Bombe ist geplatzt und nur eine weitere, so innerhalb dessen, was eigentlich zu zerbrechen war. Mir ist völlige Immanenz geglückt, ich bleibe auch wiederauferstanden im Gefängnis, ich schlage mich selbst mit Ähnlichkeit.
Coolsein (Vivien Brenk)
Grüppchenbildung auf dem Schulhof, das haben wir hinter uns. Aber sind wir mal ehrlich: Arrangieren sich die Studis auf dem Ernst-Abbe-Platz nach anderen Regeln? Die coolen Gruppen sind sofort auszumachen. Was sie auszeichnet, ist Inszenierung von Unnahbarkeit. Die Außenwelt ist nicht in der Lage, sie emotional zu tangieren. Das Ergebnis: Kontrolle über sich selbst und jede Situation. Nie zu viel Freude über einen Erfolg, nichts juckt einen genug, um wirklich traurig zu sein. Full speed über den Campus rennen? Sau uncool. Es offenbart, dass dir etwas wichtig genug ist, um dafür zu rennen. Dabei sehnen wir uns alle danach, so zu rennen wie als Kind.
Coolsein funktioniert über Hierarchisierung und Abwertung von anderen. Kulturübergreifend werden Persönlichkeitsmerkmale als cool wahrgenommen, die Autonomie von Normen verleihen können. Eine mögliche Funktion von Coolness ist also, soziale Normen neu zu verhandeln. Coole Gruppen riechen nach Rebellentum. Aber in ihnen toleriert werden heißt, sich selbst auf Linie bringen. Was an dir schon immer zu viel war, endlich ausmerzen, um in den sozialen Olymp aufzusteigen. Coolsein ist das Ende von Freiheit. Cool Kids sind langweilig. Das Gehege, in dem sie sich bewegen dürfen, ist eng. Was sie tun, bleibt berechenbar. Wer will freiwillig so leben? Ich will unkontrolliertes Lachen sehen. Dass es dich komplett verreißt, auch wenn nur du das witzig findest. Wirklich cool sein kann nur jede:r für sich.
Die Assistentin (Ida Müermann)
Gesellschaftskritischer Roman oder literarischer Abklatsch zu Der Teufel trägt Prada im Verlagsmilieu? Unabhängig von der Frage nach der Originalität des Themas zeigt Caroline Wahls Die Assistentin einige Schwachstellen.
Die Hauptfigur Charlotte wirkt egozentrisch, opportunistisch und emotional distanziert, wodurch es schwer fällt, Sympathie für sie zu entwickeln. Das mag eine bewusste literarische Entscheidung sein, erschwert aber den Zugang zum Roman. Andere Figuren bleiben hingegen blass und typenhaft, auch die gesellschaftlichen Themen werden eher skizziert als konsequent vertieft.
Zudem setzt der Roman weniger auf klassische Handlung oder Spannung, sondern will vor allem durch Sprache und Atmosphäre wirken. Genau darin liegt jedoch eine seiner größten Schwächen. Immer wieder wird mit Vorgriffen gearbeitet, spätere Ereignisse werden angedeutet oder Szenen früh kommentiert. Dadurch verlieren viele Momente an Wirkung, bevor sie sich entfalten können. Hinzu kommen knappe, teils drehbuchartige Dialoge und erzählerische Sprünge, die den Lesefluss stören. Insgesamt entsteht eher der Eindruck einer Skizze als eines ausgearbeiteten Romans.
In einem Buch über das Schreiben habe ich gelesen: “Eine Person hat immer die Arbeit, entweder Autor:in oder Leser:in.” Man muss hier hoffentlich nicht explizit erklären, wer sich die Arbeit machen sollte.
Dieser Text erschien in der Ausgabe Nr. 458, Mai 2026

