Die Linie 16 fährt nach Ziegenhain, aber schon immer nur ins Tal, nicht ins Dorf, das
ist gar nicht angebunden. Seit dem Fahrplanwechsel im September ist die Anbindung
allerdings noch schlechter, denn der Bus fährt unter der Woche nur noch drei-, statt
viermal in der Stunde den Berg rauf, am Wochenende nur noch zweimal. Für die
Bewohner:innen des Viertels ist das eine Belastung. Denn nach Ziegenhain fährt
keine Bahn – wer hier wohnt, muss sich auf den Bus verlassen. Doch der kommt
zusätzlich oft zu spät oder fällt ganz aus. Die Alternative, den drei Kilometer langen
Berg zu Fuß zu erklimmen: Für ältere Menschen oder Studierende ohne Auto, die
Einkäufe schleppen, eine tägliche Zumutung.
Offiziell gehört das Viertel zu Jena-Ost, aber mit dieser Anbindung fühlt es sich wie
ein Dorf am Ende der Welt an. Nach 23 Uhr fährt der Bus nur noch einmal, nach
Mitternacht gar nicht mehr bis fünf Uhr morgens. Wer feiern gehen will, muss also
laufen oder trinkt nichts und greift zum Autoschlüssel. Und genau darin liegt der
Widerspruch: Jena will weitestgehend autofrei werden, doch die Kürzungen im
Nahverkehr treiben Menschen zurück ins Auto. Statt Verkehrswende gibt’s
Rückschritt. Hätte man nicht woanders sparen können?
nenne sie eine dreiste Komplexitätszumutung.
von Karolin Wittschirk
erschienen in der Ausgabe 453
