Dieser Eiskunstlauf-Krimi wird in die Geschichtsbücher eingehen. Der Druck muss bei der Olympia-Kür der Männer derart hoch gewesen sein, dass ein Dunst aus Furcht und Verzweiflung das Eis verflucht hat. So viele aufeinanderfolgende Stürze in einem Wettbewerb gab es noch nie, zumindest habe ich noch nie so viele gesehen. Drastische Platzierungsveränderungen nach dem Kurzprogramm sind selten im Eiskunstlauf. Da kommt bereits gut zur Geltung, wer was kann und wahrscheinlich das Rennen macht. Viele würden daher auch sagen, dieser Sport sei zum Schauen nicht spannend. Doch diese Stimmen haben nicht den 13. Februar erlebt.
Ilia Malinin für die USA galt als absoluter Topfavorit auf die Goldmedaille. Kaum jemand hat daran gezweifelt, dass der zweifache Weltmeister Gold im Einzel gewinnt. Nach dem Kurzprogramm hatte er bereits fünf Punkte Vorsprung zum Zweitplatzierten. Er ist außerdem der Einzige weltweit, der einen vierfachen Axel in einem Wettbewerb erfolgreich gesprungen ist. Doch am Freitag den 13. sollte der einfach nicht sein, gelingt ihm nur einfach. Ein Moment, den keiner erwartet hat. Danach wurde es noch schlimmer zum Zuschauen, mir war zum Weinen zumute. Ilia stürzte zweimal aufs Eis und kam am Ende nur noch auf den insgesamt achten Platz. Der mentale Druck sei zu groß gewesen, sagt er selbst später im Interview. Überraschend Gold gewann Mikhail Shaidorov. Der Kasache war nach dem Kurzprogramm nur auf dem fünften Platz, doch als einer der wenigen mit einer Kür ohne Sturz, konnte er die Konkurrenz stehen lassen.
Die Überredungen, Ilia im USA Team bereits zwei Programme laufen zu lassen, hatten sich mit einer Medaille ausgezahlt, jedoch auf Kosten seines Einzellaufs. Vier Programme innerhalb einer Woche fehlerfrei zu laufen, das war zu viel gefordert. Ilia Malinin steht damit hinter einer Reihe von Gold-Favorit:innen, die bei Olympia an dem enormen Druck gescheitert sind. Am Ende ist er keine unfehlbare Maschine, kein unschlagbarer Gott, sondern ein normaler, hart trainierender 21-jähriger Sportler, dem auch mal Fehler passieren, weil der psychische Druck zu hoch ist. Dieser Wettbewerb zeigt, dass weniger Leistungsansprüche von Außen im Vorfeld besser wären, um die mentale Gesundheit der Sportler:innen zu schützen.
von Karolin Wittschirk
erschienen in der Ausgabe 456
