Freitag für Fortgeschrittene

Der Dienstag fristet ein Dasein im Schatten seiner Nachbarn. Weder ist er popkulturell ausgeschlachtet wie der Montag, noch gewinnt er aufgrund seiner Nähe zum Wochenende an Prestige wie Mittwoch, Donnerstag und Freitag. Keine Zeitung ist nach ihm benannt. Keine freundliche Kröte grüßt ihre Kerle an diesem Tag. Literarisch verewigt wird er bloß in Kästners Emil und die Detektive als Figur des kleinen Dienstag. Der ist, wie der Name schon sagt, klein und besitzt ein Telefon. Er ist zwar immer dabei, doch die Hauptrolle spielt er auf jeden Fall nicht. Ein Mensch glaubt trotzdem fest an die Kraft des dies martis und erweist ihm wöchentlich seinen – pardon -Dienst.

Die Rede ist von Rüdiger Mund, der unter dem Pseudonym Rudi Tuesday seinen Namen zum Programm macht. Seit Jahren gibt er im Irish Pub am Johannisplatz seine Evergreens auf der Gitarre zum Besten. Bei einer solchen Quote ist es nicht verwunderlich, dass er auf der hauseigenen Werbung als „beliebtester Musiker von der ganzen Welt“ bejubelt wird. Was bringt Rudi dazu, mit kerniger Stimme wieder und wieder gegen Gläserklirren und dicke Luft anzusingen? Und das an einem so haltlosen Tag? Es mag die vitalisierende Kraft der irischen Folkmusik sein oder das Sehnen nach Beständigkeit in unserer wandelhaften Welt. Vielleicht frage ich ihn das nächsten Dienstag. Denn Rudi Tuesday wird da sein.

von Antonia Braun
erschienen in der Ausgabe 455


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