Klima wandelt Klasse

Nachwuchsforscher:innen aus Jena erforschen in einer neuen Studie, wie Mentalitätskonflikte in der ökologischen Krise mit sozialer Klasse zusammenhängen.

Das Gespräch führten Felix Domianus und Alexander Schmidt

Welches Interesse treibt eure Forschung voran? Immerhin sehen wir uns vielen Krisen gegenüber und ihr setzt noch einen neuen Konflikt oben drauf.

Jana: Wir haben als übergreifende Frage für uns formuliert: Wie schaffen wir es, postfossil zu werden und dabei gleichzeitig modern zu bleiben. Anders gesagt: wie schaffen wir es, auf einer vollkommen anderen, energetischen und materiellen Grundlage, die mit anderen Produktions- und Konsumweisen einhergeht, zu leben, aber die demokratischen Errungenschaften der Moderne nicht über Bord zu werfen. Auf der Ebene von Mentalitäten und Lebensweisen haben wir versucht, verschiedene Antwortmöglichkeiten auf diese Herausforderungen zu erforschen.

Und das funktioniert, indem man den neuen sozial-ökologischen Klassenkonflikt beschreibt?

Jana: Es ist ein Unterschied, ob man von Konflikt oder Krisen spricht. In diesem Sinne beschreiben wir einen Konflikt, in dem sich viele Krisen manifestieren.
Titel von Veröffentlichungen sollen ja catchy sein. Wenn man „Klasse“ drauf schreibt, wird es wahrgenommen. Allerdings ist das nicht nur Marketing, sondern für unser Verständnis von Gesellschaft und den Konflikten der sozial-ökonomischen Transformation sehr grundlegend.

In welchem Verhältnis steht die Mentalität zur Klasse bzw. sozialen Status?

Ole: Bourdieu hat eine Menge dazu geschrieben, wie das Aufwachsen in bestimmten Verhältnissen zur Verkörperung dieser Verhältnisse führt, Mentalitäten und Einstellungen formt. Als Sozialwissenschaftler:innen können wir dazu beitragen, das sichtbar zu machen.

Jana: Außerdem hat Bourdieu das Konzept des Sozial Raums geprägt, in dem sich Mentalitäten in Beziehung setzen lassen. Einfach gesagt wird der Raum von zwei Achsen aufgespannt: Auf der Oben-Unten Achse ist der soziale Status von Personengruppen abgebildet, d.h. das Maß der gesellschaftlichen Anerkennung und ihrer Entscheidungsmacht. Auf der Links-Rechts Achse wird die Grundlage dieser sozialen Anerkennung bestimmt, ob sie stärker auf Besitz von Eigentum oder Bildung zurückzuführen ist. Diese horizontale Dimension spielt für das Verständnis von sozial-ökologischen Konflikten eine zentrale Rolle. Nur so lassen sich Interessenkonflikte zwischen Besitzenden und Anderen verstehen, deren sozialer Status nicht in erster Linie auf Besitz, sondern mehr auf immateriellen Dingen gründet. Insgesamt haben wir zehn Mentalitätstypen und darauf aufbauend drei Mentalitätsspektren ausgemacht. Erstens das öko-soziale Spektrum oben links im Sozialraum, wo sich unter anderem die klassischen „Ökos“ finden. Demgegenüber liegt das konservativ steigerungsorientierte Spektrum. Unten im Sozialraum, über die linke und rechte Hälfte gestreckt, liegt das defensiv-reaktionäre Spektrum.

Spaltet die Klimakrise die Gesellschaft?

Jana: Es gibt nicht einen riesigen Riss in der Gesellschaft, sondern verschiedene Konfliktlinien.

Ole: Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass ein Grundkonsens über ein ökologisches Grundproblem nicht gegeben ist. Es gibt soziale Gruppen, die die Notwendigkeit gar nicht sehen und weitermachen wollen wie bisher bzw. sogar auf eine Intensivierung der Eskalation des gesellschaftlichen Stoffwechsels mit der Natur zielen.

Jana: Dazu leistet übrigens auch das Gesellschaftssystem in dem wir leben, ein steigerungsorientierter Kapitalismus, der von vornherein Handlungsoptionen auszuschließen scheint, einen wesentlichen Beitrag. Da steckt eine Ebene drin, die wenig mit Individuen zu tun hat, sondern in der politische, wirtschaftliche und institutionelle Strukturen eine größere Rolle spielen.

Eure Studie zeigt Zusammenhänge zwischen Mentalitäten und Parteipräferenzen auf. Welche Perspektive wirft das denn auf die Stimmenzunahme der AfD?

Jana: Im defensiv-reaktionären Spektrum, auf das die AfD antwortet, gibt es vor allem Aversionen und Widerstand gegen jegliche Art von Veränderung. Hier findet sich auch ein Mentalitätstyp wieder, der stolz auf einen Grundbesitz ist, den man sich aufgebaut hat.

Ole: Die Studie weist darauf hin, dass die gängigen Erklärungsversuche über den Aufstieg der AfD zu kurz greifen. Leute sagen häufig, AfD-Wähler:innen wären die Abgehängten, die jetzt gegen das „System“ revoltieren. Die AfD zeichnet sich aber dadurch aus, dass sie Leuten das Angebot macht, dass alles so weitergehen kann wie bisher, also das System gerade aufrechterhalten wird. Das ist ein politisches Angebot, das sich nicht nur an die sozial Abgehängten richtet, sondern vor allem die Interessen von Besitzenden widerspiegelt.

SPD und Linke stellen sich selbst den Anspruch, Interessen von Lohnabhängigen und sozial Abgehängten zu vertreten. Können sie in der ökologischen Krise diesen Anspruch einlösen?

Jana: Unsere Bilanz ist diesbezüglich deprimierend: Es gibt keinen Mentalitätstyp, der der Platzierung der Linken im Raum entsprechen würde. Die steht im luftleeren Raum. Unten rechts gibt es dagegen Angebote und Narrative. Da eröffnet sich die Frage in Bezug auf die Linke, wer für wen dort eigentlich ein politisches Angebot macht. Die SPD wiederum findet sich in der Mitte zwischen zwei Mentalitätstypen, die beide zum konservativ-steigerungsorientierten Lager gehören.

Seht ihr eure Studie als Angebot für die Ausgestaltung von Politik und sozialen Bewegungen?

Jana: Wir sind mit der Studie mehrfach an die Öffentlichkeit gegangen. Wir waren bei Zeitungen, Umweltverbänden und Gewerkschaften. Wir haben auf jeden Fall den Anspruch, dass mit unserer Studie etwas passiert, auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen als der Wissenschaft.

Wofür lohnt es sich, politisch einzutreten?

Jana: Wir haben uns durchgerungen fünf politische Schlussfolgerungen zu ziehen, die wir am Ende der Studie ausführen. Besonders einen Punkt finde ich wichtig, weil er in der öffentlichen Debatte bisher wenig Beachtung fand: Internalisierung. Also die Frage, auf wem dieser Lebensstil, den so viele verteidigen und aufrechterhalten wollen, aufgebaut ist. Also, wer internalisiert eigentlich den ganzen Mist, den wir hier produzieren? Auf wessen Kosten handeln wir, von Personen in der Pflege, im Bildungswesen, aber auch prekär Beschäftigten, Lieferando-Dienst Mitarbeitende?

Ole: Diese Menschen sollten sich als politische Subjekte, handlungsfähige und handlungsmächtige Akteur:innen, erfahren, was sie bisher häufig nicht sind.

Wie werden diejenigen, die die Kosten der ökologisch zerstörerischen Lebensweise tragen, politisch eingebunden?

Jana: Es geht um eine Benennung auch dieser sozialen Positionen unten links im sozialen Raum. Das ist nicht einfach mit etwas Kommunikation und entsprechenden Angeboten zu verändern. Es geht vielmehr um eine grundlegende Frage nach politischen Schlussfolgerungen, also die Frage von: wie werden eigentlich demokratische Partizipationsprozesse gestaltet, wie werden Entscheidungen getroffen, wie werden Menschen zur Teilhabe befähigt, welche öffentlichen Infrastrukturen gibt es, in denen sich überhaupt Leute bewegen, treffen und leben können.

Würdet ihr sagen, dass die Impulse, die ihr in Richtung soziologisches Interesse an ökologischem Wandel setzt, spezifisch für junge Forscher:innen sind?

Jana: Es gibt schon ganz lange Umweltbewusstseinsforschung, so wurde sich schon vor 30-40 Jahren aus feministischer Perspektive mit dem Verhältnis zur Natur auseinandergesetzt. Aber natürlich machen wir nicht genau dasselbe, die Ansätze und die Situation sind anders. Vor allem ist mein Eindruck, dass das, was wir tun, auf öffentliches Interesse stößt. Ich finde ja das, wozu wir arbeiten, nicht total sexy – es ist kompliziert, heavy stuff. Diese Fragen sind aber nah am Puls der Zeit und somit stößt unsere Forschung schon auf großes Interesse sowohl bei jüngeren Generationen wie auch woanders.

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