Die Bodenständigen

In ganz Deutschland verbünden sich Klimabewegung und Gewerkschaften, um für eine sozialverträgliche Verkehrswende auf die Straße zu gehen. Eine Idee, die maßgeblich in Jena geprägt wurde.

Klimaaktivist:innen und Busfahrer:innen gehen diesen Frühling gemeinsam auf die Straße. Fridays for Future (FFF) unterstützt bundesweit in über 60 Städten den Arbeitskampf von Verdi. Gemeinsam wollen sie bessere Arbeitsbedingungen in den Betrieben und ein Förderprogramm für die Verkehrswende durchsetzen. Wir fahren zusammen (WFZ) heißt die Initiative – ein ungewöhnliches Bündnis, ist der kleine Mann doch eher schlecht auf aktivistische Großstadt-Studis zu sprechen. Dahinter steht eine Idee, die auch maßgeblich von Jenaer Soziolog:innen geprägt wurde: Klimagerechtigkeit und soziale Gerechtigkeit lassen sich nur zusammen umsetzen.

Hält die Brücke?

Bianca Ackermann arbeitet im Service-Zentrum des Jenaer Nahverkehrs. Sie erfüllt nicht gerade das Klischee einer Klimaaktivistin. Auf Fragen antwortet sie kurz und knapp, als ob sie keine Lust hätte, große Reden zu schwingen. Die Antworten sind dafür umso eindeutiger. Sie findet das Bündnis gut und glaubt auch, dass die Mehrheit der Angestellten hinter den Forderungen steht. „Wenn es alleine nicht funktioniert, muss man es eben zusammen versuchen.“ Für die letzte Generation hat sie zwar keine große Sympathie, wenn man aber einmal verstanden habe, wo die Ideen der Klimabewegung herkommen, könne man das kaum schlecht finden. Sie sagt das mit einer Selbstverständlichkeit, die einen überraschen muss, wenn man die Debatten über die letzte Generation, das Heizungsgesetz der Ampelregierung oder das Tempolimit auf deutschen Autobahnen verfolgt hat.
Ackermann kritisiert am Nahverkehr in Jena vor allem den Personalmangel. Oft fehlen Arbeitskräfte für alltägliche Aufgaben. Das ist nicht nur im Service des Unternehmens so. In Jena gilt aktuell ein eingeschränkter Fahrplan, weil zu viele Stellen des Unternehmens unbesetzt sind. Das bestätigt auch die Stadt auf Anfrage des Akrützel.
Die Idee, dass Gewerkschaften und Klimabewegung gemeinsame Interessen haben und sie besser gemeinsam als einzeln durchsetzen können, ist eigentlich alles andere als selbstverständlich. Das erste Mal wurde sie 2019 öffentlich wahrnehmbar. Damals schlug ein Gewerkschafter bei einer studentischen Vollversammlung in Leipzig vor, bei der Tarifrunde 2020 gemeinsam für eine Verkehrswende zu mobilisieren. Daraufhin entstand WFZ und auch damals demonstrieren erstmals Verdi und FFF gemeinsam.
Heute stehen sie wieder gemeinsam auf der Straße. In Jena das erste Mal. Am 02.02 steht der ÖPNV in Jena still. Von 03:00 Uhr bis 03:00 Uhr legen alle Bus- und Tramfahrer:innen ihre Arbeit nieder. 200 Angestellte des Jenaer Nahverkehrs ziehen mit gelben Westen und Pfeifen in die Innenstadt. Ihr Ziel: Die Haltestelle vor dem Unihauptgebäude. Dort veranstaltet das Bündnis WFZ eine Kundgebung.
Über hundert Menschen aus der Klimabewegung kommen dazu, um den Streik zu unterstützen. Hier auf der Straße ist man sich noch nicht einig, ob man das gut findet. „Ihr unterwandert hier die Sache“, sagt ein Mann mit gelber Verdi-Weste. „Als ich gehört habe, dass die Klimakleber mitmachen, wollte ich erst nicht kommen“, sagt ein anderer. Ackermanns Selbstverständlichkeit scheinen hier nicht alle zu teilen. Es ist schwer einzuschätzen, wie viele der Angestellten eher hinter den gemeinsamen Zielen stehen und wie viele das Bündnis vor allem tolerieren, um ihre Lohnforderungen durchzusetzen.

Stand der Tarifverhandlung

Verdi und FFF verfolgen eine zweigleisige Strategie. In den Tarifverhandlungen fordern sie bessere Arbeitsbedingungen von den Arbeitgebern. Von der Politik wollen sie mehr Geld für den ÖPNV. 16 Milliarden Euro soll der Bund für den Ausbau des ÖPNV bereitstellen, heißt es in der Petition der Initiative.
„Der Druck von der Straße soll so groß werden, dass die Entscheidungsträger die Forderungen an die nächsthöhere Ebene weitergeben müssen“, sagt Ann-Lena Habicht, sie arbeitet bei Verdi als Organizerin. Sie spricht mit Angestellten des Jenaer Nahverkehrs, um sie von den Tarifforderungen zu überzeugen. Wenn die Kommunen kein Geld für den Ausbau des ÖPNV haben, sollen die Forderungen an den Bund weitergegeben werden, so die Idee.
Die Tarifverhandlungen haben schon Ende 2023 begonnen, die Petition wird aber erst Ende Februar an die Politik übergeben. Deshalb hat die Arbeitgeberseite die Verhandlungen erstmal unterbrochen. Solange noch Demos und Streiks angekündigt sind, könnten die Verhandlungen nicht konstruktiv geführt werden, heißt es in einer Pressemitteilung des Kommunalen Arbeitgeberverbands, der für die Thüringer Verkehrsunternehmen die Verhandlungen führt.

Kundgebung von WFZvor dem UHG
Foto: Pauline Schiller

Was soll das Ganze?

Das Bündnis zwischen Gewerkschaft und Klimabewegung kommt zu einem Zeitpunkt, zu dem die Klimabewegung in einer tiefen Krise steckt. FFF bekommt schon lange keine Massen mehr auf die Straßen, die letzte Generation hat angekündigt, keine Straßen mehr blockieren zu wollen, und bürokratische Mittel zur Durchsetzung von Klimaschutzmaßnahmen – ob die Nachhaltigkeitsstrategie der FSU oder das Pariser Klimaabkommen – versanden zwischen Bürokratie und Unwille. Kurz gesagt: Die Klimabewegung ist am Ende.
Die Jenaer Soziologie beschäftigt sich seit einer Weile mit dieser Sackgasse und eröffnet der Bewegung einen Ausweg. Unter dem Thema sozial-ökologische Transformationskonflikte beschäftigen sich Soziolog:innen und Studierende mit der Frage, wie soziale und ökologische Fragen verhandelt werden. Eine der bekanntesten Analysen kommt von Klaus Dörre. Er ist Professor für Arbeits- und Wirtschaftssoziologie an der FSU. Seine These: Oft werden beide Fragen gegeneinander ausgespielt.
Die westliche Welt befinde sich in einer Zangenkrise: Soziale Konflikte seien in den letzten 50 Jahren vor allem durch Wirtschaftswachstum befriedet worden. Wenn alle mehr bekommen, ist es nicht so schlimm, wenn einige etwas weniger von dem Mehr bekommen. Dieses Wachstum komme jetzt durch ökologische Krisen an ein Ende. Mehr Wachstum bedeute heute mehr Naturzerstörung. Klimaschutz müsse deshalb immer auch eine soziale Frage sein. Wer bezahlt am Ende die Transformation, sind es Ölkonzerne oder Konsument:innen? Eine Klimabewegung, die sich diesem Zusammenhang nicht stelle, werde deshalb immer an sozialen Fragen scheitern. Die einzige Möglichkeit, sich nicht zwischen sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit zu entscheiden, bestehe darin, den gemeinsamen Nenner zu finden.
Die Jenaer Soziologie ist bekannt dafür, ein besonderes Verständnis von Wissenschaft zu haben. Immer wieder sprechen sich Teile des Instituts für eine öffentlich sichtbare Soziologie aus – public sociology nennen sie das. Sie wollen nicht nur Gesellschaft analysieren, sondern auch mit ihr in Kontakt treten. Genau das passiert jetzt bei WFZ. Das Institut stellt sich zwar nicht hinter die Initiative, aber im Hintergrund lässt sich eine Zusammenarbeit kaum leugnen. Auf derselben Konferenz, auf der sich ein Gewerkschafter für die Zusammenarbeit aussprach, hielt auch Dörre einen Vortrag. 2020 veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel Abschied von Kohle und Gas? Darin schrieb eine Wissenschaftliche Hilfskraft aus Jena auch über WFZ als ein Exempel ökologischer Klassenpolitik. Anfang Februar hielt Dörre einen Vortrag in der IG-Metall über Ökosozialismus, und ein großer Teil der Aktiven bei WFZ studiert selbst Soziologie in Jena.

Die Verantwortung der Uni

Wer sich schon mal gefragt hat, was eine Uni in Krisenzeiten tun kann, findet genau darin eine Antwort: die Bildung bieten, die wir brauchen, um Veränderungen überhaupt erst zu denken. Um zu verstehen, was Klimaschutz mit sozialen Fragen zu tun hat, braucht man eine besondere Perspektive.
Naturzerstörung und schlechte Arbeitsbedingungen haben dieser Idee zufolge denselben Ursprung: die Profitinteressen von Unternehmen. Sie verdienen Geld durch die Arbeit ihrer Angestellten und die Verarbeitung von Ressourcen und haben deshalb kein Interesse an hohen Löhnen und Naturschutz. Solange man diese Struktur nicht erkennt, scheinen soziale und ökologische Fragen entgegengesetzt zu sein. Die Kosten für Klimaschutz werden dann an Konsument:innen bzw. Arbeitnehmer:innen abgegeben.
Eine Theorie aus dem Jenaer Elfenbeinturm der Soziologie findet in der politischen Praxis Anklang. Ackermann erzählt, dass sich in ihrer Wahrnehmung von Klimaschutz viel getan hat. Sie überlege sogar manchmal, das Auto stehen zu lassen. Das ist gut: nicht, weil es das Problem wieder auf individuelle Entscheidungen zusammenschrumpft, sondern weil es aufzeigt, dass unsere Wahrnehmung von Klimaschutz nicht in Stein gemeißelt ist. Bisher finden ökologische Themen vor allem Anklang bei Akademiker:innen, die ihr moralisches Bewusstsein beruhigen wollen. Das geht aber auch anders. Und genau das versucht die neue Klimabewegung, die sich hier gerade formiert. Sie macht Klimaschutz wieder bodenständig.

Johannes Vogt

Allgemein

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