Am 24. Februar 2023 jährt sich der russische Angriff auf die Ukraine. Zwei Betroffene blicken auf das vergangene Kriegsjahr und ihr neues Leben in Jena.

von Markus Manz und Elisabeth Bergmann

Sofiia und Anastasiia vor dem Jentower. Foto: Line Urbanek

Sofiia ist Ukrainerin und seit drei Jahren in Deutschland. Im März 2022 hat sie dem Akrützel bereits ein Interview gegeben. Damals war der Krieg erst einen Monat alt und es gab sehr viel Ungewissheit. Etwas davon hat sich mittlerweile aufgelöst, viel liegt aber weiterhin im Nebel. Wir treffen Sofiia gut gelaunt auf dem Ernst-Abbe-Platz. Sie hat ein Stück Kuchen und ihre Freundin Anastasiia dabei. Das, was sie im Anschluss erzählen werden, ist weit weniger unbeschwert. Beide befanden sich während des russischen Überfalls in der Heimat. Für Sofiia sollte es eigentlich nur ein gewöhnlicher Familienbesuch während der Semesterferien werden. Als der Krieg dann begann, wollte sie nicht mehr zurück nach Jena. Die Vorstellung, ihre Familie zurückzulassen, hätte sich in diesem Moment einfach unverantwortlich angefühlt: „Wenn wir sterben, dann zusammen.“ Am Ende überzeugte sie ihr Vater doch noch zum Gehen.

Die ständige Anspannung, das ewige Warten, die wiederkehrenden Panikattacken – das war irgendwann alles nicht mehr auszuhalten.

Anastasiia kam im März 2022 nach Deutschland. Drei Wochen nach Beginn des Krieges ist sie gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Hund aus der Ukraine geflohen. In Jena wurden die drei von einer sehr liebevollen Familie aufgenommen. Auch ihr ist die Abreise nicht leichtgefallen und auch hier war die Sorge um Familie und Freund:innen das wichtigste Bleibekriterium. Als die russische Besatzung jedoch mit der Bombardierung ihrer Heimatstadt Dnipro begann, änderte sich die Situation. Ab diesem Zeitpunkt konnte Anastasiia nicht mehr das Haus verlassen, aus Angst, jemandem würde in ihrer Abwesenheit etwas zustoßen. Die ständige Anspannung, das ewige Warten, die wiederkehrenden Panikattacken – das war irgendwann alles nicht mehr auszuhalten.

Auch in Deutschland ist die Angst nicht abzuschütteln, denn viele geliebte Menschen sind nach wie vor in der Ukraine. Einige aus freien Stücken, anderen verbietet die Generalmobilmachung die Ausreise. Dnipro steht oft unter Beschuss und fast alle von Anastasiias Freund:innen sind dort. Viele als Soldat:innen. Als am 14. Juli drei Raketen im Zentrum von Sofiias Heimatstadt Winnyzja einschlugen, war sie gerade bei ihrem Hiwi-Job. Sie wusste, dass sich ihre Mutter und Schwester sehr wahrscheinlich nicht in der Nähe der Explosion aufhalten würden, ihr Vater hätte aber überall sein können. Die zehn Sekunden, bevor er ihren Anruf annahm, beschreibt sie als die schlimmsten ihres Lebens.

Zermürbend ist diese permanente Angst auch wegen der Willkürlichkeit und Nahbarkeit der russischen Angriffe. Inzwischen hätten praktisch alle Freund:innen, Bekannte oder Familie im Krieg verloren. Wer dabei stirbt oder überlebt, ist laut Sofiia oft einfach Zufall.

Trotz der hohen psychischen Belastung im Alltag haben Sofiia und Anastasiia ein positives Verhältnis zu Jena entwickelt. Beide fühlen sich hier wohl. Die Landschaft und die studentische Atmosphäre seien toll, die Menschen in Jena sind weniger urteilend als in der Ukraine und auch für die Hilfsangebote von Stadt und Universität hat man kaum schlechte Worte übrig. Anastasiia studierte vor dem Krieg Wirtschaftswissenschaften. An der FSU kann sie durch ihren Gasthörerinnenstatus auf studentische Privilegien wie zum Beispiel die Nutzung der thoska zugreifen. Sofiia ist weiterhin für Jura eingeschrieben und damit eine von aktuell 92 Studierenden mit ukrainischer Staatsangehörigkeit.

Sofiia und Anastasiia im Gespräch mit Akrützel-Reporterin Elisabeth. Foto: Line Urbanek

In Deutschland profitierten beide von ihren Sprachkenntnissen. Anastasiia hat 2015 eine Zeit lang in Nürnberg gelebt. Beide hatten außerdem Deutsch in der Schule. Das sei ein Vorteil, den nicht alle hätten, die aus der Ukraine fliehen. Die deutsche Bürokratie und die Digitalisierungsrückstände fanden die beiden zwar erst einmal gewöhnungsbedürftig, aber überall wurden sie mit Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft begrüßt. Mittlerweile engagieren die beiden sich auch selbst als Übersetzerinnen und helfen damit Geflüchteten bei Behördengängen.

Unmut unter Ehrenamtlichen

Dass die Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie und den überlasteten Ämtern nicht immer so positiv sind, berichten Ehrenamtliche aus der Geflüchtetenhilfe und -beratung. Das hätte zum Beispiel mit sehr komplizierten Formularen zu tun, die selbst für Muttersprachler:innen kaum verständlich seien. Wie könne da von Geflüchteten erwartet werden, dass diese korrekt ausgefüllt werden? Auch ein besser aufbereitetes Informationsangebot über die Ansprüche und Möglichkeiten der Geflüchteten wird sich gewünscht.

Darüber hinaus seien die Ausländerbehörde und das Einbürgerungsbüro nach wie vor durch Personalmangel überlastet und daher nur schwer erreichbar. Es ist für einige Ehrenamtliche schwer nachvollziehbar, weshalb die Stadt an dieser Stelle nicht aus den Fehlern der Jahre 2015 und 2016 gelernt hat. Selbst die Stadt gibt zu, dass die Integration der Geflüchteten ohne den Einsatz der ehrenamtlichen Helfer:innen kaum so gut gelungen wäre. Gleichzeitig fühlen sich diese weder ausreichend unterstützt noch wertgeschätzt.

Davon haben Sofiia und Anastasiia nichts mitbekommen, ihre Kritik liegt anderswo. So viel Lob beide für den hiesigen Umgang mit Geflüchteten haben, so kritisch sehen sie Deutschlands Rolle im Krieg. Sie haben das Gefühl, als wäre die EU überhaupt nicht an einem Sieg der Ukraine interessiert: „Diese Länder haben so viele Waffen, aber sie geben sie nur Stück für Stück raus“, bemerkt Anastasiia. Dabei hätten sie jetzt die Möglichkeit, diesen Krieg auf dem Territorium der Ukraine zu führen und Russland in seine Schranken zu weisen. Die nach wie vor zögerlichen Waffenlieferungen Deutschlands verurteilen sie sehr. Sofiia meint, um den Krieg zu gewinnen, müsse die Ukraine auch angreifen können. Doch mit den Waffen, die die Soldaten bislang geliefert bekämen, wäre es nur möglich, sich zu verteidigen.

Dass Russland den Krieg gewinnen könnte, ist für die beiden keine Option.

Auch die sprachliche Unsichtbarmachung der Schuld Russlands in Begriffen wie „Ukrainekrieg“ frustriert die beiden sehr. Innerhalb der deutschen Bevölkerung sei man laut Sofiia außerdem oft noch zu unkritisch, was auch mit russischer Propaganda zu tun habe. Sie versucht in ihrem privaten Umfeld deshalb, aufzuklären und zu diskutieren, überall dort, wo sie glaubt, jemanden überzeugen zu können.

Wenn Anastasiia und Sofiia über ihre Zukunft nachdenken, steht eines für die beiden fest: Sie möchten in Jena bleiben. Besonders Sofiia kann sich ein Leben in der Ukraine kaum noch vorstellen. Hier ist sie erst richtig erwachsen und selbständig geworden und all ihre Freunde sind hier. Anastasiia und ihre Mutter hoffen, dass ihr Vater nach Kriegsende nach Jena kommen kann und sie alle gemeinsam hier ihre Zukunft gestalten können. In der Ukraine würden sie erst einmal nur Ruinen, Minenfelder und eine eingestürzte Wirtschaft ohne große berufliche Perspektiven erwarten. Es gäbe außerdem Möglichkeiten das Land auch von Deutschland aus zu unterstützen. Sofiia und Anastasiia hoffen, dass Russland seinen Beitrag zur finanziellen und personellen Unterstützung leisten wird – das sei es der Ukraine schuldig. Dass Russland den Krieg gewinnen könnte, ist für die beiden keine Option.

Außerdem wünschen sie sich, dass die Ukraine mehr in den Fokus der westlich geprägten Welt rückt. Das Land habe so viel zu bieten: von Agrarwirtschaft über Design bis hin zu innovativen Technologien. Die beiden hoffen, dass die Welt erkennt, wie vielseitig die Ukraine zur gemeinsamen Zukunft beitragen kann und nicht immer weiter mit Russland assoziiert wird.


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