Zwischen Trauerhalle und Hörsaal

Andreas und Wiktor arbeiten neben ihrem Studium als Bestattungshelfer. Was nach einem ungewöhnlichen Job klingt, ist für sie mittlerweile Normalität. Ein Blick auf zwei Studenten, für die der Tod zum Alltag gehört.

von Canel Sahverdioglu und Henriette Lahrmann

Fertig mit Dekorieren. Foto: Henriette Lahrmann

Wiktor sitzt in der Cafeteria im Unihauptgebäude und schiebt das restliche Essen auf seine Gabel. Er hat nicht mehr viel Zeit, denn er muss gleich zur Arbeit. Doch vorher muss er noch einmal nach Hause, seinen Anzug anziehen. Vor einer Stunde hat sein Chef ihn angerufen und ihm mitgeteilt, dass er ihn für die Abholung eines Verstorbenen benötigt. Wiktor arbeitet im Bestattungshaus.

Auch Andreas steht, im Anzug gekleidet, an einem Mittwochmorgen vor dem Bestattungshaus. Martin, Leiter des Familienunternehmens, schildert kurz die Sachlage: Gestern fand ein Gespräch mit einem Angehörigen statt mit der Bitte, den Verstorbenen vom Universitätsklinikum abzuholen.

Während andere Studierende Supermarktregale einräumen oder als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni arbeiten, holen Wiktor und Andreas Verstorbene ab. Damit und mit der Vorbereitung von Trauerfeiern und Gräbern sowie – gelegentlich – mit der Begleitung des Bestatters bei den Amtswegen, finanzieren sie sich ihr Studium.

Nach dem Tod beginnt für den Bestatter die Arbeit

Andreas und Martin tragen gemeinsam einen Holzsarg in das Bestattungsfahrzeug, in dem der Verstorbene nachher transportiert werden soll: Ein mit hellem Holz getäfelter Innenraum mit einer Sargschale auf der linken Seite. Die Abholung, die durchschnittlich etwa ein bis zwei Stunden dauert, erfolgt an einem speziellen Eingang im hinteren Bereich des Klinikums. ,,Nicht selten kommt es vor, dass mehrere Bestatter gleichzeitig vor Ort sind’’, sagt Martin. Heute sind sie allerdings die Einzigen.
Nachdem sie vom Abholbereich zurückkommen, heben sie den Sarg mit dem Verstorbenen in das Bestattungsfahrzeug. Dass beim Job des Bestattungshelfers nicht nur mentale, sondern auch körperliche Stärke gefragt ist, wird spätestens hier klar. 120 kg sind für zwei abholende Bestatter keine Seltenheit.

Andreas studiert BWL im ersten Mastersemester. Bevor er Bestattungshelfer wurde, war er neben dem Studium als Kinderanimateur und in einer Steuerkanzlei tätig. Als eine Bekannte ihm damals von ihrer Ausbildung in einem Bestattungsinstitut erzählte, weckte das sein Interesse. Nach einigen Kennenlerngesprächen hatte Andreas seine erste Abholungsfahrt in einer Pflegeeinrichtung. „Da hat er auch gleich mit angepackt“, erzählt Martin. Er lobt Andreas‘ Zuverlässigkeit, sein Engagement und seinen respektvollen Umgang mit den Angehörigen der Verstorbenen. Dies sei nicht selbstverständlich. Früheren Mitarbeiter:innen hätte es an wichtigen Werten gemangelt, die für das Händeln einer derart sensiblen Situation nötig sind.

Nach der Fahrt zum Standesamt fahren die Bestatter zum Nordfriedhof. Hier befindet sich das Krematorium, in dem der Leichnam später von Mitarbeiter:innen des Friedhofs eingeäschert wird. Für Andreas endet an dieser Stelle seine Arbeit. Bei einer Tasse Kaffee lassen er und Martin den Tag Revue passieren. Damit er pünktlich zu seiner nächsten Vorlesung kommt, fährt Martin ihn noch zur Hochschule. Wenn möglich, holt er die Bestattungshelfer vor den Abholungen auch mal von zu Hause ab.

Je nach Sterbefall wissen Andreas und Wiktor über ihre Abholungen meistens einen Tag, manchmal aber auch erst eine Stunde vorher Bescheid. Gelegentlich seien Anrufe auch nachts möglich. Die Spontanität ihrer Arbeit bestimmt das Thüringer Bestattungsgesetz. Spätestens nach 48 Stunden muss eine verstorbene Person abgeholt und einer Kühlung zugeführt werden. Kliniken gelten als Ausnahmen, hier haben die Bestatter mehr Zeit, da Krankenhäuser meist eine eigene Kühlung besitzen.
Andreas ist mittlerweile seit zwei Jahren im Bestattungshaus tätig. Durch die spontanen Einsätze hat er flexible Arbeitszeiten, die gut mit seinem Studium vereinbar sind. Wer eine Ausrede brauche, um von den Vorlesungen fernzubleiben, für den sei der Job des Bestattungshelfers nichts, witzelt er.

Wiktor soll bei der nächsten Trauerfeier mithelfen. Der Student wird bei den Vorbereitungen unterstützen. Martin und sein Vater, der viele Jahre das Bestattungshaus geleitet hat und noch als Trauerredner tätig ist, werden heute einem ehemaligen Kollegen auf seinem letzten Weg die Ehre erweisen. Die Professionalität darf darunter natürlich nicht leiden. „Am Anfang gibt es eine Hebamme, die dem Kind ins Leben hilft, und am Ende des Lebens gibt es den Bestatter, der dem Verstorbenen einen würdevollen Abschied möglich macht“, sagt Martin und greift nach einer Kiste mit Kerzen, um sie in das Bestattungsfahrzeug zu tragen. Anschließend folgt nochmal eine kurze Besprechung über den bevorstehenden Ablauf.

Ein feierlicher Abschied 

Mit Wiktor, den Andreas damals für das Bestattungshaus angeworben hatte, ist ein weiterer verlässlicher Helfer an ihrer Seite. Auch er hat schon in vielen Bereichen Arbeitserfahrung gesammelt. Für ihn komme es immer sehr auf das Team an, in der Gastronomie gehe es viel stressiger zu. ,,Es ist ganz ruhig, man wird sozial nicht ausgelutscht”, beschreibt er seine jetzige Arbeit. Obwohl Wiktors erster Einsatz auf der Trauerfeier eines jungen Mannes in seinem Alter war, der Suizid begangen hatte, ist er direkt geblieben. Er sei nicht arbeitsscheu und sehe das nach dem Motto seiner Oma: “Studentenjahre sind keine Herrenjahre”, da hätte man nicht immer die Wahl.

In der großen Trauerhalle müssen die Bestatter leise arbeiten, da sich nebenan in der kleinen Halle noch Angehörige befinden. Wiktor fegt die übrig gebliebenen Blumen von der letzten Feier zusammen, während Martin aus dem hinteren Raum die Aschekapsel des Verstorbenen holt. Wiktor und Martin drapieren gemeinsam ein gefaltetes grünes Tuch vor die Stufen. Darüber platzieren sie mit viel Präzision und bewussten Handgriffen zwei Ständer mit jeweils einer weißen Decke darüber. Auf den rechten Ständer kommt ein Blumenkranz mit einer Schmuckurne in Holzoptik – in die die Aschekapsel des Verstorbenen nun eingebracht wird. Auf den kleineren Ständer links daneben stellt Wiktor ein Bild des Verstorbenen. Es folgen viele kleine Kerzen, die vor der Urne einen Halbkreis auf dem Boden bilden. Wiktor erklärt, dass dieser Kerzenhalbkreis als Symbol für das endliche Leben steht. Ein metaphorisches Stilmittel für die Trauerrede. Immer wieder macht Wiktor ein paar Schritte zurück, um das Gesamtbild kritisch zu überprüfen und anschließend an den Decken zu zupfen oder einzelne Kerzen zu verschieben. „Die Trauernden freuen sich, wenn es einen schönen Abschied gibt“, sagt Wiktor. Manchmal überlegten sich Angehörige selbst eine Dekoration. So wurde auch schon einmal eine Modelleisenbahn für die Trauerfeier aufgebaut. Für einen Professor, der in seiner Freizeit gerne Ballonfahrten unternahm, stellten sie das Kennzeichen seines ersten Korbes neben der Urne auf.

Während andere Studierende Supermarktregale einräumen oder als wissenschaftliche Hilfskraft an der Uni arbeiten, holen Wiktor und Andreas Verstorbene ab.

Wiktor ist nun fast fertig mit der Dekoration und legt zum Schluss noch einzelne rote Rosen zwischen die Kerzen. „Alles gut?“ fragt Wiktor den Trauerredner, der gerade in die Trauerhalle kommt. „Na klar“, antwortet dieser, tritt mit einer pflichtbewussten Gelassenheit an das Rednerpult heran und knipst dort die kleine Lampe an. Der Organist, der für die Musik zuständig ist, ist mittlerweile eingetroffen und in der Halle übernimmt nun der Trauerredner. Die Trauerfeier kann beginnen.

„Es wird schlammig und matschig, wir werden ein ganzes Stück laufen müssen“, warnt der Bestatter, als er zurück ins Auto steigt. Das Ziel ist der naturnahe Bestattungsbereich, ein Wald, der zum Nordfriedhof gehört. Das Besondere an diesem Teil des Friedhofs ist, dass es keine herkömmlichen Gräber gibt. Lediglich eine kleine Marke am Baum lässt erkennen, dass hier jemand begraben liegt.

Die letzte Ruhe

Die Vorbereitungen am Grab sind im Vergleich zur Trauerfeier kurz. Martin stellt zwei Kerzenständer auf und Wiktor einen Korb mit Rosenblüten. In einer knappen halben Stunde werden die Angehörigen in Begleitung des Trauerredners das Grab erreichen, der hier noch ein paar Worte sagen wird. ,,Für die Jungs ist ein Sterbefall nach der Bestattung eigentlich beendet”, sagt Martin. Anders als für ihn selbst: Nach einer Beisetzung kümmere er sich beispielsweise um Danksagungen, Drucksachen oder Fragen zur Abmeldung der verstorbenen Person. Diese Serviceleistungen für die Angehörigen seien immer dabei. Auch noch mehrere Jahre nach der Bestattung habe das Bestattungshaus ein offenes Ohr für jegliche Wünsche der Angehörigen. ,,Die Bestatterbranche ist nicht zu vergleichen mit irgendeiner anderen Branche”, sagt Martin, für den Pietät und Humanität an erster Stelle stehen.

Es könne immer ein Sterbefall kommen, der einen mitnimmt. Wiktor wisse aber, damit umzugehen. Martin habe Wiktor und Andreas auf schwierigere Todesfälle vorbereitet und geschult. Bis jetzt sei so ein Einsatz bei beiden Studenten aber noch nicht vorgekommen. Stattdessen hätte Wiktor durch seine Arbeit hauptsächlich positive Erfahrungen gesammelt und wieder ein Bewusstsein dafür, dass das Leben endlich ist und genutzt werden sollte. ,,So etwas hast du in der Gastronomie nicht.”


Kommentare

2 Antworten zu „Zwischen Trauerhalle und Hörsaal“

  1. Ich finde die Reflexionen über den Zusammenhang zwischen Bestattung und Trauerbewältigung sehr interessant, da ich erst vor kurzem auf meiner ersten Bestattung war. Es ist beeindruckend zu sehen, wie verschiedene kreative Ansätze und innovative Ideen in der Bestattungskultur entstehen, um den individuellen Bedürfnissen und Vorlieben gerecht zu werden. Der Artikel regt zum Nachdenken an und zeigt, dass es wichtige Verbindungen zwischen Trauer und dem Prozess des Abschiednehmens gibt, die auch Einfluss auf den Alltag haben können.

  2. Mir war nicht klar, dass man als Bestattungshelfer arbeiten kann. Kann man das in jedem Bestattungsinstitut? Ich bin auch noch Student, vielleicht wäre der Job etwas für mich.

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