Needle Spiking

Europaweit berichten Menschen, mit Nadeln gestochen und dadurch teils unter Drogen gesetzt worden zu sein, zuletzt auch hier in Jena. Über eine neue Form von Gewalt und die Angst vor der Realität.

von Lars Materne, Bastian Rosenzweig und Veronika Vonderlind

Illustration: Veronika Vonderlind

Ausgelassene Stimmung, Musik und Rausch – Partys in Clubs waren durch die Corona-Pandemie lange eingeschränkt. Mittlerweile ist das hemmungslose Feiern wieder möglich. Doch das gilt nicht uneingeschränkt und nicht für alle: Immer wieder kommt es zu Berichten über Spiking, also von Fällen frauenfeindlicher Gewalt, bei denen der betroffenen, meist weiblichen Person unwissentlich betäubende Mittel verabreicht werden. Eine Betreiberin des Rosenkellers schildert im Interview, dass Fälle von Spiking wellenförmig auftauchen. Zuletzt ereignete sich auch ein Fall des sogenannten Needle Spikings vor einem Club in Jena.

Bei Needle Spiking handelt es sich um eine seit 2021 medial erwähnte Form des Spiking. Im Unterschied zum reichlich bekannten Drink Spiking werden K.O.-Tropfen nicht Getränken untergemischt, sondern den Opfern mit einer Nadel injiziert. Laut verschiedener Berichte geschieht diese Form der schweren Körperverletzung meist ohne dass die Betroffenen unmittelbar Notiz davon nehmen. Grund dafür ist mitunter das Setting, in dem sich die Fälle abspielen: Clubs, WG-Parties, Menschenmengen, Nacht und häufig der Einfluss berauschender Mittel. Zum überwiegenden Teil sind es junge Frauen, die angeben, Betroffene dieser Übergriffe geworden zu sein. Nach der unfreiwilligen Injektion leiden sie unter Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Desorientierung und oft an Gedächtnisverlust. Letzterer und die Ähnlichkeit der Symptome mit denen der klassischen Alkoholisierung erschweren es den Betroffenen, den Übergriff tatsächlich als solchen wahrzunehmen und polizeilich verfolgen zu lassen.

In einem NZZ-Interview wurde Needle Spiking zu einem modernen Märchen erklärt.

Wenn einer Person die Tat nachgewiesen werden kann, droht ihr je nach Fall wegen schwerer Körperverletzung oder sexuellen Missbrauchs eine mehrjährige Haftstrafe. Der Nachweis der Tat wird jedoch häufig dadurch erschwert, dass das Verdachtsmoment erst entsteht, wenn die verabreichten Substanzen bereits abgebaut sind. Zudem erschwert die Vielzahl an verschiedenen Mitteln, die als K.O.-Tropfen eingesetzt werden können, den chemischen Nachweis. Diese Umstände sind wohl Grund dafür, dass international kaum ein Fall bestätigt ist. Laut Patrick Martin, dem Pressesprecher der Landespolizeiinspetion Thüringen, ist der Jenaer Fall der einzige dieser Art, dem gerade nachgegangen wird. Über die Tatmotive könne man daher nur spekulieren. Anhand der vorliegenden Presseberichte scheinen diese sich aber von denen beim Drink Spiking insofern zu unterscheiden, als dass sie nicht in sexuellen Missbrauch mündeten.

Aber ist das plausibel?

In einem großen Teil der Berichte schwingen Zweifel darüber mit, ob Needle Spiking ein reales Phänomen ist oder nicht. Auch Martin hält die verbreitete Furcht vor allem für eine „Soziale Medien-Geschichte“. Fachleute seien skeptisch, ob so etwas überhaupt funktioniere. In einigen Artikeln, auch in der Ostthüringer Zeitung, wird sich auf den Medienwissenschaftler Robert Bartholomew bezogen, der Needle Spiking in einem Interview mit der Neuen Zürcher Zeitung kurzerhand zu einem modernen Märchen erklärt. Einige Fragen tauchen immer wieder auf: Ist es wirklich möglich, Substanzen unbemerkt mit einer Kanüle zu verabreichen? Warum sollten Täter diesen Aufwand betreiben, wenn sie die Tropfen auch in Getränke kippen könnten? Wieso wurde in diesen Zusammenhängen noch keine Vergewaltigung angezeigt? Warum gibt es insgesamt so wenige Anzeigen, Festnahmen und sichere Beweise?

Darüber, ob es möglich ist, jemandem per Nadel ausreichend K.O.-Tropfen zu spritzen, gehen die Meinungen auseinander. Einige Mediziner:innen halten es für nur schwer, andere für sehr wohl möglich, zumal bei angetrunkenen Personen. Dass nur bei einigen der Personen Einstichstellen auffindbar sind, ist nicht verwunderlich, da diese sehr schnell verheilen können, was umso relevanter ist, wenn der Angriff erst später bemerkt wird. Viele andere Fragen lassen sich mit Blick auf die weiter verbreiteten Fälle von Drink Spiking beantworten. So ist die Beweislage auch dort meist dünn, da sich die gängigen Substanzen höchstens zwölf Stunden lang nachweisen lassen. Zudem werden die Taten oft erst bemerkt, wenn Symptome einsetzen oder eine Einstichstelle vorgefunden wird und selbst dann ist die Hürde, Anzeige zu erstatten, immer noch hoch. Denn einerseits ist eine solche Erfahrung traumatisierend und häufig mit Scham verbunden. Zum anderen müssen Betroffene damit rechnen, auf die eben genannte Skepsis zu stoßen, die mitunter schon an psychische Gewalt grenzt. Nicht ohne Grund gehen Polizei und Weißer Ring in Bezug auf K.O.-Tropfen von einer hohen Dunkelziffer aus.

Es braucht ein hohes Maß an Ignoranz, um dieses Phänomen einfach zum Mythos zu erklären. Häufig wird wegen der scheinbaren Unstimmigkeit zwischen hoher Fallzahl und dünner Beweislage und der Tatsache, dass in diesen Zusammenhängen bisher keine Vergewaltigung angezeigt wurde, der Verdacht geäußert, die meisten Taten würden von Trittbrettfahrern begangen, also von Personen, die andere Menschen nicht mit einer Kanüle, sondern mit einer normalen Nadel stechen, um Angst zu verbreiten. Hier stellt sich die Frage, ob man wirklich von anderen Motiven und Trittbrettfahrern sprechen kann oder ob solche Taten nicht genau demselben Zweck folgen – nämlich schlicht der Ausübung von Gewalt. Auch eine Vergewaltigung ist kein Ausleben von Lust, sondern eine – meist sexistische – Gewalttat. Jungen Frauen eine Nadel in die Haut zu stechen und ihre Panik zu beobachten, ist möglicherweise nur die weniger brutale Version.

Von Sexismus ist allerdings in kaum einem der Berichte die Rede. Bartholomew spricht im Gegenteil sogar vom „moralischen Märchen“ über junge Frauen, „die hinaus in die große, böse Welt gehen“. Auf die Idee, dass diese Angst mehr als berechtigt sein könnte, kommt er nicht. Stattdessen äußert er den haarsträubend paradigmatischen Satz: „Jeder Mensch, der wirklich mit einer Nadel gestochen wurde, wurde Opfer einer schrecklichen Tat. Es gibt nur eines, das noch schlimmer ist: falsch beschuldigt zu werden.“ Obwohl es kaum Angeklagte gibt, ist die erste Sorge, die Bartholomew einfällt, die männliche Angst vor falschen Anschuldigungen. Weniger lächerlich, aber doch ähnlich wird in anderen Artikeln nicht etwa auf die Folgen für Betroffene eingegangen, sondern vor allem auf die Sorgen der vermeintlichen Mehrheitsbevölkerung. Es wird versichert, man müsse sich keine Sorgen machen, denn Needle Spiking komme allenfalls in Einzelfällen vor und man könne folglich beruhigt in Clubs gehen. Dass Frauen nie wirklich sorglos feiern gehen können und misogyne Angriffe an sich alles andere als Einzelfälle sind, wird ausgeblendet, zur Not auch mit falschen Behauptungen.

Was sagen die Clubs?

Darüber hinaus bemängelt Melanie Winkler, stellvertretende Vorsitzende des Vereins Rosenkeller e.V. in Jena, dass Medien für die aktuelle Berichterstattung über Needle Spiking die Position der Clubs unbeachtet ließen. Immerhin ereigneten sich Spiking-Fälle häufig in Clubs. Während die Medien häufig die Plausibilität der Aussagen von Betroffenen prüfen, wird im Club Rosenkeller generell Betroffenenarbeit betrieben. Kate vom Sicherheitsdienst des Rosenkellers macht im Gespräch klar: „Wenn eine Person den Mut hat und sich an das Club-Personal wendet, um von sexualisierter Gewalt zu berichten, dann wird ihr vertraut.“ Falls auch eine Person der Tat bezichtigt werden kann, wird dem mutmaßlichen Täter Hausverbot erteilt und es kann zur Anzeige kommen. Kate und Melanie ist es deshalb wichtig, zu betonen, dass Betroffene sich für Unterstützung an das Clubpersonal wenden können. Bei erhärtetem Verdacht auf Spiking zögen sie sofort Polizei und Rettungsdienst hinzu, sagt Kate. Sie betont, für den Verarbeitungsprozess der Betroffenen brauche es einen toxikologischen Befund aus dem Krankenhaus: „Vor allem die betroffene Person ist darauf angewiesen, um zu wissen, was mit ihr passiert ist und dass ihr umfassend geglaubt wird – was machen Unklarheit und Anzweiflungen mit einem Menschen?“ Kate wünscht sich deshalb von der Polizei mehr Sensibilität im Umgang mit Betroffenen: „Es müssen eben alle Instanzen an einem Strang ziehen.“

Im Nadelwald. Illustration: Veronika Vonderlind

Was den Rosenkeller angeht, sagt Melanie, dass neben der Prävention – Poster und Sensibilisierung des Personals – diskutiert werde, ob es in Zukunft standardmäßig ein Awareness-Team im Rosenkeller geben soll. Bezüglich Awareness-Teams sieht Melanie generell Potenzial in Jena. Doch dies sei auch eine finanzielle Frage und die Stadt müsse hierbei die Clubkultur unterstützen, denn das lohne sich für alle Seiten. Die Corona-Pandemie, meint Kate, habe gezeigt: „Der Wunsch zum Feiern ist da.“ Die beiden Mitarbeitenden des Rosenkellers versichern, dass in ihrem Club durch Prävention, Achtsamkeit während der Veranstaltungen und einem sensiblenUmgang mit Betroffenen versucht wird, ei-
nen Safer Space zu schaffen.


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