Die abwesende Mehrheit

In der Klimakrise wird auch Universitätspolitik relevant. Die Gestaltung einer nachhaltigen Zukunft muss jetzt angegangen werden – doch was passiert, wenn es darauf ankommt?

Ein Kommentar von Lars Materne

Immerhin ein paar waren da. Foto: Johannes Vogt

Ich bin verzweifelt.

Das meine ich ernst: Im Angesicht der immer düster werdenden Prognosen behelfe ich mir manchmal mit der Aussage, dass ich so lange für das Studium brauchen werde, bis mir der Arbeitseintritt erspart bleibt, weil dann die Welt sowieso schon untergegangen ist. Dass ich trotz diesem tiefschwarzen Pessimismus zur Zukunftswerkstatt gegangen bin, gleicht entweder Masochismus oder einem Widerspruch. Wie sich herausstellen wird, ist meine Teilnahme sowohl schmerzhaft als auch widersprüchlich gewesen. Sie hat aber auch Hoffnung aufkeimen lassen.

Dass nicht einmal zwanzig Student:innen anwesend waren, zeigt die Dramatik der Lage.

Die Zukunftswerkstatt war eine Veranstaltung der FSU am 31. Mai, mit der die Entwicklung einer Nachhaltigkeitsstrategie für die Universität beginnen sollte. Erster Baustein hierfür war das Sammeln von Ideen im Rahmen eines Worldcafés. Daraus sollen dann bis Mitte Juli konkrete Strategien entwickelt werden. Hierfür gibt es vier Arbeitskreise: Forschung, Lehre, Transfer und Betrieb. 

Mag sein, dass der Vortrag von Maria Backhouse bei der Zukunftswerkstatt vor Augen geführt hat, wie schmerzhaft und widersprüchlich es ist, dass der globale Norden, also wir, nicht nur dominierend bei der Wissensproduktion ist, was globale Ungleichheit verfestigt, sondern – das ist jedem heutigen Grundschulkind klar – auch hauptverantwortlich für den menschengemachten Klimawandel ist.

Mag auch sein, dass die Einladung zur Zukunftswerkstatt als E-Mail nicht ausreichend Motivation unter den Angehörigen der Universität erzeugt hat. Mag sein, dass das Universitätspräsidium versuchen möchte, sich einen grünen Anstrich zu verleihen.

Sollte dies so sein, steht es dann nicht auch in unserer Verantwortung, dafür zu sorgen, dass notwendige Veränderungen wirklich umgesetzt werden? Doch dass nicht einmal zwanzig von knapp 18.000 Student:innen anwesend waren, zeigt die Dramatik der Lage.

Ich bin enttäuscht.

Alle hätten im Vorfeld mehr geben können, das betrifft mich genauso selbst. Außer der Einladung per E-Mail und den Pinnwänden auf dem Campus oder im Internet, an denen man Ideen anheften konnte, blieb es still. Auf mich macht es rückblickend den Eindruck, dass die Relevanz für das Erarbeiten einer Nachhaltigkeitsstrategie nicht ausreichend kommuniziert wurde. Auch ich habe in meinem näheren Umfeld nicht wirklich darauf aufmerksam gemacht. Im universitären Umfeld sind mir auch keine Aufrufe zur Teilnahme von Lehrpersonen, Fakultäten oder Fachschaften bekannt – das Resultat: Die Mehrheit der Angehörigen der Universität sind der Veranstaltung ferngeblieben.

Dies ist aus meiner Sicht politisch unverantwortlich. Wenn eine gesellschaftliche Institution wie die Universität die Möglichkeit der Partizipation anbietet und dies nicht wahrgenommen wird, ist das ein Zeichen, dass demokratisches Selbstverständnis und gelebte Praxis entzweien. Wenn kaum Austausch von Positionen stattfindet und es spärlich zum Diskurs kommt, dann ist auch fraglich, ob anschließend der gewählte Weg legitim ist. Durch die „Grundsatzerklärung Nachhaltigkeit“ aus dem Jahr 2021 hat sich die Universität verpflichtet, nachhaltig zu handeln und dialogisch die Frage zu erörtern, wie dieses Handeln zukünftig aussehen wird.

Beim Beantworten dieser Frage hat jede Stimme das Recht, gehört zu werden. Jede Stimme trägt aber auch die Verantwortung, sich hörbar zu machen. Für die Grundsatzerklärung haben sich damals auch Studierende eingesetzt, habe ich mir sagen lassen. Sollte der Einsatz jetzt nicht weitergeführt werden? Kritische und bejahende Meinungen sowie neutrale Sichtweisen sind notwendig, um bei der Entwicklung der Nachhaltigkeitsstrategie zu fordern, zu fördern und zu beobachten. Durch Abwesenheit der Mehrheit ist dies nicht mehr ausreichend gewährleistet. Ist das dann noch nachhaltig? 

Beim Worldcafé zeigte sich nämlich schnell, dass die gestellten Fragen in den Bereichen der vier Arbeitskreisen Forschung, Lehre, Transfer und Betrieb schwer sind. Deshalb bedarf es eigentlich jeder Person, der Nachhaltigkeit wichtig ist. 

Ich hoffe.

Die Verantwortlichen lassen sich nicht entmutigen und gehen mit Engagement die weiteren Schritte. Auch wenn ich manchmal dafür bin, dagegen zu sein und die Universität als Institution in einer kapitalistischen Gesellschaft auch Teil des Problems sein kann, sehe ich es im Moment doch pragmatisch: Erst die Welt und uns Menschen retten und dann den Kapitalismus abschaffen, wenn er sich nicht auf den Weg dorthin schon selbst zerstört hat.
Wird das aber reichen?


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