Als im Westen die Straße brannte…

Die 68er-Bewegung war für Sex und gegen Panzer, für Che Guevara und Mao Zedong, aber gegen Autoritäten, Axel Springer, Alt-Nazis und Atomkrieg. Was geschah im größten Generationenkonflikt der deutschen Geschichte?

von Leonard Fischer und Stephan Lock

Das historische Jahr 1968 beginnt eigentlich 1967. Der iranische Schah besucht West-Berlin, zahlreiche Student:innen demonstrieren gegen den brutalen Diktator. Sogenannte „Prügelperser“ knüppeln auf sie ein, die Polizei macht munter mit. Im Laufe der Demo stirbt ein Mensch – der Student Benno Ohnesorg. Mehrere Polizisten umzingeln den werdenden Vater, einer ermordet Ohnesorg schließlich durch einen Schuss in den Hinterkopf. Damit beginnt 1968.
23 Jahre nach dem Sturz der nationalsozialistischen Diktatur ist die deutsche Gesellschaft noch reichlich mit Nazis bestückt. Politik, Justiz und Polizei sind durchsetzt von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern und Wehrmachtsoffizieren. Doch dagegen regt sich Widerstand: die 1968er.

Die Protestbewegung dominieren männliche Akademiker und der intellektuelle Nachwuchs. Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) unter seinem Anführer Rudi Dutschke – ein überzeugter Marxist – führt die Proteste an. Arbeiter und Frauen nehmen nur in zweiter Reihe an den Protesten teil. Auch eine reziproke Solidarität zwischen Student:innen und Arbeitern wie zeitgleich in Frankreich gelingt den westdeutschen Studenten nicht.

1968 gegen das Schweinesystem

„Zentral waren der Kampf gegen die Generation der Eltern als ehemalige Nazis und die Repräsentanten des herrschenden ‚Schweinesystems‘“, sagt Stefanie Middendorf, Professorin für Neueste Geschichte und Zeitgeschichte an der FSU. Der Axel-Springer-Verlag beherrscht als Quasimonopolist den Zeitungsmarkt und agitiert gegen die Studenten, diese machen daraufhin „Enteignet Springer!“ zu einer primären Parole.

Die Außerparlamentarische Opposition (APO) ist von Beginn an sehr heterogen. Dutschke führt die linksradikale Fraktion auf die Straße, die WG Kommune I in West-Berlin versteht sich hingegen als antiautoritäres Gegenmodell zur bürgerlich-konservativen Kleinfamilie. Während Dutschke die politische Dimension fokussiert, bedient die Kommune I die lebensweltlich-kulturelle Dimension. Unter dem Motto „Das Private ist politisch!“ fordern Frauen ihre Emanzipation.

Monolithisch sind die Student:innen jedoch nicht. Gegenüber dem SDS bilden der Ring Christlich-Demokratischer Studenten (RCDS) und die Junge Union Gegengewichte zur linken Studentenrevolte. „Die 1968er waren allerdings radikaler und ihnen gelang es besser als den Konservativen, gezielt Öffentlichkeit herzustellen“, so Middendorf. Jedoch verlieren sie mit zunehmender Entfernung von den Uni- und Großstädten an Zustimmung.

Sie stürmen Hörsäle und verteilen Flugblätter

Laut Middendorf nutzen die linken Student:innen neuartige Protesttechniken wie Sit-ins und Teach-ins. Je nach Form war das Ziel, öffentliche Räume zu okkupieren und Diskussionen zu erzwingen. Die Student:innen agieren als Stadtguerilla in kleinen Gruppen mit spontanen Aktionen, bieten autonome Seminare an, stürmen Hörsäle und verteilen Flugblätter.

Die 1968er waren vor allem kulturell erfolgreich. Sie beschleunigen die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und liberalisieren die Gesellschaft. „Man sieht das besonders an Abi-Fotos vor 1968 und danach. Nach 1968 werden die Haare länger und die Hosen schlabberiger“, so Middendorf. Politisch wirkt das Fazit schwach: Die Große Koalition verabschiedet die Notstandsgesetze, die 68er-Bewegung zerfällt nach dem Attentat auf Rudi Dutschke, radikalisiert sich teilweise und verübt als Rote Armee Fraktion (RAF) über 30 politische Morde an Führungskräften aus Politik und Wirtschaft. Jedoch gelingt ihnen die Ausweitung des politischen Kommunikationsraums. „Politik findet nun nicht mehr nur im Parlament statt, sondern auch auf der Straße, in der Uni und im Privaten“, so Middendorf.

War 1968 ein Generationenkonflikt? Middendorf: „Das Selbstverständnis der 1968er als Generation war stark. 1968 entsteht die Jugend erst als eigene Generation mit eigener Kultur und als eigene wirtschaftliche Zielgruppe.“

„1968 entsteht die Jugend erst als eigene Generation“

Wie viel bleibt also von 1968? Die Rudi Dutschkes von heute heißen Greta Thunberg oder Luisa Neubauer. Sie sind ebenso jung und gebildet, jedoch weiblicher, ihre Ziele konkreter, ihr Auftreten weniger militant. Middendorf sieht Fridays for Future (FFF) heute deutlich professioneller organisiert und institutionalisiert als die 1968er. Zudem gibt es durch Beispiele wie den ehemaligen APO-Aktivisten und späteren grünen Außenminister und Vizekanzler Joschka Fischer personelle Kontinuitäten in die deutsche Umweltbewegung.

Die neue Jugend- und Umweltbewegung dominiert FFF, Ende Gelände und Extinction Rebellion setzen radikalere Akzente. Auch sie funktionieren über klassische Straßenproteste, aber auch über spontane Aktionen, Sitzblockaden und Flashmobs. Auch sie besetzen öffentliche Räume und tragen das Politische ins Private: Welches Auto fahre ich? Wie viel Fleisch esse ich? Fliege ich?

“Rudi hätte Fridays for Future unterstützt”

Doch ist die Thunberg-Bewegung vor allem ein Generationenkonflikt? FFF-Ableger wie die Scientists, Parents und Grandparents for Future lassen zweifeln. „Jede Generation sollte ihr eigenes Protestpotenzial entwickeln, um etablierte Gewissheiten und Positionen der ‚Alten‘ und Eltern zu hinterfragen“, meint Daniel Börner, Projektmanager der Geschichtswerkstatt Jena. Gretchen Dutschke-Klotz, Witwe des 1968er-Wortführers Rudi, sagte erst vor zwei Jahren in einem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland: „Ich bin mir sicher: Rudi hätte Fridays for Future unterstützt.“


… “Hatte der Osten ganz andere Probleme”

Während die Jugend in West-Berlin die freie Liebe feiert, brodelt es im Osten aus ganz anderem Grund. Als der Duft nach Freiheit aus der Tschechoslowakei herüberweht, marschieren eine halbe Million Soldaten in Prag ein.

von Leonard Fischer und Stephan Lock

Der Prager Frühling blüht in der Tschechoslowakei (ČSSR). Alexander Dubček, Generalsekretär der tschechoslowakischen Kommunisten und bis dato mächtigster Politiker der ČSSR, will das Land für einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ liberalisieren und demokratisieren. Nicht wenige, vor allem junge Menschen in der DDR hoffen, dass das Freiheitsstreben im Nachbarland auch ihren Staat erreicht. Doch schon im August 1968 marschieren eine halbe Million Soldaten des Warschauer Paktes in Prag ein. Die Steine, die tschechische Studenten in Prag auf die sowjetischen Panzer werfen, beirren die kommunistischen Machthaber nicht. Auf den Einmarsch in die ČSSR reagieren DDR-Dissidenten mit Entsetzen.

Sowjetische Panzer auf dem Wenzelsplatz in Prag.
Foto: Manfred Hermann

„Den Generationenkonflikt hat es im Osten nicht gegeben.”

„Den Generationenkonflikt hat es im Osten nicht gegeben. Dort hatte man ganz andere Probleme“, sagt Uwe Schirmer, Professor für Thüringische Landesgeschichte an der FSU. „Der Konflikt war ein ganz anderer – bin ich Teil des SED-Systems oder nicht?“ Natürlich informieren sich die Ostdeutschen per West-Fernsehen und West-Radio über die Geschehnisse hinter der Mauer, doch „für die DDR war der Prager Frühling interessanter als die konsumfreudigen Hippies im Westen“, sekundiert Middendorf. Alter und Geschlecht sind für den Konflikt in der DDR irrelevant.

Die SED instrumentalisiert den Tod Ohnesorgs

Die westdeutschen Protestler beäugt der Osten mit Irritation. Das SED-Regime, das die Studentenproteste in West-Berlin anfangs als gerechtfertigten Aufstand gegen das kapitalistische System unterstützt und auch mit Spalier stehenden FDJ-Gruppen den Tod Benno Ohnesorgs instrumentalisiert, entfernt sich mit zunehmender Radikalität der Studenten. Die SED-Führung lehnt zudem die China-Freundlichkeit der westdeutschen „Anarchisten und Wirrköpfe“ ab, da die DDR auf Sowjetunion-Linie liegt und das chinesisch-sowjetische Zerwürfnis Ende der 1960er Jahre seinen Höhepunkt findet.

“Das war doch blanker Marxismus“

schen Dissidenten überhaupt kein Verständnis. Das war doch blanker Marxismus“, so Schirmer. Die Regimegegner in der DDR verstehen die westdeutschen Studenten nicht: Während sie die realsozialistische Einparteiendiktatur ablehnen, strecken auf der anderen Seite der Mauer junge Akademiker in einer liberalen Demokratie rote Mao-Bibeln des chinesischen Staatspräsidenten und Massenmörders Mao Zedong in die Höhe.

„Ihren Anteil am Untergang der SED-Diktatur hatte diese Prag-geprägte Generation gewiss, weil für viele 1968 sichtbar die letzte Hoffnung auf einen ‚menschlichen Sozialismus‘ – als Gegenentwurf zu was auch immer – zerbrochen ist“, so Börner. Schirmer bestätigt: „1968 diente in der DDR als Probe für 1989 wie alle anderen Proteste vorher.“

Das SED-Regime verfolgt „staatsfeindliche Hetze“ mit Haftstrafen

Den Umständen entsprechend ist es der ostdeutschen Jugend in der Diktatur kaum möglich, eine Protestbewegung zu etablieren. Subversiver Widerstand, ziviler Ungehorsam und passiver Protest sind die Mittel der Wahl, doch schon für Flugblattaktionen und friedliche Kundgebungen verteilt das SED-Regime als „staatsfeindliche Hetze“ Haftstrafen von mehreren Monaten bis Jahren. Börner dazu: „Das Fragen nach Veränderung wurde um 1968 in der DDR – so auch in Jena – schon in den Anfängen verfolgt, niedergedrückt und erstickt. Einige gingen in den Knast, andere passten sich an, wieder andere in den Westen, der Rest machte irgendwie weiter – bis 1989.“


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