“Hausfrau? Um Gottes Willen!”

Großmutter Gabriele (72), Mutter Sabine (49) und Tochter Sophie (19) wohnen in einem Drei-Generationenhaus. Ein Gespräch über Fische, Faulheit und Feminismus. 

Gespräch: Henriette Lahrmann und Carolin Lehmann.

Wenn Sie eine Freundin kontaktieren möchten, worüber machen Sie das?
Gabriele: Whatsapp, Telefonieren,…
Sabine: Ich nehme viel Whatsapp, auch dieses FaceTime und iMessage. Ach ja, und Insta.


Sie haben auch Instagram…?
Gabriele: Ja. 
Sophie: Ich muss sagen, dass ich überrascht war. Omi hat nämlich auf meine Story reagiert und ich war so „Wow!“

Politik

Welche Themen interessieren dich politisch?
Sophie: Was mich interessiert, ist, was gerade in der Pflege so vorangebracht wird. Dann die Mobilität generell, wie das mit den Verbrennungsmotoren aussieht in der Zukunft. Also eher so Themen, die mich betreffen.


Sabine, Gabriele, Verfolgen Sie das politische Geschehen?
Sabine: Ich lese keine Zeitung. Was in der Politik passiert, habe ich am Abend vorher schon gehört. Ansonsten interessiert mich eher der Thüringen-Bezug, weniger die Globalpolitik.
Gabriele: Ich schau mir die Tagesschau an, mich interessiert es auch. Aber ich finde manche Diskussionen… Mir wird zu viel geredet.

 
Haben Sie ein Beispiel für uns?
Gabriele: Ja, das Umweltproblem: Etwas auf die Beine bringen. Wenn das Kleinigkeiten wären. Hier in Jena, Wald und dergleichen, es ließe sich so viel machen. Aber es wird viel mehr drüber geredet.

Die halten zusammen. Foto: Henriette Lahrmann.


Finden Sie es gut, dass sich junge Menschen für die Umwelt einsetzen?
Gabriele: Richtig ja. Aber mir fehlt da ein strukturiertes Programm.
Sophie: Ich war auf einer der ersten FFF-Demos. Was mich gestört hat: Da kam wahnsinnig viel, was schlecht ist, aber Vorschläge kamen halt gar nicht. Vormittags war dann die halbe Klasse weg. Das waren dann die, die früh von Papa mit dem SUV vor die Schule gefahren worden sind. Das finde ich dann unglaubwürdig. Ich bin da auch ehrlich: Ich bin wahnsinnig faul, was Laufen angeht, wahnsinnig dankbar fürs Auto und habe schlechte Erfahrungen mit öffentlichen Verkehrsmitteln gemacht. Wenn ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln 40 Minuten zur Arbeit brauche…


Sind oder waren Sie selbst politisch aktiv?
Sabine: Zu Wendezeiten, ja. Gegen den Willen meines Papas.
Gabriele: Die Friedensbewegungen. 


Sie beide?
Sabine: Wir zusammen und ich im Studium. Nicht aktiv. Wir sind mit hingegangen und haben uns das angehört. Damals war ich minderjährig, da musste man ein bisschen aufpassen im Internat, wenn man da hingegangen ist. Wir hätten es nicht gedurft. Man hat versucht, sich eine Meinung zu bilden, indem man sich was angehört hat. Ich war auch in keiner Partei, vorher nicht und auch jetzt nicht.


Waren Sie, Gabriele, in Ihrer Jugend politisch aktiv?
Gabriele: Wir waren Pioniere, dann auch FDJ, Das war aber alles automatisch. Ich war auch in der Kirche, ich bin eigentlich zweigleisig groß geworden. Das war aber damals normal.


Würden Sie nochmal zu den Montagsumzügen gehen?
Sabine: Ja.


Sophie, du auch?
Sophie: Das kann man mit heute gar nicht vergleichen. Die DDR war eine Diktatur. Wir haben heute viel mehr Möglichkeiten. Damals auf die Straße zu gehen finde ich viel mutiger, als wenn ich jetzt auf die Straße gehen würde. Die Konsequenzen damals waren viel größer. Ich weiß nicht, ob ich den Mut gehabt hätte, da mitzulaufen, wenn mir zum Beispiel dadurch das Studium verwehrt geblieben wäre. 


Sie waren sich der Konsequenzen bewusst und haben es trotzdem gemacht?
Sabine: Ja.
Gabriele: Mein Mann hatte Angst. 

Beruf

Sabine ist Förderschullehrerin für Deutsch, Mathe und Sport, Gabriele war auch Lehrerin für Mathe und Physik. 

Gabriele, war es für Sie eine Option, Hausfrau zu werden?
Gabriele: Hausfrau? Um Gottes Willen. Hausarbeit habe ich als notwendiges Übel erachtet. 

Rollenbilder

Sehen Sie sich selbst als moderne Frau?
Sophie: Wenn ihr jetzt Nein sagt, lache ich. Na, absolut!
Sabine: Wir sind moderne Frauen, ja. Wir gehen arbeiten und machen die Wäsche.


Sophie, was bedeutet es für dich, eine moderne Frau zu sein?
Sophie: Selbstbestimmt leben. Wenn Omi Opi fragen müsste, ob sie mit ihren Freundinnen rausgehen kann – das wäre für mich nicht modern. Unabhängigkeit. Ich kenne es auch nicht anders.


Haben Sie sich früh mit denselben Rechten und Pflichten ausgestattet gesehen wie Männer?
Gabriele: Ja. So würde ich es sehen. 
Sabine: Definitiv! 
Sophie: Das kommt mit auf den Partner an. Papa ist da ja sehr liberal.
Sabine: Es gibt nichts, was mein Mann nicht mit macht im Haushalt.
Gabriele: Mein Mann hilft auch im Haushalt mit.
Sabine: Ich habe das immer nicht verstanden in den alten Bundesländern. Die Frauen haben zum Teil studiert, dann haben sie Kinder gekriegt und dann war der ganze Schrott mit dem Lernen völlig hinfällig und sie sind vor sich hin verkümmert. Diese Abhängigkeit vom Partner gab es bei meinen Eltern nicht.

Sexualität

War Sexualität ein Tabuthema in ihrer Jugend, oder ist es das vielleicht noch heute?
Gabriele: Also ich muss ganz ehrlich sagen, die ganz ersten Erfahrungen waren bei mir über die Bravo, das war ne Zeitschrift.
Sophie: Die hatte ich auch noch, die habe ich auch noch gelesen!
Gabriele: Gut? Okay. So aber ansonsten.. Ja meine Mutti hat sich diesbezüglich mit mir eigentlich nicht groß unterhalten. Das haben wir dann mehr oder weniger mit Freundinnen.


Würden Sie sagen, Sex ist Privatsache?
Sabine: Ja
Sophie: Ja, also in einer gewissen Form. Wenn sich jemand jetzt draußen hinstellt und…
Sabine: …und putzige Lust hat, das muss vielleicht nicht sein.


Würden Sie sich als Feministin bezeichnen?
Gabriele: Nee.
Sophie: Bis zu einem gewissen Punkt.
Sabine: Nein, eine Feministin ist für mich eigentlich eine Person, die das mit der Gleichberechtigung nicht sieht. Einer, der alles alleine packt und nicht gemeinsam.
Sophie: Also als bestes Beispiel finde ich ja das mit den Professorinnen in Leipzig. (An der Uni Leipzig wurde vor einigen Jahren in der Hochschulkommunikation das Generische Femininum eingeführt, Anm. d. Redaktion.) Also ich finde das jetzt wirklich ein bisschen überspitzt, ich finde, damit macht man sich auch lächerlich als Feministin. Gleichberechtigung finde ich super wichtig, auch gleiche Bezahlung, was in meinem Job nicht der Fall ist, aber ich fühle mich, wenn da jetzt Schüler oder Schülergemeinschaft steht, nicht ausgeschlossen oder diskriminiert.

Konflikte

Gibt es Themen, bei denen Sie sehr unterschiedlicher Meinung sind, oder Generationsthemen?
Sabine: Ja, eins. Das ist glaube ich ein Generationsthema. Es gibt ja jetzt alles. Man braucht nicht von allem ganz viel.
Sophie: Ah ja. Ich nenne dieses Thema der Keller.
Gabriele: Wir (ihre Generation, Anm. d. Redaktion) können nichts wegwerfen. Und wir arbeiten auf Vorrat, wir wecken ein: Was weiß ich was, was wir früher gemacht haben, weil es kein Ketchup gab und so weiter. 
Sabine: Ich glaube, man könnte sich ohne Probleme 14 Tage aus dem Keller ernähren und es würde nicht aufhören.
Sophie: Ja, vorausgesetzt man isst komische eingelegte Fische, dann kann man sich sicher davon ernähren.

Aktuelle Sorgen

Worüber machen Sie sich momentan Sorgen?
Gabriele: Gesundheit und Corona zur Zeit, glaube ich.
Sabine: Wann unsere Kinder mal wieder ein bisschen so jung sein können, wie wir es gewesen sind. Weggehen, Feiern- ohne irgendwelchen Stress, ohne irgendwelchen Masken vor dem Gesicht. 
Sophie: Corona beschäftigt mich schon sehr. Einfach auch aus dem Grund, dass ich auf der einen Seite beispielsweise meinen Bruder habe, der da gar nicht dran glaubt und auf der anderen Seite sehe ich die ganzen Patienten auf den Stationen.

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