“Das Land ist Schuld an allem”

An der Ernst-Abbe-Hochschule läuft im Bezug auf Corona einiges anders. Prüfungen werden weitestgehend in Präsenz abgehalten und die Bibliothek bietet die Möglichkeit der Arbeitsplatznutzung. Ein Gespräch mit dem neugewähltem Vorstand des EAH-Stura über den missglückten Digitalausbau des Landes, Unterschiede zum FSU-Stura und eine Wahlbeteiligung von 2,64 Prozent bei den letzten Gremienwahlen.

Das Interview führte Tim Große

Die EAH verfolgt im Vergleich zur FSU einen etwas lascheren Umgang mit Corona. Prüfungen wurden überwiegend in Präsenz abgehalten und die Bibliothek hat regulär mit Arbeitsplatznutzung geöffnet. Begrüßt ihr das als Stura?

Martin: Es ist ja kein lascher Umgang, sowohl der Stura als auch die Hochschulleitung hat sich sehr dafür eingesetzt, dass die verschiedenen Interessen berücksichtigt werden. Anfang Februar waren viele Studierende, die gerade im Abschlusssemester sind, dafür, jetzt ihre Präsenzprüfung zu schreiben, damit sie ihren Abschluss machen können und nicht ein halbes oder ein ganzes Jahr warten müssen.

Kristine: Den Arbeitsplatz in der Bibliothek zu haben ist für viele Studierende sehr wichtig. Ich bin auch dankbar für die Präsenzprüfungen, weil ich von vielen weiß, dass nicht alle eine ausreichende Internetverbindung hätten.

Lena: Die Öffnung der Bibliothek begrüße ich sehr, weil die Leute die Regeln wirklich einhalten. Es gab auch während der Prüfungen keine Vorfälle diesbezüglich. Das einzige was ich nicht gut finde ist, dass bei den Prüfungen die Masken abgenommen werden durften, auch wenn man auseinander sitzt, ist das kritisch zu sehen.

Wie kann das sein?

Martin: Wir haben sowohl Studierende mit einem hohen Sicherheitsbedürfnis, aber auch welche die sagen, mit einer Maske am Platz kann ich keine Prüfungsleistung erbringen. Das ist so störend, dass ich hier keine Prüfung ablegen kann. Ein großes Problem bei uns ist, dass viel Literatur digital nicht verfügbar ist, die gibt es es nur auf Papier in der Bibliothek, entweder zum Ausleihen oder gar nur in der Bestandsabteilung, wo man wirklich nur dort lesen darf. Da ist es schon sinnvoll, dass man das, was einem die Corona-Regeln erlauben, auch ausschöpft.

Sie drehen in Zukunft an den Hebeln studentischer Mitbestimmung: Kristine Trzeba, Pascal Pastoor, Lena Sardo und Martin Schmidt. Foto: Tim Große

Macht die Hochschule das wirklich den Studenten zu Liebe oder weil sie den Digitalausbau über Jahre versäumt hat?

Martin: Ich glaube das Land ist schuld an allem. Einerseits hat es in den letzten Jahren nicht die finanziellen Mittel zur Verfügung gestellt, dass die Hochschulen sich langfristig darauf vorbereiten konnten. Und zum anderen hat es bis jetzt keine vernünftigen Regelungen geschaffen, um ohne einem kompletten Freimachen und Gläsernwerden, online überhaupt eine Prüfung schreiben zu dürfen. Es braucht zunächst rechtliche Rahmenbedingungen damit so etwas überhaupt stattfinden darf. Die Software ist nicht da, wo auch Erfahrungswerte hätten gesammelt werden können. Da hat das Land gepennt und jetzt müssen die Hochschulen das ausbaden.

Wo seht ihr diesbezüglich konkret an der Hochschule Verbesserungsbedarf?

Pascal: Nach über einem Jahr sollte man zumindest einen groben Fahrplan haben. Der fehlt mir noch. Es gab zum Beispiel einen Dozenten der sagt, man benötigt für die Teilnahme am Praktikum einen Schnelltest, sonst kommt man nicht rein. Und das sind Entscheidungen, die einzelne Personen treffen, ohne das jemals mit jemanden abgesprochen zu haben.

Ist das nicht eine super Idee?

Kristine: Es ging in dem Punkt darum, dass es eben einzelne Personen im Fachbereich entschieden haben, aber eben nicht der Fachbereich oder gar die Hochschulleitung darüber informiert waren.

Die Stura-Wahlen fanden Anfang Januar inmitten der Corona-Krise und des heftigsten Schneeeinbruchs der letzten Jahre in Präsenz vor einer Garage statt. Wie habt ihr das erlebt?

Pascal: Ich bin aus dem Haus gestiegen und stand in einem Schneeberg und habe dann schon gemerkt, heute fährt wohl keine Bahn mehr. Ich bin dann von Lobeda-Ost zwei Stunden zur Hochschule gelaufen. Dort haben wir dann zusammen mit der Leitung des Referats Liegenschaften versucht den Parkplatz frei zuschippen. Soviel Aufregung gibt es bei den Wahlen sonst nicht, auch wenn man sagen muss, dass die Wahlbeteiligung eher ausbaufähig war.

Warum gab es keine Absage?

Martin: Wir waren ja nicht darauf vorbereitet, dass auf einmal so ein krasser Wintereinbruch kommt. Wir wären dann in einen Bereich gekommen, wo die Prüfungsvorbereitungen stattfinden. Wir dürfen nach unserer Ordnung aber eben nicht in der vorlesungsfreien Zeit Abstimmungen durchführen, wo wir die Studierenden zur Urnenwahl rufen. Durch eine erneute Verschiebung wäre das Gremium letztendlich in die Arbeitsunfähigkeit gerutscht.

Von 4554 Wahlberechtigten haben sich 120 Studierende entschieden ihre Stimme abzugeben. Wie demokratisch kann man eine Abstimmung mit der Wahlbeteiligung von 2,64 Prozent bezeichnen?

Pascal: Man muss dazu natürlich sagen, dass es nur einen Fachschaftsrat gab, der mehr Kandidaten als mögliche Plätze hatte. Das war Sozialwesen und dort konnte man auch eine deutliche Mehrheit derer erkennen, die bei den Wahlen abgestimmt haben. Das heißt, bei allen anderen Kandidaten, hätten sie einfach für sich abstimmen können und wären automatisch gewählt gewesen. Daher ging es auch nicht darum, kommt man rein oder nicht. Deshalb kann man die geringe Wahlbeteiligung eher als unproblematische sehen. Dennoch muss man sich kritisch mit dem Thema auseinandersetzten und das werden wir auch. Ich bin aber vollumfänglich davon überzeugt, dass die Wahl unter allen demokratischen Bedingungen erfolgte.

Martin: Wir haben den Studierenden ein Angebot gemacht, wir haben über die sozialen Netzwerke und Rundmails informiert. Auch gab es das Angebot der Briefwahl, wo wir sämtliche Kosten übernommen hätten. Davon haben einige Gebrauch gemacht, andere nicht, also der Großteil nicht. Wir sehen in den letzten Wahlen auch in anderen politischen Gremien, dass die Wahlbeteiligung sinkt. Etwa bei den Ortsteilbürgermeister- oder Stadtratswahlen. Da stellt sich die Frage auch nicht. Die Leute sind aufgerufen zur Wahl, sie haben ein Angebot bekommen. Ob sie das annehmen, dass ist ihre Sache. Es ist auch Ausdruck von Demokratie zu entscheiden, eben nicht zur Wahl zugehen. Und solange die Ergebnisse so sind, dass die Studierenden zufrieden sind, glaube ich auch nicht, dass sich da groß was ändert.

Sind die Studierenden also selber Schuld?

Martin: Wir haben E-Mail bekommen, dass sie aufgrund des Schnees überhaupt nicht anreisen konnten, aber daran ist es wohl nur bei wenigen gescheitert. Ich will mir jetzt nicht anmaßen darüber zu spekulieren, was den Großteil der Studierendenschaft dazu bewegt hat, nicht an der Wahl teilzunehmen. Wir haben in jeden Fall ein funktionsfähiges Gremium. Von daher sehe ich hier auch nicht das Aufkommen der Frage, inwiefern der Stura demokratisch legitimiert ist.

Pascal: Es sollen noch Nachwahlen erfolgen. Es gibt bis jetzt nur einen FSR der vollbesetzt ist, bei den anderen und auch beim Stura gibt es noch Potenzial, die zu füllen. Auch in den vergangenen Wahlen musste man den Studenten bei Präsenzwahlen hinterherrennen und sie motivieren, dass sie wählen gehen. Ich glaube an dieser Stelle muss man ihnen noch näher bringen, wie wichtig die Gremien und auch der Stura sind und welche Arbeit die Mitglieder leisten. Und da finde ich die Rundmail sehr effektiv.

Wenn die auch nur 2,64 Prozent lesen?

Martin: Vor Corona waren Wahlbeteiligungen von 10 bis 15 Prozent normal, von daher denke ich, die Leute lesen die E-Mails schon. Unter den Rahmenbedingungen, war aus meiner Perspektive zu dem Zeitpunkt nicht mehr rauszuholen.

Warum sind Online-Wahlen nicht in Betracht gezogen worden?

Martin: Die FSU hat uns vorgemacht, dass man bei Online-Wahlen die Wahlbeteiligung ganz einfach verdoppeln kann. Dahin sollten wir auch kommen. Das Hauptproblem ist unsere Satzung, in der steht, dass Gremienwahlen per Urnenwahl in Präsenz stattfinden müssen. Und diese Satzung kann nur durch eine Urabstimmung geändert werden.

Per Urnenwahl in Präsenz?

Martin: Ja. Wie man eine Satzung ändert ist eine sehr langfristige Frage. Das wird auch nicht während des nächsten Sommersemesters möglich sein, frühestens Anfang 2022. Es braucht eben auch ein Quorum von 10 Prozent Wahlbeteiligung, damit eine Urabstimmung gültig ist.

Wäre so ein Quorum auch bei Gremienwahlen sinnvoll?

Martin: Das Problem ist, dass wir dann nicht mehr die Interessen der Studierenden vertreten könnten. Wir können nicht mehr mit dem Jenaer Nahverkehr zum Corona-Ausgleich sprechen, wir können nicht mit der Deutschen Bahn oder dem VMT zum Semesterticket sprechen. Da hängt also ein ganzer Rattenschwanz dran.

Ist euer Kontakt mit den Studierenden durch die Digitallehre geringer geworden?

Martin: Ich würde jetzt nicht sagen, dass das mehr oder weniger geworden ist, sondern die Themen haben sich einfach geändert. Wir werden noch genauso angerufen oder bekommen E-Mails, manchmal klopfen die Studis auch und möchten uns direkt sprechen.

Was habt ihr für das kommende Semester noch auf dem Zettel?

Lena: Wir wollen versuchen die studentischen Gremien der Hochschule und die hochschulpolitischen Gremien besser zu verknüpfen und die Bekanntheit dieser und des Sturas zu steigern. Es ist viel Öffentlichkeitsarbeit nötig, um besser darzustellen, was wir eigentlich machen, um zum Beispiel auch die Stura-Referate bekannter zu machen, dass jeder bei diesen mitwirken und sich bescheinigen lassen kann, wie auch bei jedem anderen Ehrenamt.

Eure Arbeit wirkt auf dem ersten Blick ruhiger und ist selten von politischen Streitereien gekennzeichnet, wie das beim FSU-Stura oft ist. Wie schafft ihr das?

Pascal: Wir haben nicht dieses Listensystem wie an der FSU. Bei uns sind im Grunde alle Mitglieder unabhängig. Weiterhin haben wir uns nie allgemeinpolitisch, sondern ausschließlich hochschulpolitisch positioniert. Durch dieses ganze Listensystem ist man natürlich schon mehr in einem Fraktionsdenken und wenn man darin einmal gefangen ist, ist es schwer wieder raus zu kommen. Natürlich haben wir alle unsere politischen Ansichten, aber wir versuchen es nicht in die Arbeit einzubeziehen, weil das meist in Probleme ausarten könnte, so zumindest mein Eindruck im FSU-Stura.

Kristine: Wir sind hier ja schon alle recht praxisverbunden, viele haben schon mal gearbeitet oder eine Ausbildung gemacht. Es könnte sein, dass wir dadurch ein bisschen entspannter sind und das Studentenleben mehr genießen, weil wir wissen, wohin es zurück geht, wenn wir wieder arbeiten.

Ist eine Erhöhung des Semesterbeitrags geplant?

Martin: An allen Thüringer Hochschulstandorten ist eine Erhöhung des Bahnsemestertickets geplant. In Jena sind das sechs Euro zum nächsten Wintersemester, vorausgesetzt dass die Urabstimmung positiv ist.

Pascal: Wir hatten im letzten Jahr überlegt wegen Corona etwas zurückzugegeben. Also den Betrag um 1,25 Euro zu reduzieren. Da hatten wir aber das Problem, dass es tatsächlich an einer Nein-Stimme gescheitert ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Lena Sardo (23) studiert Rettungswesen/Notfallversorgung und ist seit Februar im Stura. Seitdem ist sie auch im Stura.

Kristine Trzeba (23) studiert Augenoptik/Optometrie und ist ebenfalls im Februar neu in den Vorstand gewählt worden.

Pascal Pastoor (24) studiert Biotechnologie und ist seit fast drei Jahren im Stura, davon anderthalb Jahre im Vorstand und seit Oktober 2019 Vorstandsvorsitzender. Zudem ist er Thüringer Landesvorsitzender des RCDS (Ring Christlich Demokratischer Studenten).

Martin Schmidt (31) studiert Laser/Optotechnologie und ist seit 2013 im Stura und seitdem auch im Vorstand. Zurzeit ist er Haushaltsverantwortlicher des Gremiums. Zudem ist er Schatzmeister des RCDS Thüringen.

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