GEDULDSPROBE

Die Kultur steht still. Clubs, in denen Jenaer Bands und DJs gespielt hätten, kämpfen ums Überleben. Wie überbrückt man die Zeit, wenn Musik das Hobby ist?

Von Undine von Lucadou

Wir stehen bei ersten Wintertemperaturen am Strand22, fünf Minuten zuvor haben die Strandmitarbeiter die letzten Reste der Bar abgebaut. Während wir reden, nippt Paul an seinem Glühwein to go. Paul ist gemeinsam mit Erik der Kern der Band Mamoré, die mit ihrer Musik aus Jena und Erfurt die neue deutsche Welle wiederaufleben lassen. Neben Paul lehnt Jonathan am Rest des Steges der Strandbar. Der DaF-Student ist Schlagzeuger – sowohl bei Mamoré als auch bei der vierköpfigen Hard-Rock-Band Ivory Kashinsky, deren Songtexte die Erlebnisse des fiktiven gleichnamigen Astronauten beschreiben, die sich mit luziden Träumen mischen. Die beiden Studenten erzählen, wie das so ist: Musik machen in Lockdown-Zeiten. „Beim ersten Lockdown hatten wir bei Ivory Kashinsky noch ein bisschen die Attitüde, wir warten erstmal ab, das wird ja nicht allzu lange dauern“, meint Jonathan. Jetzt wird langsam klar, es müssen Alternativen gesucht werden. Alternativen zum Ablauf, den eine Band so hat – seien es Bandproben, der Austausch oder Veranstaltungen. Beide Bands hatten Auftritte, die aufgrund der Pandemie abgesagt wurden. Während es bei Mamoré sehr viele private Gigs gewesen wären, konnte Kashinsky noch mit einem Konzert im Sommer bei der Pandemievertonung des Café Wagner, einer Open-Air-Live-Konzert-Reihe, spielen.
Welche Alternativen das sein können, steht noch etwas im Raum. Berufsmusiker können proben, doch dazu gehören Kashinsky und Mamoré nicht, auch wenn Wiwi-Student Paul das gerne hauptberuflich machen möchte. „Wir von Ivory Kashinsky haben alle Proben weggelassen“, meint Jonathan – trotz der Suche nach Alternativen. „Wir warten jetzt erst einmal ab.“ Im Umfeld von Gitarristen Meise gehört eine Person zur Risikogruppe und auch Jonathans Mitbewohnerin arbeitet mit behinderten Menschen, die mehr gefährdet sind – alles Gründe, die es kompliziert machen.

Früher war alles besser: Die Hard-Rock-Band Ivory Kashinsky im Kulturschlachthof
Foto: privat

„Ich stand am offenen Fenster und habe Flöte gespielt.“

Der zweite Lockdown sei anders als der erste, meinen beide. Paul musste gleich zu Anfang in Quarantäne. „Ich stand immer am offenen Fenster und habe Flöte gespielt“, erzählt Paul, der die Zeit genutzt hat, um neue Instrumente zu lernen, viel Musik gehört und Inspiration gesucht hat. „Langeweile ist echt eine gute Triebfeder für Kreativität“, weiß er der Quarantäne etwas Positives abzuringen. Im jetzigen Lockdown hingegen sind keine Semesterferien, sondern Uni und Arbeit, da bleibe nicht viel Zeit für Inspiration.
Paul ist in vier Bands. Jonathan spielt, seitdem er 12 Jahre alt ist, in Bands und hat schon einige mitgegründet. „Echt schade, wäre das so weitergegangen, hätten wir von Kashinsky wahrscheinlich dieses Jahr noch unser zweites Album herausgebracht“, bedauert Jonathan, der von Paul als Schlagzeuger für Liveauftritte von Mamoré angefragt wurde. Auch die ersten Songs von Mamoré erhielten so positive Resonanz, dass bald die Ambition zu mehr Veröffentlichungen wuchs. Aktuell steht für sie noch ein Livestream vom Jugendamt als Bildungsangebot für Nachwuchsbands an, der Mitte November verschoben wurde und nun in einem größeren Raum aufgezeichnet werden soll.

Aroma-Lieferservice

Ähnlich geht es auch AROMA+, einem Jenaer DJ-Kollektiv von sechs Personen, das sich selbst in die House-Disco-Szene verordnet. In einem Videocall erzählen Daniel, Constantin und Paul stellvertretend für das Kollektiv und geben gleichzeitig eine Ahnung davon, wie der Austausch zurzeit stattfindet: wenn, dann digital. „Es waren unter anderem ein AROMA+-Barbecue und eine Bootsparty geplant,“ berichtet Daniel, der ebenso wie Paul eigentlich eine Veranstaltungsreihe im Kassa hat, von den Sommerplänen. „Mit der Schließung von Clubs fiel dann auch die Perspektive weg, zusammen etwas zu machen“, fügt Paul hinzu. Schwierig sei dadurch auch der fehlende Input, meint Constantin. Als Kollektiv haben die Jungs sich dann zusammengesetzt und überlegt, wie es weitergehen kann. „Ich glaube, das ist die Herausforderung: Irgendwie die Zeit überbrücken – auch wenn nicht absehbar ist, wann es wieder richtig losgeht“, sagt Constantin. AROMA+ habe dann beschlossen, sich auf eigene Veröffentlichungen und einen Podcast zu konzentrieren. Über den auf SoundCloud verfügbaren Podcast AROMAFM versucht das Kollektiv, Künstler sowohl aus der Umgebung als auch deutschlandweit zu featuren,.Sogar zwei DJs aus Russland waren schon dabei. „Das ist immer ein ganz guter, sich gegenseitig befruchtender Effekt, wenn man mit den Leuten wieder ins Gespräch kommt und sich vernetzt“, findet Paul. Er vergleicht die Situation mit einem Pizzalieferservice: „Zu uns können keine Leute auf die Partys kommen, deswegen machen wir Podcasts und schicken die den Leuten nach Hause.“
Ein weiterer positiver Aspekt des Podcasts sei es laut Daniel, am Ball zu bleiben, denn mit fehlenden Aussichten kann auch die Motivation ins Stocken geraten. Durch den Podcast komme er in einen kreativen Prozess. Trotzdem ist die Situation eines Hobbys nicht vergleichbar mit der von Berufsmusikern, betont Paul von AROMA +: „Wir sind ein Kollektiv, das Bock hat, Mucke zu machen, das aber nicht als Job oder Beruf sieht.“ Das Kreative falle aber natürlich trotzdem weg, weil man einfach nicht so viel auflege.

Zeichnung: Elena Stoppel

“Wir müssen jetzt geduldig sein.”

Doch selbst der Zwo20-Livestream, der von dem gleichnamigen Zusammenschluss aller Jenaer Clubs während des ersten Lockdowns gegründet wurde und bei dem AROMA+ auch zweimal aufgelegt hat, liegt gerade auf Eis. Thomas Sperling vom Kassablanca, Geschäftsführer der Gleis 1 GmbH und ehrenamtliches Veranstaltungsmitglied des Vereins, begründet das mit mangelnder Nachfrage seitens der Zuschauenden: „Die ersten Wochen war schon noch was los, aber dann ist das Interesse doch stark gesunken – und das einfach so zum Selbstzweck zu machen, macht gar keinen Sinn.“ Lesungen oder DJ-Workshops, die auch zurzeit immer noch stattfinden, da das Kassa einen Bildungsauftrag verfolgt, könnten da etwas mehr Neugierde und Kommunikation wecken. Im Vergleich zum ersten Lockdown habe sich für das Kassa nicht viel geändert. Im Sommer wollten sie aufgrund der unsicheren Lage nichts veranstalten und als jetzt ein Kooperationsprojekt mit dem Theaterhaus geplant war, setzte der erneute Lockdown ein. Das sei ärgerlich, bedauert Sperling und sendet zugleich den Appell, Geduld zu üben. 

Im Zwiespalt

Die Situation ist und bleibt schwer, das sehen auch Marko und Max vom Vorstand des MedClub so. Auch der MedClub ist Teil des Zwo20-Netzwerks, dessen neueste Idee es ist, daraus eine Art Kulturlobby zu entwickeln, um unter anderem in der Politik die Stimmen der Kulturschaffenden zu bündeln. Den regen Austausch von Zwo20 bestätigt auch Andreas Münkwitz, der Kulturkoordinator des Rosenkellers, für den sich mit dem zweiten Lockdown nicht viel verändert hat: „Wir hatten seit März ein paar Bierverkäufe und dreimal unser beliebtes Format Kneipenquiz. Das wars dann auch schon.“ Ein Verlust vieler gerade staatlich nicht geförderter soziokultureller Clubs wäre nicht nur für die Vielfalt einer Stadt herb, sondern auch für Künstler wie Band Kashinsky, Mamoré und AROMA+, für die ein Spielort wegfallen würde.
Der MedClub musste in den letzten Monaten pandemiebedingt alle Rücklagen aufbrauchen und steht jetzt vor einem großen Fragezeichen – da sie weder einen festangestellten Mitarbeiter haben noch gemeinnützig sind, fallen mögliche Förderungen weg. Erhalten sie aber kein Geld vom Land, ist die Miete nicht tragbar und spätestens im neuen Jahr sehe es schlecht aus, sagt Marko. Zwar sei bei einem Treffen der Jenaer Clubs nach acht Monaten endlich das erste Mal eine Landesabgeordnete, Katja Mitteldorf (DIE LINKE), dabei gewesen, um sich ihre Belange anzuhören, jedoch seien ihre Handlungsmöglichkeiten beschränkt. „Das Problem ist, Politiker können zwar in einer Plenardebatte beschließen, die Clubs finanziell zu unterstützen, aber sie können keine Verwaltungsvorschriften einfach so ändern”, erklärt Max, der selbst auch als DJ auflegt. Wie die Verwaltungen das Geld vergeben, bleibt diesen überlassen, darauf haben die Politiker kaum Einfluss. „Die Förderung scheitert gerade wirklich an Formfehlern”, resümiert Marko und hofft, dass sich noch vor Weihnachten etwas daran ändert. Im neuen Haushaltsentwurf des Stura sind vorerst jeweils 3000 Euro für MedClub, Rosenkeller und das Kassa eingeplant.
Trotz der schwierigen finanziellen Lage war es ihnen als Club jedoch wichtig, im Sommer obgleich der gelockerten Bestimmungen nichts zu veranstalten, um die Infektionen einzudämmen. Diesen Zwiespalt sieht auch Paul von AROMA+, der wieder auf alte Zeiten mit Partys hofft, in denen man sich Arm in Arm liegen kann und sendet gleichzeitig den Appell über Videocall, noch ein paar Monate die Füße still zu halten.

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