“WIR KÖNNEN KEINE EXTRAWURST BRATEN”

Walter Rosenthal ist seit 2014 Präsident der FSU. Ein Gespräch über Krisen, Widersprüche und Präsenzlehre

Das Interview führten Marcel Haak und Tim Große

War der von Ihnen maßgeblich geleitete Umgang mit der Pandemie an der Uni Jena Ihre bislang größte Herausforderung?

Das kann ich nicht bestätigen. In meinen vorherigen Positionen gab es auch schon schwierige Zeiten. Die Pandemie ist jetzt aber eine komplett neue Situation, weil die ganze Gesellschaft über Jahrzehnte nicht mehr in einer Krise war, die vieles verändert und auch zu massiven Einschränkungen von Freiheiten geführt hat.

Wie erklären Sie einem Studierenden, dass er zwar den ganzen Tag bei H&M einkaufen kann, ein 15-Mann-Seminar in einem belüfteten Hörsaal mit Maske und Abstand aber nicht möglich ist?

Ja, also, diese Widersprüche gibt es. Man sitzt zum Beispiel auch eng in den öffentlichen Verkehrsmitteln zusammen, was eine nicht unwichtige Infektionsquelle sein kann. Widersprüche sind ein Merkmal von Krisen und keiner hat die Weisheit gepachtet. Ich finde es legitim, dass man sich in dieser Situation auf ein Paket einigt und mit diesem Paket startet. Im Nachhinein wird keiner präzise sagen können, welchen Anteil die einzelnen Einschränkungen an den Infektionszahlen hatten. Ich persönlich denke, dass die Abstandsregel das Wichtigste ist, weil Corona per Tröpfcheninfektion übertragbar ist. Wenn es jetzt ein perfektes Verhalten gäbe, dann müssten viele Einschränkung vielleicht nicht notwendigerweise vorgenommen werden. Insofern glaube ich auch, dass unsere Universitätsräume mit dem vorliegenden Hygienekonzept und so, wie die Sitze nun freigegeben wurden, ziemlich sichere Räume sind.

Könnten Sie als Präsident jetzt theoretisch einfach sagen, alle Veranstaltungen finden in Präsenz statt?

Das könnten wir machen. Wir haben keine Vorgabe von außen. Insofern sind wir selbst verantwortlich und gestalten die Situation selber. Auch das Gesundheitsamt macht uns keine Auflagen, trotzdem sind wir natürlich eine Uni mitten in der Gesellschaft, deswegen finde ich es wichtig, dass wir uns an dem orientieren, was in dieser Gesellschaft gerade stattfindet. Ich würde es für unverantwortlich halten, jetzt den kompletten Präsenzbetrieb zuzulassen. Insofern müssen wir uns schon einordnen und keine Extrawurst braten. In Thüringen schon mal gar nicht.

Uni-Präsident im Gespräch mit dem Akrützel: Da ist die Freude sichtlich groß.
Foto: Tim Große

Der Präsident der FH in Frankfurt am Main sagt zum Beispiel: Eine Rückkehr zur Präsenzlehre wie vor Corona wäre ignoranter Luxus. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?

Diese Formulierung würde mir nicht über die Lippen kommen. Die Präsenz wird ja vermisst, jetzt gar nicht nur im Sinne der Unterrichtsveranstaltungen, sondern einfach im Austausch der Studierenden untereinander. Bei allen Umfragen wird als großes Manko genannt, dass man sich untereinander nicht austauschen kann. Deswegen würde ich den Zustand, den wir jetzt haben, nicht idealisieren. Es gibt massive Mängel, und die muss man auch sehen. Ich glaube trotzdem, dass die Lehre in Zukunft eine andere sein wird, weil wir natürlich schon gelernt haben, wie wir digitale Lehre besser machen können.
Wir werden in Zukunft auch eine Parallelität von Präsenz- und Digitalveranstaltungen haben, und deswegen muss die Uni auch den passenden Rahmen aufstellen. Wenn man morgens um 9 Uhr für eine Präsenzveranstaltung in die Uni muss und eine Stunde später eine digitale Veranstaltung hat, dann braucht es Räume, in denen man sitzen und an einer digitalen Veranstaltung teilnehmen kann. Es gibt schon die Carrels in der Bibliothek, davon brauchen wir mehr. Insofern denke ich, dass die Präsenz in der Uni in Zukunft eher zunimmt. Ich finde, es ist gut, wenn man nicht mehr sagt, man geht da nur für eine Lehrveranstaltung von 9 bis 11 hin, sondern wenn sich dadurch ein Campusleben mit mehr Austausch entwickelt. Ich hoffe, dass die Krise letzten Endes dazu führt, dass wir einen anderen Umgang miteinander pflegen, mit mehr Präsenz wie an den Unis in den USA oder Schweden etwa. Wenn das bei der Krise herauskommt, ist das ein Gewinn, ohne dass ich die Krise damit beschönigen möchte.

Vielen Dank für das Gespräch.

Mitarbeit: Xueyan Li


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