Mehr als nur Fragen

Hinter lustig gemeinten Sprüchen steckt oft Rassismus.
Unsere Redakteurin berichtet aus ihrem Alltag.

von Xueyan Li

Es ist unumstritten, dass Menschen weniger Sympathie für Menschen haben, die anders als sie selbst aussehen. In einer weißdominierten Welt werden Menschen mit einer anderen Hautfarbe immer anders behandelt als Weiße. Aber bei Rassismus geht es auf keinen Fall nur um das Aussehen, sondern um Kultur, Wirtschaft, Kolonialismus und Stereotype. Aber was soll das heißen? Sollen alle Menschen auf der Welt immer nach dem Standard der Middle Class White People leben? Wer hat Zivilisation definiert?
Bei Jodel, wo man anonym mit anderen schreiben kann, gibt es viele Beiträge, die Menschen im Alltag niemals ausdrücken würden. Einmal klagte eine Person über ihren chinesischen Mitbewohner, weil er nicht auf die Sauberkeit in der WG achtet. Ich als chinesische Studentin kann mir vorstellen, dass er die Wohnung schon sauber gehalten hat und sie nach seinem chinesischen Standard sauber war. Ich muss zugeben, dass ich mich auch gewundert habe, als ich das erste Mal mit Deutschen in einer WG gewohnt habe. Sie haben eine sehr gute Methode fürs Putzen. Aber das bedeutet nicht, dass es falsch ist, wenn Menschen nicht nach deutschen Methoden und Standards auf Sauberkeit achten. Wer nicht nach westlichen Kriterien lebt, sollte nicht verurteilt werden.
Ich habe selbst auch unangenehme Momente erlebt. Ich bin eine totale Katzenliebhaberin. Ein Freund von mir fragt mich deshalb manchmal, ob ich sie auch essen möchte. Er will vielleicht „nur lustig” sein, aber trotzdem ist es mir sehr unangenehm. Auch auf Instagram sehe ich „lustige“ Videos darüber, dass Chinesen Katzen essen. Ich bin in China aufgewachsen und habe dort über 20 Jahre gewohnt. Ich habe in meinem ganzen Leben in China niemals gehört oder gesehen, dass wir Katzen essen. Es kann sein, dass es Einzelfälle gibt, aber durch Verallgemeinerungen ist dieses Stereotyp entstanden.
Eine ähnliche Frage, die mir immer gestellt wird, ist, ob wir wirklich Hundefleisch essen, einmal zum Beispiel von einer britischen Studentin. Meine Antwort war nein. Es gibt zwar Regionen in China, wo Hundefleisch als lokale Spezialität gegessen wird. Aber im Alltag essen wir Schwein, Rind oder Lamm. Dann sagte sie erleichtert: „Zum Glück esst ihr keinen Hund! Sonst wäre ich sehr traurig!“ Leute, bitte hört auf, solche göttlichen Sympathien für Hunde zu zeigen! Wenn man immer so denken würde, wären wir alle Mörder. Im Buddhismus heißt es, dass alle Wesen gleich sind. Wie viele Spinnen oder Ameisen habt ihr getötet?
Ein anderes Mal wurde ich von dem gleichen Freund gefragt, warum wir in China nicht mit Gabel und Messer essen. Na und? Sind wir deshalb „Barbaren” der westlichen Zivilisation gegenüber?
Auch in Europa hat sich das Essen mit der Gabel erst im 19. Jahrhundert durchgesetzt. Es gibt auch Menschen, die in ihren Kulturen mit den Händen essen. Kultur ist etwas, was wir erlernt haben. Niemand sollte verurteilt werden, nur weil er oder sie in einer anderen Kultur auf eine andere Weise erzogen wurde.
Ist es wirklich nötig, solche Fragen zu stellen? Sind sie wirklich nur aus Neugier oder Interesse? Nein. Viele Menschen wollen nur sicher sein, dass ihre Kultur besser ist als die Kultur der anderen.
Es sind nicht nur Stereotype, sondern systematischer Rassismus, der auch mit Sexismus einhergeht. Viele weiße Männer haben die Menschen außer ihnen selbst sexualisiert. Ein Mann, mit dem ich befreundet bin, meinte zu mir: „Du willst bestimmt einen weißen Freund haben, oder? Asiatische Männer sind unattraktiv und klein!” Mir wurde in Europa immer gesagt, dass asiatische Frauen hier als attraktiv gelten. Asiatische Frauen sind sozusagen ein sexueller Fetisch, wobei ihre Menschlichkeit total ignoriert wird. Sie haben keinen Namen, keinen Charakter, keine Gedanken, sie haben nur ein asiatisches Aussehen, wie in den westlichen Filmen. Auch schwarze Mädchen werden immer sexuell imaginiert. Oder sie werden wahlweise als stark, sportlich, wild oder unintelligent charakterisiert.
Gegenüber Weißen gibt es auch Stereotypen. Zum Beispiel, dass weiße Männer für asiatische Frauen attraktiv sind. Aber kennt man negative Stereotype über sie? Nicht wirklich. Macht sie das perfekt? Nein, sie haben nur das Rederecht. Sie bestimmen den Standard der Ästhetik, wie man lebt, sogar wie man sich verlieben soll. Sie verurteilen, werden aber selbst nicht von anderen verurteilt.
Ich habe auch einmal einen rassistischen Fehler gemacht. Ich hatte damals einen Kommilitonen aus London, der eine Afro-Frisur und sehr dunkle Haut hatte. Ein Mädchen sagte ihm, dass er aussehe wie ein Drogendealer. Ich sagte, dass ich erst das gleiche Gefühl hatte. Ich hatte Angst, etwas mit ihm allein zu machen, weil er groß und trainiert ist. Er war sauer auf uns, weil wir ihn aufgrund seines Aussehens verurteilt haben und er, natürlich, in Wirklichkeit total lieb ist. Er sagte, dass es ihn sehr stört, wenn andere ihn aufgrund seines Aussehens verurteilen. Ich habe mich danach bei ihm entschuldigt. Ich versuche immer, andere mit Respekt zu behandeln, in einer Welt voller Rassismus. Das ist nicht übersensibel. Wir alle haben es verdient.

2 Antworten auf „Mehr als nur Fragen“

  1. Marcel J. Paul sagt:

    Vielen Dank für diesen Einblick – Es ist richtig und wichtig, dass Rassismus weiterhin öffentlich-wirksam besprochen und gezeigt wird, wo er auftaucht. Gleichzeitig bedauere ich sich, dass die Autorin derartigen Rassismus erleben musste. Häufig denke ich, dass wir uns überlegen sollten, ob wir wirklich eine fortgeschrittene Spezies / Zivilisation sind (auch in Anbetracht von Sexismus, Homophobie, Ernährung, Energieproduktion, etc.)

    Was ich jedoch etwas kritisch sehe, beziehungsweise hinterfragen wollen würde (und damit möchte ich keiner/keinem Betroffenen das Erlebte absprechen oder die gefühlte Situation herunterspielen) ist, ob es sich tatsächlich bei allen geschilderten Fällen um Rassismus handelt. Wir haben den chinesischen Mitbewohner – regt man sich über jemanden auf, weil er (in der westl. Welt) dreckig ist (tatsächlich dachte ich immer, dass Chines_Innen sauberer sind als der Westen) oder geht es tatsächlich darum, eine “Rasse” / Herkunft abzuwerten? Ich vermute ehrlich gesagt ersteres, auch wenn natürlich die Herkunft für solch eine Aussage überflüssig ist. Beim Putzen sind wir Deutschen tatsächlich sehr pingelich, das erlebe ich bei mir selbst, wenn Besuch kommt und alles “staubfrei” gewischt sein muss – vielleicht ist es ein Relikt der “preußischen Tugend” – ärgerlich auf jeden Fall.
    Beispiel Katze: Es ist ein häufig genanntes Vorurteil, was denen zugeschrieben wird, die asiatisch aussehen – keine Frage. Nun ist es aber ein Freund und ich wundere mich, wieso er sowas macht. Hast du ihn darüber einmal aufgeklärt und gesagt, dass es nicht nur “nicht witzig” ist, sondern dich auch persönlich verletzt? Wenn ja, frage ich mich, wie er immer noch ein Freund sein kann.

    Worauf ich schließlich hinaus möchte, ist, dass ich davon ausgehe, dass wir alle (und hier möchte ich zu deiner Aussage: “Sie [die alten weißen Männer] bestimmen den Standard der Ästhetik […]” kritisch Stellung nehmen) bilden die Stereotype in unserer Gesellschaft. Wenn mir (M) eine Frau sagt, ich solle nicht heulen “wie ein Mädchen” ist sie (an dieser Stelle) zweierlei sexistisch (z.B.). Dass du dein eigenes Argument (“Sie [die alten weißen Männer] bestimmen den Standard der Ästhetik […]”) selbst am Ende auflöst (Ich habe auch einmal einen rassistischen Fehler gemacht), ist dir anscheinend gar nicht aufgefallen. Ich will dich dafür auch nicht verurteilen, ich denke (mich natürlich mit eingeschlossen) betreiben in unserer Welt weiterhin Rassismus und Sexismus, aktiv und passiv. Niemand ist davon ausgeschlossen. In der westlichen Welt wird das sehr deutlich: hier haben wir noch institutionellen und systematischen Rassismus/Sexismus, der natürlich nicht auf Weiße / Männer zutrifft. Dass dennoch Männer (denken wir an den jüngsten Film auf Netflix: 365 Days) und Weiße aber auch immer noch aufgrund ihres Geschlechts / ihrer Hautfarbe stilisiert werden, sollte nicht missachtet werden. Ja, auch Männer erfahren Sexismus. Ja, auch Weiße erfahren Rassismus (z.B. wenn man aufgrund seiner Hautfarbe verprügelt wird) (ohne das zu rechtfertigen). Wir sollten als Gesellschaft *ganzheitlich* gegen Rassismus / Sexismus vorgehen und auch merken, dass wir alle unseren Teil dazu beitragen. Zu sagen: die bösen Weißen / die bösen Männer ist hinsichtlich der institutionellen und systematischen Unterdrückung ihres Gegenparts vermutlich richtig, aber für eine Lösungsfindung nicht zielorientiert. Gegenwärtig (junge) lebende Weiße / Männer für die Taten ihrer “Vorfahren” zu verunglimpfen ist nicht richtig. Es ist aber wichtig, dass wir auf die Geschichte aufmerksam machen. Es ist wichtig, dass wir (z.B. mit BLM) auf aktuelle Geschehnisse hinweisen und jene, die dann eben doch noch rassistisch / sexistisch-motiviert handeln, in ihre Schranken weisen und auf sie zeigen! Dass es dahingehend aber nur “Alte, weiße Männer” sind, bezweifle ich, wie bereits gesagt. – Aber ich bin schon wieder zu sehr ausgeschweift: Danke für deinen Bericht!

  2. Filou sagt:

    Liebe Xueyan Li, danke für deinen Beitrag und das mitteilen deiner Erfahrungen.
    Was für ein unerträgliches Kommentar des Marcel J Paul. Scheinbar hat er nicht verstanden, was Rassismus ist, wie er wirkt und in unseren Denk- sowie gesellschaftlichen Strukturen tief verankert ist.

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