„Wie lange wollen wir noch warten?”

500 Menschen demonstrierten Ende Juni in Jena gegen Rassismus und
Polizeigewalt. Sie forderten unter anderem die Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und mehr antirassistische Bildung.

von Robert Gruhne

Acht Minuten und 46 Sekunden. So lange schwiegen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer zu Beginn einer Kundgebung auf dem Holzmarkt, die sich gegen Rassismus richtete. Gegen genau den individuellen und systemischen Rassismus, der vier Wochen vorher dazu führte, dass George Floyd in den USA getötet wurde – von einem Polizisten, der sich acht Minuten und 46 Sekunden lang auf seinen Hals kniete.
Viele Menschen weltweit hat diese Tat wütend gemacht und empört. Doch Empörung reicht nicht, schreiben die veranstaltenden Organisationen in ihrem Demoaufruf: „Der Moment für Empörung ist jetzt, war gestern, vor einem Jahr, vor 10, vor 500 Jahren, er wird auch morgen sein und übermorgen!” Die Initiativen fordern ein entschlossenes Handeln gegen Rassismus und Polizeigewalt. Anders als eine erste Demo zur Solidarisierung mit der #blacklivesmatter-Bewegung Anfang Juni wurde die jetzige nur von BIPOC-Organisationen initiiert, unter anderem der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, dem Migrations- und Integrationsbeirat der Stadt Jena und MigraNetz Thüringen.
Erster Stop der Demo, zu der etwa 500 Menschen kamen, war vor dem Bürgerservice am Löbdergraben, um auf systemischen Rassismus, gerade von Behörden, hinzuweisen. Dieser solle endlich anerkannt und geändert werden, lautet ein Ziel der Initiativen. Im Vorhinein war bereits eine Liste mit Forderungen veröffentlicht worden. Neben der Aufarbeitung der Kolonialgeschichte und einer Bildungsreform fordern die Organisationen unter anderem ein Landesantidiskriminierungsgesetz, eine unabhängige Polizeibeschwerdestelle und Antidiskriminierungstrainings für die Polizei.
Abseits der Redebeiträge war die Demo still, keine Parolen wurden gerufen. Das zum großen Teil weiße Publikum hörte zu. Rea Mauersberger, die Vorsitzende des Migrations- und Integrationsbeirats der Stadt Jena, sprach diesen nicht von Rassismus betroffenen Teil der Demo direkt an: „Wir wollen nicht mehr nur eure Solidarität. Wir erwarten, dass auch ihr euch mit der Frage auseinandersetzt: Wie lange sollen noch Menschen getötet werden?” Sie kenne viele Leute, die aufgrund von rassistischer Gewalt schon ins Krankenhaus mussten. Immer wieder fragte Mauersberger die Demonstrierenden, die sich gegen Ende der Kundgebung im Faulloch versammelt hatten: „Wie lange wollen wir noch warten?”

Foto: Xuyen Li

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