Weg mit dem Eurozentrismus!

Die Bildungssysteme in Europa und Afrika fördern Rassismus, meint Daniel Ayuk Mbi Egbe. Das Akrützel veröffentlicht seine Rede von der Jenaer Demo gegen Rassismus vom 25. Juni in gekürzter Form.

Anlass dieser Demo ist das Gedenken an das rassistisch bedingte Ermorden des Afroamerikaners George Flyod durch einen weißen Polizisten in den USA. Der Polizist kniete 8 Minuten und 46 Sekunden auf seinem Hals. Es war schockierend, das anzuschauen!
Genauso war für mich 1992 schockierend, zu sehen, wie ein Heim mit Migranten aus Vietnam in Rostock in Brand gesetzt wurde und wie die weiße deutsche Bevölkerung daneben stand und klatschte. Die Bilder wurden vor meiner Abreise nach Deutschland 1992 immer wieder im kamerunischen Fernsehen ausgestrahlt und kommentiert. Damals fragten mich meine Bekannten, ob ich in einer solch ausländerfeindlichen Atmosphäre wirklich nach Ostdeutschland zum Studium reisen wollte. Ich bekam Angst!
Ich fing an, nachzudenken, zu philosophieren: Was bedeutete überhaupt Entwicklung? Ich stellte die Unterteilung der Welt in entwickelte Länder (wie zum Beispiel Deutschland) und unterentwickelte Länder (wie zum Beispiel Kamerun) in Frage. Beschränkte sich die Entwicklung nur auf technologische Entwicklung? Wie war es mit dem Umgang mit seinen Mitmenschen? Wie konnte ein Land wie Deutschland sich als entwickelt bezeichnen, wenn ein Teil seiner Bevölkerung vor brennenden Asylheimen jubelte? Oder war dies nicht ein Zeichen der schlimmsten Unterentwicklung?
Mit diesen Gedanken kam ich am 18. Oktober 1992 in Jena an. Ich wurde von einer Gruppe christlicher Studenten empfangen und betreut, bis ich zwei Tage später ins Wohnheim zog. Trotz dieses warmen Empfangs waren meine ersten Tage in Jena mit Angst erfüllt: der Angst vor dem weißen Mann. Die Rostocker Bilder noch im Kopf, hatte ich Angst, in der
Dunkelheit angegriffen zu werden. Ich erfuhr damals wie jede aus dem Ausland kommende Person den Fragenkatalog der Einheimischen: Wie heißt du? Woher kommst du? Was machst du hier? Wann gehst du zurück? Diese letzte Frage hatte mich immer irritiert und mir das Gefühl gegeben, nicht willkommen zu sein.
Willkommen fühlte ich mich trotzdem durch den Einsatz von vielen Menschen, die mir das Leben in Jena von Anfang an lebenswürdig machten. Durch sie ist Jena mein Dorf geworden. Dorf in afrikanischem Sinn bedeutet Heimat, das Zuhause. Jena ist mein Zuhause!
Aber durch meine dunklere Hautfarbe, verursacht durch hohen Melaningehalt, falle ich in Deutschland auf. Dadurch habe ich wie andere Menschen mit hohem Melaningehalt auch Ablehnung erfahren: auf der Straße, in der Kirche, in der Familie, bei Behörden und so weiter. Wir leben in einer Gesellschaft, in der systemischer Rassismus herrscht.
Drei Beispiele, die mich geprägt haben: Erstens: Eines Abends im Jahr 1994 nahm ich als Student den Bus vom Stadtzentrum Richtung Winzerla. Eine Gruppe von vier betrunkenen Jugendlichen sah mich einsteigen. Sie fingen an, laut zu brüllen: “Nger raus! Nger raus!” Sie stiegen hinter mir ein und setzten ihr Brüllen fort. Ich bekam fürchterliche Angst. Im Bus kamen sie in meine Richtung. Ich dachte, sie greifen mich an. Aber stattdessen griffen sie einen unbeteiligten weißen Jungen an. Der Junge lief in Richtung des Fahrers und wurde dann in Ruhe gelassen. Ich hatte einen Schutzengel gehabt! Gott sei Dank bin ich bisher nur verbal angegriffen worden.
Zweitens: Eine Angestellte der Personalabteilung der FSU Jena schikanierte mich und machte mir von 1996 bis 1999 das Leben schwer, als ich als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut für Organische Chemie und Makromolekulare Chemie beschäftigt war. Sie wollte zum Beispiel bestimmen, wie lange ich in Deutschland bleiben durfte. Sie ärgerte sich immer, wenn die Ausländerbehörde mir einen längeren Aufenthalt gewährte als die Dauer meines Arbeitsvertrages an der Uni.
Drittens: Eines Tages vor vielen Jahren begegnete mir vor der Goethe-Galerie eine Mutter mit ihrem Kind auf dem Dreirad. Das Kind zeigte auf mich und schrie “Nger! Nger! Nger!”. Es muss zwei oder drei Jahre alt gewesen sein. Die Mutter, die das Dreirad schob, wurde rot. Weder dieses Kind auf dem Dreirad, noch andere Kinder weltweit werden mit rassistischer oder fremdenfeindlicher Gesinnung geboren. Sie werden rassistisch erzogen – durch was sie sehen und hören. Wenn ein Kind in Werbungen für Spendenaufrufe ständig afrikanische Kinder mit laufenden Nasen und Fliegen auf dem Gesicht sieht und wenn es im Fernsehen nur von Armut und Kriegen in Afrika hört, bekommt es ein total negatives Bild von Afrika und seinen Menschen. Wenn es auch im Unterricht nur über Errungenschaften von Europäerinnen hört und wenig oder nichts Positives über Afrika, dann fühlt es sich den Afrikanerinnen erhaben. Auch der Lehrinhalt in Afrika ist so eurozentrisch aufgebaut, was dazu führt, dass über 90 Prozent der Afrikanerinnen mehr über Europa als über ihr eigenes Land und ihren eigenen Kontinent wissen, was zu Minderwertigkeitskomplexen führt.
Dieses eurozentrische Bildungssystem in Europa und Afrika fördert Rassismus, Afrophobie und Fremdenfeindlichkeit. Nur durch Reformen der Bildungsinhalte können diese abgebaut werden. Die Bildungsinhalte in Deutschland müssen weltoffen werden. Wissen über die Errungenschaften der Völker Afrikas und anderer Länder muss den Schüler*innen vermittelt werden, um zur Wertschätzung von Menschen anderer Länder beizutragen. Die Dekolonialisierung der Lehrinhalte in Afrika muss
vorangetrieben werden. Ein gebildeter, selbstbewusster Afrikaner und eine gebildete, selbstbewusste Afrikanerin tragen längerfristig zum Abbau von Rassismus in Deutschland und weltweit bei. Wir müssen von einem eurozentrischen Bildungsansatz zu einem weltgerechten Bildungsansatz übergehen!
Der Abbau von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit braucht einen sehr langen Atem und den Willen dazu. 2019 wurde in Jena eine Erklärung mit dem Titel “Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung” verfasst und proklamiert. Als Stadt des Lichts und als Stadt dieser Erklärung sollte Jena Vorbild für den Abbau von Rassismus und Afrophobie werden!

Daniel Egbe spricht vorm Jenaer Bürgerservice.
Foto: Xueyan Li

Kurzbiografie
Daniel Ayuk Mbi Egbe kommt ursprünglich aus Kamerun und lebt seit 1992 in Jena. Er studierte, promovierte und habilitierte hier in Chemie. Heute leitet er das African Network for Solar Energy (ANSOLE), das sich für Bildung und Forschung im Bereich Erneuerbare Energien in Afrika einsetzt. Der Verein führt auch Projekte in Kindergärten und Schulen durch, in denen Errungenschaften von Menschen afrikanischer Herkunft vorgestellt werden.

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