Gemeinsam Einsam

Epidemie der Moderne, Untergang der Gesellschaft, Kehrseite der Digitalisierung – die Einsamkeit trug schon viele Namen. Der Neueste: Social Distancing

von Luise Vetter

Einsam ist, wer sich einsam fühlt. Während Alleinsein nur den rein objektiven Zustand beschreibt, in dem der Mensch für sich anstatt in Gesellschaft ist, ist es erst die Einsamkeit, die diesen negativ wertet. Zwar ist der Mensch als soziales Wesen zum Überleben nicht mehr auf die Gemeinschaft angewiesen, das Verlangen nach sozialen Kontakten ist aber tief in ihm verwurzelt. Somit ist es kein Wunder, dass der Verzicht darauf psychische und physische Folgen mit sich bringt, die sich unmittelbar und langfristig bemerkbar machen. 
Alleinsein war in den letzten Wochen und Monaten Pflicht. Ob introvertiert oder extrovertiert, aktiv auf sozialen Netzwerken oder nicht, trotz Videotelefonaten mit der Familie, Onlinekonzerten mit Freunden und Kontakt zu Mitbewohnern – früher oder später wurde aus dem Alleinsein ein Einsam-Sein. 
Wann genau dieser Punkt erreicht ist, ist von Person zu Person unterschiedlich. Nicht jeder, der die Zeit allein verbracht hat, musste sich einsam fühlen und genauso musste nicht jeder, der sich einsam fühlte, völlig allein sein. Einsamkeit ist eine subjektive Erfahrung einer Diskrepanz zwischen gewollten und tatsächlichen sozialen Kontakten, das Gefühl eines Mangels und Leidens. Mangel bezieht sich dabei nicht nur auf die Anzahl der Beziehungen, sondern vielmehr auf ihre Qualität. Indem der Kontakt zu anderen auf Nachrichtendienste und soziale Netzwerke verschoben wurde, kann diese plötzlich ganz anders erfahren werden und das Gefühl der Einsamkeit verstärken. 

Die junge Generation und Frauen

Ein grundverschiedenes Gefühl der Einsamkeit zeigt sich in der älteren Generation, der oft nicht
einmal der digitale Kontakt zur Verfügung steht. Die Annahme, vor allem alte Leute seien einsam, ist jedoch schon lange überholt. Es wird vielmehr von einem Fluktuieren ausgegangen, das im Übergang von Schule zu Universität oder Ausbildung, in den dreißiger Jahren sowie im Rentenalter am höchsten ist. Erste Studien aus der Corona-Krise bekräftigen dies, indem sie zu erkennen geben, dass es vor allem die junge Generation und Frauen sind, denen die Einsamkeit größere Last bereitet. 

Bewegung, frische Luft und Kommunikation

Auf die Dauer kam keiner daran vorbei, sich damit auseinandersetzen zu müssen, dass es ihr oder ihm gerade an etwas fehlt: an sozialen Kontakten, an körperlicher Nähe, an innigen Gesprächen von Angesicht zu Angesicht, an flüchtigen Wiedersehen von Bekannten. Einsamkeit ist in ungewohnten und ungewissen Zeiten eine normale Reaktion, eine Phase, die vorübergeht und gegebenenfalls auch positive Nachwirkungen mit sich bringt. Studieninhalte können nachgeholt, Kreativität angeregt und Hobbies wiederentdeckt werden. Die Zeit allein bietet die Möglichkeit zum Nachdenken über die eigene Person, Beziehungen, Ziele und Werte. Das Alltägliche wird in seiner Abwesenheit zum Besonderen, das geschätzt und ersehnt wird. 
Doch der Übergang vom Alleinsein zurück in die Normalität fällt nicht allen so leicht. Während temporäre Einsamkeit sich, sobald die Richtlinien sich lockern, ebenso verflüchtigt, kann sie ohne die richtige Unterstützung auch in einer längerfristigen Einsamkeit mit gesundheitlichen Folgeschäden münden. Vor allem Personen, die schon zuvor Risikofaktoren für psychische Probleme aufgewiesen haben, stellt sich diese Gefahr. Aber auch Menschen mit Migrationshintergrund, psychischen und körperlichen Vorerkrankungen sowie sozial und finanziell Schlechtgestellte können mit größerer Wahrscheinlichkeit und in größerem Ausmaß von der Einsamkeit betroffen sein. Auch Austauschstudierenden aus gemeinschaftlicheren Kulturen, Studierende in Einzimmerwohnungen oder WGs ohne freundschaftlich-familiäre Verhältnisse, und Erstsemestern kann die Einsamkeit besonders zur Last fallen. Hinzu kommt der Bruch mit dem Alltag, der Wegfall von Freizeitaktivitäten, Ängste und Sorgen um Familienmitglieder und die eigene Zukunft. Die Folgen der Einsamkeit reichen von schlechten Ernährungs-, Schlaf- und Bewegungsgewohnheiten, Stress und Überforderung im Studium, bis hin zu Suchterkrankungen, Depressionen, Angsterkrankungen, sowie chronischen körperlichen Erkrankungen. 
Wie kann den psychischen und körperlichen Folgen der Einsamkeit also vorgebeugt und sich gleichzeitig an Sicherheitsvorkehrungen gehalten werden? Der Arzt und Psychotherapeut Dr. Ekkehard Seidler rät vor allem zum Verlassen des Hauses: „Wenn man raus geht und Fahrrad fährt oder spazieren geht, trifft man fast immer Leute, die ebenfalls allein unterwegs sind, mit denen man sich unterhalten kann – dazu muss man sich nicht in Gruppen treffen oder auf engem Raum zusammen sein,“ Bewegung, frische Luft und Kommunikation, erklärt er, sind unerlässlich und wirken der Einsamkeit entgegen. 

Holt euch Hilfe!

Wenn die Einsamkeit jedoch krankheitswertig wird, Leidensdruck bis hin zu Ängsten und Depressionen auslöst, rät Seidler: „Holt euch Hilfe und fresst es nicht in euch hinein.“ Die eigenen Gefühle zu akzeptieren, darüber zu reden und Hilfe zu beanspruchen sind keine Zeichen von Schwäche. Das Studierendenwerk bietet für diese Zeit psychosoziale und finanzielle Onlineberatung an, Therapeuten bieten Sprechstunden via Telefon- oder Videochat an, und auch auf Online-Initiativen wie iFightDepression lassen sich Informationen, Ratschläge und Hilfe finden. Seidler weist auch auf die Therapeutenliste der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringens hin, die seriöse und den jeweiligen Anliegen der Patienten entsprechende Ergebnisse liefere.
Soziale Netzwerke, auf denen für Solidarität und Unterstützung für die Gemeinschaft, die Arbeitenden und die Marginalisierten plädiert wird, wo positive Affirmationen und Tipps verbreitet werden und Kontakt zu Familie und Freunden gehalten werden kann, erleichtern die Situation kurzzeitig. Seidler betont jedoch die Gefahr, nur virtuelle Kontakte zu pflegen. Diese seien kein Ersatz für reale Kontakte.
Mit dem Start des neuen Semesters, der langsamen Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen und der vorsichtigen Wiedereröffnung öffentlicher Plätze und Geschäfte kehrt zuletzt etwas Normalität, Geselligkeit und Struktur in das Alltagsleben zurück. Wenngleich die Corona-Krise so schnell nicht vorbei und vergessen sein wird, ist jetzt der Moment, um sich mit den eigenen Gefühlen auseinanderzusetzen, sich mit anderen darüber auszutauschen und Hilfe anzufordern und anzunehmen. 

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