Back to the roots

Die Pandemie hat die Welt wieder viel kleiner gemacht – deshalb richten wir den Blick auf die unmittelbare landwirtschaftliche Umgebung.

von Annika Nagel

Spargel muss geerntet werden, sobald sich auf dem Erdwall Risse bilden, weil die Stängel von unten schieben. „Doch dieses Jahr hat man ihn einfach weiterwachsen lassen, weil niemand da war, um ihn zu ernten“, berichtet Hans Esser, Obst- und Gemüsehändler auf dem Jenaer Wochenmarkt. Nicht nur beim Spargel fallen die Erträge in diesem Jahr schlechter aus, denn seit Beginn der Pandemie fehlen die Erntehelfer. Esser kommt selbst aus der Landwirtschaft und weiß, dass weniger als 500 Hektar Fläche nicht lohnenswert bewirtschaftet werden können. Eine so große Fläche fordert jedoch Arbeitskräfte. Er findet, dass die Globalisierung der Landwirtschaft Vor- und Nachteile habe: „Zum einen muss ein Kind, das im Januar Geburtstag hat, nicht auf seine Erdbeertorte verzichten und die Mangos aus Peru muss schließlich auch jemand abnehmen; zum anderen muss alles ein Verhältnis haben. Was wir selbst anbauen können, müssen wir nicht einführen.“

Klick. Klick. Regio.

Die Ökomarkt-Gemeinschaft bietet eine Möglichkeit, um bequem an Bio- sowie regionale Produkte zu kommen. Die 2016 gegründete Initiative von Biobauern aus Ostthüringen und Westsachsen möchte bei der Vermarktung ihrer Produkte selbst mitbestimmen. Die insgesamt elf Gesellschafter bieten einen Lieferdienst für Wiederverkäufer, Verarbeiter, aber auch Privathaushalte an.
Dabei kann zwischen verschiedenen Abo-Kisten zum Preis von 2,30 bis 20 Euro gewählt werden, von bio und regional über vegetarisch und vegan bis hin zu Apfel- oder Salatkisten. Seit diesem Jahr baut die Gemeinschaft zusätzlich regionales Feingemüse, zu dem unter anderem Tomaten und Spinat gehören, an.
Der Ökomarkt verzeichnet ein kontinuierliches Kundenwachstum. „Zurzeit ist natürlich die Nachfrage von Abnehmern aus der Gastronomie eingebrochen“, berichtet Anne Häßelbarth, die Geschäftsführerin. „Die Nachfrage von Privathaushalten ist jedoch gestiegen.” Unklar dabei bleibt die Motivation: Sind es Personen aus Risikogruppen, Personen die unter diesen Bedingungen Supermärkte meiden oder sind es diejenigen, die Wert auf regionale Produkte legen? „Ob die Kaufkraft nachhaltig bleibt oder gegen Ende des Jahres sinkt, wird sich zeigen“, sagt Häßelbarth.

Frisches aus der Region.
Foto: Annika Nagel

Ein kleiner Spaziergang

Eine erhöhte Kaufkraft bemerken auch Händler auf dem Jenaer Wochenmarkt. Die Bäckerei Karsten Schroeder aus Eisenberg setzt auf Tradition und Regionalität bei der Herstellung ihrer Produkte. Andrea Schroeder bemerkt aus ihrem Bäckereiwagen heraus einen Wandel in der Kundenstruktur: „Es sind mehr Leute auf dem Markt und die Kundschaft ist jünger geworden, vor allem junge Familien“, beobachtet sie.
Gemüsehändler Esser führt den höheren Kundenandrang auf die entspanntere Stimmung im Vergleich zum Supermarkt zurück, die auf dem Wochenmarkt herrscht, und bemerkt: „Die Leute kaufen deutlich bewusster ein, vor allem die unter 30 Jahren.“

Entspannte Stimmung auf dem Wochenmarkt.
Foto: Dominik Itzigehl

Hände schmutzig machen

Wer selbst Hand anlegen möchte, kann bei Flussland Jena Urban Gardening betreiben. Das bedeutet, dass städtische Flächen gärtnerisch genutzt werden. Die Initiative von Norbert Sauter gibt es seit 2017, hier können 50 oder 100 Quadratmeter große Parzellen für eine Saison gepachtet werden. Diese reicht von Mai bis November. In dieser Zeit werden circa 20 verschiedene Gemüsesorten angebaut. Beim Aussäen sollte geholfen werden, dafür kann die eigene Parzelle auch mitgestaltet werden. Die Ernte steht in eigener Verantwortung, wie auch das Unkrautzupfen. Arbeitsgeräte dafür befinden sich in einem Bauwagen auf dem Gelände. „Das ist ein notwendiges Übel, man sollte schon Spaß am Gärtnern haben. Aber wenn man sich kümmert, ist der Ertrag höher“, sagt Caroline Bellstedt, die an der EAH Laser- und Optotechnik studiert. Ihre Eltern teilen sich seit dem vorigen Jahr mit einer weiteren Familie eine 50 Quadratmeter große Parzelle. Das sei auch nötig, meint Caroline, denn der Ertrag sei recht hoch: „In der Zeit haben wir kein Gemüse extra kaufen müssen, aber manchmal hat man auch zu viel und muss sehen, wie man zum Beispiel mehrere Kilo Zucchini verwertet.“
„Man lernt neue Sachen kennen“, meint Mintje Zorn, die mit ihrer WG, bestehend aus fünf Leuten, für eine Saison eine Parzelle gepachtet hatte. „Mangold zum Beispiel stand vorher nicht auf meinem Speiseplan.“ Für einen relativ kleinen Aufwand bekomme man einen guten Ertrag und einen anderen Bezug zu Lebensmitteln, sagt Mintje. „Die Arbeit sensibilisiert einen, was Qualität, Saisonalität und Regionalität angeht, aber auch, was für Arbeit drinsteckt. Dadurch konsumiert man bewusster. Das merke ich noch jetzt.“
Man bekommt ein gutes Gefühl dafür, wann das Gemüse reif ist, bestätigt Caroline: „Es ist schön, einfach vorbeizugehen, einen Salat zu stechen und mit einem Korb voll frischem Gemüse nach Hause zu gehen.“
Das Flussland bietet neben der Möglichkeit, sich im Gemüseanbau auszuprobieren, auch kulturellen Austausch, von Vorträgen über gemeinsame Sommerabende bis zum Feiern des Erntedankfestes.

Caroline beimUnkrautzupfen.
Foto: Privat

Sei dein eigener Herr

Wer ganz sein eigenes Ding machen will, könnte sich Nico Heinrich zum Vorbild nehmen. Das Ziel des Biologiestudenten ist es, Selbstversorger zu werden. Das Wissen dafür hat er sich durch Learning by Doing angeeignet: „Man muss sich schnell abgewöhnen, anbauen zu wollen, was man will, sondern was geht.“
Er besitzt seit fünf Jahren einen Schrebergarten, in dem er Obst und Gemüse anpflanzt. Jeder, der sich einen Schrebergarten mit Wegen, geraden Reihen und Gartenzwergen vorstellt, würde Nicos Garten als verwildert beschreiben. Die Anfangszeit hat er damit zugebracht, den Boden mit Nährstoffen anzureichern und dafür zu sorgen, dass er gut Wasser hält. Um das zu erreichen, liegt bei ihm keine Erde offen.
Er muss sich regelmäßig vor seinen Nachbarn rechtfertigen, die vieles in seinem Garten für Unkraut halten. „Ich arbeite in einem Kreislaufsystem: Aus den Brennnesseln und anderem Unkraut mache ich Jauche und dünge damit“, erklärt er.
Seine Art des Anbaus hat Vor- und Nachteile: Zum einen trägt er zum Erhalt der Artendiversität bei, durch seine Wahl der Samen und den Lebensraum für Schmetterlinge und Bienen; zum anderen hat er Einbußen durch Schädlinge. „Ich habe eine ambivalente Beziehung zu meinen Wühlmäusen, sie kosten mich etwas, aber dafür halten sie meinen Boden locker.“

Nico zwischen Kartoffeln und Brennnesseln.
Foto: Dominik Itzigehl

Es gibt auch einen kleinen Teich voller Kaulquappen, aber Kröten sind wohl nie daraus geworden, weil sie vorher von der Ringelnatter gefressen wurden, meint Nico. „Es ist ein Kompliment für ein Ökosystem, wenn sich eine Schlange dort niederlässt“, erklärt er.
Als Kleingärtner ist er zu Ordnung, aber auch Artenschutz verpflichtet und muss mindestens ein Drittel seiner Fläche für Gemüseanbau aufwenden. Die Stadt achtet genau darauf, ob die Regularien eingehalten werden, denn die Schrebergartenanlagen sind teures Bauland.
Trotz der Ganzheitlichkeit seiner Kleinwirtschaft versucht er, mehr System in den Garten zu bekommen. Der Garten solle aussehen wie eine Pizza, auf der immer die gegenüberliegenden Stücke gleich belegt sind und das „Unkraut“ eher nach außen soll. „Selbstversorger sein hört bei mir beim Garten nicht auf“, sagt er, pflückt eine Pflanze vom Wegesrand und isst sie. Ein Traum ist, sich auch mit dem Anbau von Gemüse selbstständig machen zu können.
Jena bietet für jeden die Möglichkeit, mit mehr oder weniger eigenem Aufwand die regionale Wirtschaft zu unterstützen und dabei das eigene Wissen, Fähigkeiten und den Horizont zu erweitern.

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