Ohne Impfstoff keine Party?

Stille statt Technobeats, Leere statt Lesebühne – wie sie die derzeitige Situation erleben, haben Jenaer Clubs dem Akrützel erzählt.

von Undine von Lucadou

Eigentlich sei zu dieser Zeit Hochbetrieb, der gerade auch deshalb wichtig wäre, um das Sommerloch etwas abzumildern, erzählt Benjamin Krense, Geschäftsführer des Café Wagner Vereins. „Die Leute hätten jetzt alle schon auf dem Balkon gesessen und abends wären natürlich Veranstaltungen gewesen“, berichtet er, dessen Alltag sich um 180 Grad gewendet hat. Krense ist damit nicht allein, es geht allen Kulturveranstaltern so. Thomas Sperling vom Kassablanca, Geschäftsführer der GmbH und ehrenamtlicher Veranstalter im Verein, bestätigt das. Wie lange dieses anfänglich gestaffelte Runterfahren der kulturellen Veranstaltungen dauern würde, sei anfangs nicht klar gewesen, stellt er fest. In diesen Tagen kann er nun aber ganz klar sagen: „Das Motto ist: Ohne Impfstoff keine Party!“

Heißt für die Veranstaltenden: massiver Druck, keine klare Frist, keine Handlungsperspektiven. Genau das ist anstrengend. Krense lobt zwar die Transparenz der Politik in der Krise, wünscht sich aber klare Ansagen und einen Zeithorizont – gerade vor dem Hintergrund, dass das Café Wagner sich nur noch über den Mai halten kann. „Aber Juni – da müssen wir dann schon nochmal gucken.“ 

Seit einem Monat keine Party mehr im Kassa. Foto: Dominik Itzigehl

Keine Planungssicherheit

Bis Jahresende könnte hingegen das Kassa überleben – mit Kurzarbeitergeld und Unterstützung seitens der Stadt. Und der Rosenkeller? „In zwei, spätestens drei Monaten könnte es eng werden“, mahnt Kulturkoordinator Andreas Münkwitz, für den das Zahlen der laufenden Kosten die größte Herausforderung ist – ohne auch nur einen einzigen Euro an Einnahmen generieren zu können. „Absagen internationaler Bands aufgrund der Reisebestimmungen, Absagen von Fachschaftspartys, da das Semester auch nicht wie geplant stattfinden kann“, zählt Münkwitz auf. „Wir haben aktuell so gut wie keine Planungssicherheit. Trotzdem laufen die Verschiebungen der einzelnen Veranstaltungen auf Hochtouren.“

Die Uhr tickt. Bis zum Sommer ist es nicht mehr lang, auch wenn ab dem 15. Mai nun nach dem neuesten bundesweiten Beschluss Lockerungen kommen sollen. Bezüglich der Öffnung von Bars, Diskotheken und Kultur- und Großveranstaltungen erhalten die Städte und Landkreise Thüringens mehr Entscheidungsfreiheit. Noch weist der Jenaer Krisenstab auf der Website der Stadt jedoch darauf hin, dass die verkündeten Lockerungen bisher nur Ankündigungen sind. „Manche Meldungen haben suggeriert, dass zum Beispiel die Gastronomie sofort öffnen könne. Dies ist aber nicht so“, heißt es dort.

Erste Auffangmöglichkeiten, wie den eigens eingerichteten Mitnahmeservice „Pandemieverkostung“ des Wagners, aber auch das Projekt „Zwo20.Live“ und das Soli-Ticket, das für zahlreiche Jenaer Clubs gilt, geben kleine Perspektiven. Anstatt zu warten, haben sich die Jenaer Clubs gleich zu Anfang – unter der Initiative des Kassas – versammelt. Gemeinsam dokumentierten sie bei diesem Treffen ihre jeweilige Situation und übergaben die Bestandsaufnahme auch an JenaKultur. Dabei entstand die Idee des Soli-Tickets. Auch direkte Spenden, Unterstützung durch die LAG Soziokultur und beispielsweise der Kauf von Merch bei Be my Quarantinehe lfen helfen den Clubs bereits etwas weiter, sagt Münkwitz.
Jonas Zipf, der Werkleiter von JenaKultur, lobt dieses gemeinsame Zusammentun und die wertfreie Berichterstattung der freien Veranstalter. Dies könne durchaus als solidarische, geschlossene Geste der Kultur gegenüber der Politik gewertet werden und trage somit auch zu einer Reduzierung der Komplexität bei. 

Komplex ist die Situation gerade auch bei JenaKultur, das nicht nur der größte Kulturakteur der Stadt, sondern auch Kulturamt ist, und an dessen Gesamtzuschuss die staatlich finanzierten Kulturinstitutionen Jenas hängen. „Die Situation ist sehr angespannt“, berichtet Zipf, dessen Mitarbeiter von JenaKultur in den letzten Wochen auch aktiv in das Krisenmanagement der Stadt eingebunden waren. „Da waren beispielsweise Musiker der Philharmonie, die Fieberhotline-Sprechstunden gegeben haben“, erzählt Zipf, der die Krise für den Kulturbereich in drei sich überlappende Phasen unterteilt. 

In der ersten Phase des schnellen Reagierens auf die Situation habe noch große Solidarität und Besonnenheit geherrscht. Für die plädiert Zipf weiterhin, denn in der jetzigen zweiten Phase entstehe sehr viel Druck durch die Existenznöte der Kulturakteure, aber auch durch Erwartungshaltungen der Zuschauer in Bezug auf die Wiederaufnahme von Veranstaltungen. In der dritten Phase des Wiedereinstiegs gehe es dann um eine neue Realität, sagt Zipf. „Wir müssen momentan davon ausgehen, dass wir eine monatelange, wenn nicht gar über das ganze nächste Jahr hinweg anhaltende Situation haben, in der unter hygienischen Maßnahmen und Regeln auch Kultur anders stattfindet als davor“, hält er fest. Das sei aber leider noch nicht bei allen angekommen.
„Es wird alles langsam zurückkommen, aber wir werden die letzten sein, die von der Politik freigeschaltet werden.“ Davon geht Sperling vom Kassa aus. Über alternative Programmstrukturen könnte man nachdenken, aber dafür müsse es erstmal Planungssicherheit geben, die eben noch nicht besteht. 

Mit dem Stream „Zwo20.Live“, der von den Veranstaltern und Spielstätten der Stadt Jena organisiert, aufgenommen und in Kooperation mit dem MDR und Veranstaltern aus Sachsen und Sachsen-Anhalt ausgestrahlt wird, gibt es aber bereits ein erstes Projekt. Viermal pro Woche soll jetzt mindestens zwei Monate lang gestreamt werden – aufgezeichnet wird im Kulturbahnhof, wo bereits die passende Infrastruktur verfügbar ist. Geplant sind dabei neben Housemusik auch andere, abwechslungsreiche Formate, wie DJ-Workshops, feministische Rapkonzerte und Lesungen. 
Natürlich ersetze das Gemeinschaftsprojekt von KuBa Jena, Cafe Wagner, Rosenkeller, F-Haus, Kassablanca, Muna, M-Pire Music Club, Trafo, Med Club und Micro Club keine wirkliche Party, sagt Krense vom Café Wagner. Aber ein kleiner positiver Aspekt bestehe: „Das ist eine schöne Sache, wenn sich viele zusammenschließen und gemeinsam was auf die Beine stellen.“ Auch Sperling sieht das schnelle Zusammenkommen der Jenaer Clubs an einem virtuellen Tisch als Chance und hofft, dass das nach der Krise noch Bestand hat.

Gezwungenermaßen weit entfernt von Hochbetrieb: das Café Wagner.
Foto: Dominik Itzigehl

Am Trommeln und Rühren

Eine solche Solidarität auszustrahlen ist in diesen Zeiten, in denen der Kämmerer der Stadt Jena mit mindestens 50 Millionen Euro an Ausfällen allein im Jahr 2020 rechnet, sehr wichtig, findet Zipf. Kreatives, selbstständiges Improvisieren könne helfen – auch wenn Zipf und sein Stellvertreter Carsten Müller sich in den zahlreichen Gesprächen mit der Politik nicht nur als Kommunikations-, sondern auch klar als Lobbyorgan der Jenaer Kulturakteure verstünden. „Auf der politischen Ebene sind wir seit Tag eins der Krise am Trommeln und am Rühren,“ versichert Zipf. Trotzdem beschleunigten emotionale Debatten, auch wenn sie notgedrungen sind, keine Entscheidung.

Wichtig ist auch das Mittel der Kurzarbeit, das derzeit viele über Wasser hält. „Die Leute kriegen ihr Geld weiter bezahlt, wir sparen aber als kommunaler Arbeitgeber diese Personalkosten ein und retten damit einen Teil des Geldes, den wir für die Bewältigung dieser Übergangszeit brauchen“, hebt Zipf den positiven Aspekt hervor. 
Für Minijobber gibt es jedoch kein Kurzarbeitergeld – ein weiteres Problem, gerade aus studentischer Perspektive. „Unsere MitarbeiterInnen sind größtenteils Studierende, die ihren Lebensunterhalt durch die Arbeit in der Gastro bestreiten und die mittlerweile auf dem Trockenen sitzen“, beschreibt Münkwitz vom Rosenkeller die Situation. 

Auch nicht jeder könne finanzielle Unterstützung durch die Eltern oder das BaföG-Amt erhalten. Deswegen hat die Rose, die nicht nur Arbeitsplatz, sondern auch Verein ist, ein Soli-Konto eingerichtet, auf dem die Mitglieder zinsfrei Geld zur Verfügung stellen. „Wenn es dann bei einem unserer Minijobber finanziell brennt, kann er oder sie sich bei uns als Vorstand melden und wir vermitteln unbürokratisch“, erklärt Münkwitz. 
Auch auf persönlicher Ebene merke er zur Zeit deutlich, dass es um mehr als nur Arbeit gehe, die Rose sei auch eine Begegnungsstätte. „Man konnte sich quasi täglich bei uns treffen, ob mittags auf einen Kaffee oder abends bei den Veranstaltungen auf das ein oder andere Bier“, erzählt Münkwitz und hofft abschließend auf eine Regelung für Freiluftveranstaltungen und Gastronomie, sodass zumindest über den Sommer hinweg Einnahmen generiert werden können.

Lauter Absagen im Moment, der Rosenkeller unter Druck. Foto: Dominik Itzigehl

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