Campus Kids

Wummernde Musik, gegrölte Gespräche und zersplitternde Glasflaschen bestimmen den nächtlichen Soundtrack auf dem Campus. Doch wer steckt hinter den lauten Jugendlichen – den Kids vom Campus? Das AKRÜTZEL hat zweimal im Abstand von einem Jahr mit ihnen gesprochen.

von Martin Emberger

„Kiffen, koksen, alken, ficken – Meine Welt ist kapuuutt!“, dröhnt es aus den Boxen auf dem abendlichen Campus. Wenn die Studenten ihn verlassen, werden Fairtrade-Coffee-to-go-Becher in den Händen durch Mixery und Saurer Apfel getauscht; die Gespräche über Kierkegaard und sozialpolitische Alternativen werden zu lautstarken Unterhaltungen über Sex und Drogen; zu sehen sind nicht mehr intellektuelle Schiebermützen und Hemden, sondern Basecaps in Kapuzen und bezahnspangtes Lächeln.

„Sonntag nur eine halbe Pille.“

Seit einigen Semestern haben die Nichtstudenten den Campus für sich entdeckt. Zwanzig Jugendliche im Alter von dreizehn bis Anfang zwanzig hängen hier fast jeden Abend herum. Als wir vor einem Jahr auf die Gruppe treffen, sind sie sehr kontaktfreudig und kommen sofort auf uns zu, als sie unsere Kamera entdecken. Paul und Florian (Alle Namen wurden von der Redaktion geändert.) sind sofort an einem Gespräch interessiert. Das erste, was sie uns zeigen, sind rote Punisher-Pillen: Ecstasy, das dafür bekannt ist, bis zur dreifachen Normaldosierung an MDMA zu enthalten. Die beiden Fünfzehnjährigen sind beste Freunde. Sie haben sich vor ihrer Schule bei einigen Flaschen Bier kennengelernt und nehmen regelmäßig Pillen. Ihr Wochenpensum liest sich wie ein Trainingsplan:
Montag: nichts
Dienstag: Speed
Mittwoch: Ecstasy
Donnerstag: mehrfach Ecstasy
Freitag: viel Ecstasy
Samstag: viel Ecstasy, Speed und Gras
Sonntag: nur eine halbe Pille

Sie haben viel gemeinsam ausprobiert. Auch 2C-B und Crystal Meth, verstehen aber nicht, wie man davon abhängig werden kann. „Man schmeckt und fühlt alles dreißig mal intensiver. Aber es ist echt nicht schön.“ Florian erklärt uns, er mache heute noch ein bisschen Geld in Jena und hält uns eine kleine Tüte mit kristallinem Inhalt vor. „Wisst ihr, was das ist?“ Wir raten: Crystal? „Salz! Wenn die Menschen besoffen sind, kaufen die alles.“

Während Florian von seinen Betrugsmaschen erzählt, erklärt uns Jan, wie angenehm es sei, dass hier alle so ehrlich zueinander sind. „Wenn ein Mensch einen guten Charakter hat: Komm mit her! Wir hängen zusammen ab und trinken ein Bier. Das hat nichts mit Herkunft oder Religion zu tun. Zu uns passt, wer nett und höflich ist.“

Jan ist sehr präsent. Er steht im Mittelpunkt der Gruppe und zieht immer wieder einzelne Leute an. Er ist der Aufpasser, meinen Florian und Paul. Jan kommt aus einem finanziell gut gestellten Elternhaus, wie er betont. Seine Eltern sind selbstständig und hatten daher wenig Zeit für ihn. Durch Geschenke haben sie versucht, das auszugleichen. Geklappt hat das nicht. Zu Hause hat er keinen Halt. „Ich fühl mich hier wohler, weil diese Leute alles für mich tun würden. Wir sind beste Freunde. Wir stehen zusammen, wir fallen zusammen.“ Als Jan auf dem Gymnasium war, hat er gemerkt, dass er seinen dortigen Mitschülern nicht vertrauen kann, weil er das Gefühl hatte, von sozial gut gestellten Leuten irgendwann ausgenutzt zu werden. Auch wenn er es schätzt, dass die Menschen hier für ihn da sind, weiß er, dass es nicht das perfekte Setting ist. „Sicherlich sind wir irgendwie asozial. Wir sind nicht alle stolz darauf, dass wir hier abhängen“, erklärt er uns. „All das, was wir durchgemacht haben, ist nicht perfekt und lange nicht das, was unsere Eltern für uns vorgesehen haben.“
„Du philosophierst zu viel“, wendet Florian ein.
Sie sind sehr hastig, wollen alles auf einmal erzählen, Leute kommen hinzu, gehen wieder weg, unterbrechen sich.
„Was wolltest du in meiner Tasche?“
„Ich suche eine Kippe!“
„Ey, ist hier noch irgendwas zum Trinken vorhanden?“

Es ist schwierig, mit jemandem ein anhaltendes Gespräch zu führen, ohne dass derjenige abgelenkt wird. Anne wirkt etwas gefasster. Sie ist Teil der Gruppe und sitzt mit einigen Leuten etwas abseits auf einer der
langgezogenen Holzbänke unter dem Vordach der Mensa. Seit anderthalb Jahren findet die Vierzehnjährige hier Anschluss. „Ziemlich lange Zeit hat mich viel kaputt gemacht. Ich hab mich allein gefühlt und die Menschen hier haben mich hochgeholt.“ Sie litt schon immer an Selbstzweifeln. Bereits im Kindergarten und der Grundschule habe sie vermittelt bekommen, nicht gut genug zu sein: „Du bist zu langsam. Du bist nicht sportlich genug. Du bist zu dick. Du bist zu hässlich.“ Daraus habe sich ihr Selbsthass entwickelt. Der Drang, sich weh zu tun und nicht mehr leben zu wollen, sei schon lange da, aber durch die Leute auf dem Campus, die sie als ihre Familie bezeichnet, habe sie gelernt, damit klarzukommen. Dadurch hat sie ihre Schule zwar vernachlässigt, doch das will sie wieder in den Griff bekommen und ihren Realschulabschluss machen. Auch Anne hat Probleme zu Hause. „Meinen Eltern tut das sehr weh, dass ich so bin. Heute hat mein Vater mir gesagt, ich kann machen, was ich will, weil ich mich selbst aufgegeben habe.“ Sie wird von Amy unterbrochen, die sich danebensetzt. Die beiden kennen sich seit der fünften Klasse: „Dein Dad, der hasst mich, weil ich nicht in die Schule gehe.“ Nicht ohne Stolz wischt sie auf ihrem Smartphone herum, bis sie ihr abfotografiertes Zeugnis findet: „Fehlte an 53 Tagen, davon hundert Fehlstunden, davon achtzig unentschuldigt.“
Viermal Ungenügend
Siebenmal Mangelhaft
Einmal Ausreichend
Einmal ohne Bewertung

„Wir stehen zusammen, wir fallen zusammen.“

So wie die meisten spricht Amy sehr offen mit uns über ihre Probleme, ohne dass wir viel nachfragen müssen. Sie erklärt, dass auch ihre Eltern enttäuscht von ihr sind, weil sie Drogen nimmt, nicht zur Schule geht und nie zu Hause ist. „Ich habe so ein schlechtes Verhältnis zu meinen Eltern, dass ich gar nicht mehr mit denen rede. Ich komme nach Hause, dann esse ich was und gehe schlafen.“ Neben Gras und Ecstasy nimmt Amy auch ein- bis dreimal im Monat Crystal Meth. Wenn sie dafür Geld benötigt, klaut sie es von ihren Eltern. Viele der Campus Kids geben knapp hundert Euro im Monat für Drogen und Tabak aus. Amy hat wie einige andere aus der Gruppe mit dem Jugendamt zu tun. Die Meinung darüber ist durchgängig negativ. „Jugendamt ist scheiße! Es denkt, es macht das Leben besser, aber es macht es nur schlechter!“

Angst muss man nicht vor ihnen haben, solange man sie nicht anpöbelt, betont Anne. Stress gebe es kaum. Manchmal kommt gegen 22 Uhr die Polizei vorbei, kontrolliert die Ausweise, fordert die Gruppe auf, die Musik runterzudrehen und zieht dann wieder ab. Hier läuft Hard
Style neben Gangsta-Rap neben Rechtsrock. „Bei uns kann jeder die Meinung haben, die er will. Wir haben Rechte und Linke in unserer Gruppe. Das ist eigentlich egal.“ Das führte auch schon zu Problemen. Als drei Monate zuvor ein Lied einer rechten Band aus den Boxen über den Campus drang, waren sofort einige Leute da, die mit den Campus Kids diskutierten. „Zwanzig Minuten später kamen dann vierzig vermummte Leute von der Antifa angerannt und wollten Stress“, erklärt Amy. Einige sind weggerannt, andere sitzen geblieben. Wehren können hätten sie sich nicht gegen die Baseballschläger, Schlagringe und Schlagstöcke. „Es wurde auf Leute eingeschlagen, die auf dem Boden lagen und nicht mehr aufstehen konnten.“ Einer ihrer Freunde lag danach im Krankenhaus, obwohl er mit der Musik nichts zu tun hatte, erklärt Anne.

Die Campus Kids zeigen ihre Dancemoves. Foto: Julian Hoffmann

Auf dem Campus hängen sie nur im Winter ab. Sobald es wärmer wird, ziehen sie ins Paradies. Als zentraler Platz in der Stadt mit seinen überdachten Sitzmöglichkeiten an der Mensa ist der Campus der perfekte Treffpunkt. Wenn ihnen doch mal zu kalt ist, wärmen sie sich bei McDonald‘s auf. „Viele von uns haben Angst. Die Menschen geben uns Sicherheit. Hier ist es hell. Hier sind wir frei, denn es gibt viel Platz.“ Ihre Angst zeigen viele nicht, da sie früher gelernt haben,
niemandem zu vertrauen. Auch wenn sich die Campus Kids gegenseitig unterstützen, haben viele von ihnen aufgegeben und sich für den leichteren Weg entschieden. „Sie werden anders glücklich sein, aber nicht mehr so viele Möglichkeiten haben. Sie leben dann von Hartz IV und Drogen“, meint Anne.

„Eigentlich sind wir Kinder.“

„Wir klauen euch den Campus“, scherzt Lars. Er ist achtzehn und stellt sich zu uns, als er von unserem Gespräch hört. Mit den Studenten haben sie kaum Kontakt, außer wenn die von ihnen Gras kaufen wollen. Amy erzählt, dass einer von ihnen mit ihr kiffen wollte. „Er will nur, dass du bläst, so wie du bei Jonas geblasen hast“, korrigiert Lars sie. „Alter!“ Amys Flasche fliegt in Lars‘ Richtung und zerbricht zu seinen Füßen. Der Rest-alkohol verteilt sich auf den umliegenden Schuhen. Sie kommt schnell wieder runter. Anne glaubt: „Die Studenten hassen uns, weil die alle denken, wir sind Fotzen.“ – „Sind wir ja auch“, sagt Amy lachend. „Aber eigentlich sind wir Kinder.“

Lars widerspricht den beiden. Die Studenten denken seiner Meinung nach nicht, was besseres zu sein. Er kennt viele von ihnen, die oft koksen und kiffen. Auch er hat Drogenerfahrung. Mit zwei Jungs und zwei
Mädels aus seiner Gruppe haben sie auf Ecstasy einen Porno gedreht. Er konnte sie später davon abhalten, das Video auf Youporn zu stellen.

Als wir uns jetzt ein Jahr später nochmal auf dem Campus umschauen, hat sich die Musik nicht verän-dert – die Gruppe schon. Von den alten Gesichtern ist kaum noch jemand übrig geblieben.
Harte Drogen nimmt hier keiner mehr. „Die, die abgerutscht sind, sind nicht mehr hier“, erklärt Markus, der bekannt dafür ist, nicht mal Alkohol zu trinken oder zu rauchen. „Ist vielleicht auch besser so. Man hat wirklich gemerkt, dass sie an ihren Drogen kaputt gegangen sind. Sie sind nicht davon weggekommen. Therapie hat auch nicht geholfen. Die sind dann auf einmal nicht mehr da gewesen.“
Von Florian, Paul und Amy hat keiner mehr was gehört. Die kamen von einem auf den anderen Tag einfach nicht mehr. Anne ist nur noch selten da und versucht, Stress mit der Polizei und zu Hause zu vermeiden.
Viele machen derzeit ihren Schulabschluss oder eine Ausbildung und nehmen sich daher zurück. Auch die Campus Kids sind dabei, erwachsen zu werden.

Foto: Julian Hoffmann

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