Sozialer Toilettengang

Zur Summaery traf das Akrützel den selbsternannten Chief Shit Advisor des Hamburger Sanitärunternehmens Goldeimer zu einem Spontaninterview in Weimar. Malte Schremmer erzählte von der Entwicklung des gemeinnützigen Klo-Business, Festivals in ganz Deutschland und Projekten in Afrika.

von Isabella Weigand

Auch noch einen alten Freund vom Tramprennen* getroffen: Malte Schremmer trägt das Goldeimer-Gelb und besucht das Restaurant Die Lücke in Weimar. Foto: Isabella Weigand

Das Popup-Restaurant Die Lücke in Weimar lässt Gäste noch bis zum 18. August in der so genannten P-Bank Urin spenden und zur Phosphorgewinnung nutzen. Phosphor kann wiederum als Düngemittel für Pflanzen eingesetzt werden. Dieses Projekt aus der Bauhaus-Uni wird unterstützt von der Firma Werkhaus und dem gemeinnützigen Hamburger Unternehmen Goldeimer. Am Wochenende ist einer der Gründer und Geschäftsführer alias Chief Shit Advisor, der 34-jährige Malte Schremmer, aus Kiel angereist, um sich die P-Bank-Toiletten anzuschauen und die Projektteilnehmer zu treffen. Goldeimer beschäftigt selbst mittlerweile sechs Festangestellte und jedes Jahr über 200 Ehrenamtliche. Was ist die Idee hinter dem Unternehmen und was brachte einen Geografie-Studierenden auf den goldenen Thron?

“Ich hatte keine Lust, mich mit Shrinking Cities oder zu teurer Kanalisation in irgendeiner bestimmten Stadt in Deutschland zu beschäftigen. Das Festival-Thema war viel näher an mir dran”, Malte Schremmer wollte keine typische Bachelorarbeit schreiben. Er war Studierender im Bereich Sozialgeografie an der Uni Kiel und Mitglied bei Viva von Agua, einer Non-Profit-Organisation, die in Hamburg gegründet wurde und sich für den weltweiten freien Zugang zu Trinkwasser und Sanitäranlagen einsetzt. Zusammen mit der NGO machte Malte eine Reise nach Burkina Faso. Ein ordentlicher Durchfall vor Ort brachte ihn auf die Idee, Sanitärsysteme in Westafrika als Thema für seine Arbeit in Betracht zu ziehen. Sein damaliger Professor riet dem Studierenden stattdessen einmal zu schauen, wie es um die Sanitärversorgung in Deutschland bestellt ist.

Schlangenstehen für den Wohlfühlfaktor Foto: Goldeimer

Etwas, das zum Beispiel viele Festivalbesucher anstinkt, sind herkömmliche Dixi-Klos. Was könnte es da eigentlich für Alternativen geben, fragte sich Schremmer. Zusammen mit einem Kommilitonen jonglierte Schremmer ein Jahr lang Ideen, das Ergebnis: Kompost-Toiletten. Dann gewann das Team 3000 Euro für die Umsetzung bei einem Wettbewerb: “Damit konnten wir zwei Prototypen bauen und mit ihnen einen Sommer lang auf Festivals fahren”. Es sollte ein “geiles Klo” dabei herauskommen, das den Bedürfnissen von Festivalbesuchern gerecht wird: “Sauber, geruchlos, möglichst viel Raum, vielleicht einen Spiegel, einen Kleiderhaken und gute Durchlüftung”, zählt Schremmer auf, “eine Wohlfühloase mitten auf dem Campingplatz”.

Der erste Versuch mit zwei Toiletten startete auf dem Splash! “Das brachte uns an den Rand der Überforderung und riss uns aus unserer Ideenwelt in die Realität”, sagt Schremmer. Erst über die Jahre hinweg entwickelte Goldeimer ein funktionierendes System. So werden die Fäkalien heute in Klärschlammkompostierungsanlagen oder auf eigene Versuchsflächen gebracht, die Goldeimer in Zusammenarbeit mit Hochschulen oder anderen Forschungseinrichtungen betreibt.

Lösungen hier und dort

Mit dieser Entsorgungsmethode bewegen sich Goldeimer in einer rechtlichen Grauzone, denn “per Definition existieren menschliche Fäkalien in Verbindung mit Hobelspänen, Klopapier und Urin auf dem Papier nicht”. Dieses Gemisch ist nicht als Abfallschlüssel gelistet, deshalb könnten Entsorgungsunternehmen damit nichts anfangen. Seit vielen Jahren versucht Goldeimer mit diesem Problem umzugehen und eine rechtlich eindeutigere Lösung zu finden.

Nicht nur in Deutschland ist das Unternehmen aktiv: Als Implementierungspartner für Projekte in Afrika nennt Schremmer den Welthungerhilfe e.V. Goldeimer möchte möglichst viele Profite erwirtschaften, die zu 100 Prozent weitergeleitet werden.

So wirds gemacht! Foto: Maja Bahtijarevic

Im Januar reiste Schremmer zu einem Projekt nach Äthiopien. Es sollten in einer Community in Addis Abeba zwei Trockentoiletten gebaut werden. Wie Goldeimer berichtet gibt es in Äthiopiens Hauptstadt nur 200.000 Haushalte, die an die Kanalisation angeschlossen sind, während dort mehr als 4,2 Millionen Menschen leben würden. Wenn alles klappt, könne dort ein Toiletten Social Business gegründet werden, aber das wird sich noch zeigen. “Wir sind ein kleines Projekt und müssen realistisch einschätzen, was wir leisten können und was nicht”, sagt Schremmer.

Trotz der engen Verbindung zu Viva von Agua ist Goldeimer frei in seinen wirtschaftlichen Entscheidungen: “Das ist das Tolle: Wenn wir Lust haben, ein Kinderbuch über den Klogang zu machen, dann machen wir das”, freut sich Malte Schremmer. Manchmal schlägt das Team auch bewusst über die Stränge wie derzeit beim Deichbrand-Festival. Dort wird neben den aufgebauten Trockentoiletten zum Wohlfühlen auch durch komplizierte Messtechnik und eine überbordende Inszenierung der schwerste Kackhaufen gesucht. “Es ist die Mischung aus Quatsch und Seriosität, die wir immer beibehalten möchten”, resümiert Malte.

*Tramprennen: Per Anhalter fahren jährlich Teams auf verschiedenen Routen kreuz und quer durch Europa. Dieses Jahr findet das Rennen vom 16. bis zum 31. August statt. Ziel für die Tramper ist der Ort Bontida in Rumänien. Der Sea-Watch e.V ist Spendenpartner des Tramprennens. Die Anmeldefrist endet am 31. Juli.

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