Vegetarier auf Schnitzeljagd

Das Campusmagazin Kupferblau aus der schwäbischen Studierendenstadt Tübingen wurde von Akrützel zu den allerersten Campusmedientagen eingeladen. Gastbeitrag

von Severine Rauch

Workshop zu Layoutgestaltung mit Michael Gottschalk | Foto: Julian Hoffmann

Tübingen ist mit seinen bald 30.000 Studierenden, die täglich ihr Unwesen an der Eberhard Karls Universität treiben, eine der ältesten Universitäten Europas. Zwischen Jena und Tübingen liegen gute 500 km, doch ist das Studierendenleben fast das gleiche. Junge Leute so weit das Auge reicht, gemütliche Abende am Wasser – dem Neckar in unserem Fall – und jede Menge Bier. Unser Markenzeichen sind barfußlaufende Passanten. Wer in Tübingen studiert, macht schnell Bekanntschaft mit Bibliotheksbesuchern, die stets die eigene Zimmerpflanze mit sich und ein Seidentuch über dem Gesicht tragen. Das ist nur eine von vielen Kuriositäten, mit denen sich Tübingen rühmt. Und doch haben wir eine Schweinejagd, auf die uns Akrützel schickte, noch nie erlebt.
Nach sechs Stunden Zugfahrt und drei beinahe verpassten Anschlusszügen hatten wir endlich Jena erreicht. Die Müdigkeit wich heller Begeisterung, als wir von der Redaktion am Campus begrüßt wurden. Große Willkommens-Stofftaschen wurden von dem noch größeren Lächeln übertrumpft, das auf den Lippen der Redaktionsmitglieder tanzte. Wir glaubten den Tag schon beendet, nachdem wir mit Essen und Getränken für unsere lange Anreise belohnt wurden. Das war auch unser großes Glück, denn tatsächlich hatten meine Co-Redakteurin und ich das Pech, zuvor in einem Jenaer Restaurant (Immergrün ist wohl nicht „immerlecker“…) miserabel bewirtet worden zu sein. Auf erste Bekanntschaften und viele „Und von welchem Magazin kommst DU?“ folgte ein Stadtrundgang, den wir wohl alle nicht erwartet hatten. Wer ein knapp 1,80 m hohes, flauschiges Schwein auf zwei Beinen durch Jenas Gassen hat wandeln sehen: Genau das haben wir gesucht. Und auch gefunden, schließlich war es der Schlüssel zum Glück. Unsere Aufgabe war es, dass Akrützel-Maskottchen in der Stadt zu finden. Nach einem meisterhaften Sprint erhielten wir die Schlüssel zu unserem eingesperrten, aber gut gekühlten Bier. Bei noch mehr Hopfengetränken und Snacks entspannten schließlich Redakteure von einem Dutzend Campusmedien aus ganz Deutschland am Ufer. Ich für meinen Teil bin zwar mein halbes Leben Vegetarierin, die Jagd nach dem Schwein gefiel aber auch mir!

Workshop-Weekend

Dass am nächsten Morgen noch die Reise des vergangenen Tages in den Knochen steckte, war dank der bevorstehenden Workshops schnell vergessen. Wir durften lernen, wie das perfekte Portrait-Foto geschossen wird, was ein gutes Interview ausmacht, wie man Struktur in seine Artikel bringt und unsere bereits veröffentlichen Hefte sogar einem Layout-Profi präsentieren. Mich beschlichen Zweifel an der eigenen Arbeit, vielleicht auch ein bisschen Ärger darüber, dass unser Heft im Vergleich zu manch anderen ein graues Grafikdesign-Mäuschen ist. Aber uns tat sich die große Chance auf, mit anderen Redakteuren und Redakteurinnen neue Ideen zu finden, selber Tipps weiterzugeben und von Menschen zu lernen, die ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht haben. Sie standen selbst mal dort, wo wir alle gerade feststecken. Mitten im Studium, vielleicht noch etwas unerfahren, aber Feuer und Flamme für das Schreiben. Und mit den Zweifeln war ich schließlich nicht allein. Die Fishbowl-Diskussion, eine lebendige Debatte über die Zukunft und Relevanz von Campusmedien, schenkte mir meine wertvollste Erkenntnis des gesamten Wochenendes: Mit jeder neuen Sache, die man lernt, wächst nicht nur das Wissen, sondern auch der Zweifel. Erst durch den Austausch mit anderen Magazinen erkennt man, wie viel Potenzial noch geweckt werden kann. Auch wenn das bedeutet, dass man das Kriegsbeil mit InDesign begraben muss…

Brunchen und Brainstormen

Mit einem Grillabend und türmeweise Bier (das ist keine Hyperbel!) bewies die Akrützel-Redaktion erneut ihre Gastherzlichkeit. Was sie für uns auf die Beine stellten, überschritt reine Gastfreundschaft um Meilen. Beim Blattkritik-Brunch am letzten gemeinsamen Morgen tischten sie nämlich noch feiner auf. Zwischen Pancakes und Kaffee blätterten wir durch die Hefte, tauschten uns über Formate aus, ärgerten uns über kleine Layout-Fehler und unterdrückten die aufkommende Aufbruchsstimmung.
Wir hatten die Rückfahrt auf den späten Sonntagnachmittag gelegt, damit wir die Gelegenheit nutzen konnten, durch Schillers Gartenhäuschen zu wandeln. Good old Schiller hat mir einen letzten Rat mit auf den Weg zurück nach Tübingen gegeben: „Jedes Neue, auch das Glück, erschreckt.“ Deshalb entschuldigt mich an dieser Stelle. Ich bin dann mal weg, Zweifel wegfegen und Mut pflanzen!

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