In die obersten Ränge

Eine Quote im Wissenschaftsbetrieb verhilft nicht uneingeschränkt zu einer erfolgreichen Karriere.

von Ariane Vosseler und Isabella Weigand

Tina Rudolph nahm sich Zeit für einen Besuch in der Redaktion
Foto: Julian Hoffmann

Sie ist Ende zwanzig, ehemalige Präsidentin des Debattierklubs, approbierte Ärztin, Dozentin und Promovendin am Lehrstuhl für Angewandte Ethik. Demnächst wird sie auf der Liste der SPD für den Stadtrat kandidieren. Tina Rudolph ist eine junge Frau, involviert, hochqualifiziert. Eine Frauenquote im Wissenschaftsbetrieb hält sie für sinnvoll. Denn eine annähernd gleiche Anzahl an Doktoranden und Doktorandinnen bedeutet nicht automatisch, dass es auch gleich viele Professoren und Professorinnen gibt. Eine Quote soll den Prozess der Gleichstellung beschleunigen.
Doch wenn bei zehn Bewerbungen nur eine von einer Frau dabei ist, was hilft da eine Quote? Die „setzt dort an, wo es schon zu spät ist“, kritisiert Rudolph. „Es kann nicht verlangt werden, mehr Professorinnen einzustellen, wenn in den letzten zehn bis zwanzig Jahren im Mittelbau die Frauenförderung versäumt wurde“. Aber eine echte Alternative zu einer Quote ist auch nicht in Sicht.

Wohin zuerst?

Deswegen müssen nach dem neuen Thüringer Hochschulgesetz mindestens vierzig Prozent der Mitglieder eines Hochschulgremiums weiblich sein. An der FSU gibt es eine Mitarbeiterstelle, die sich allein um die Auswertung von Bewerbungen im Hinblick auf Gleichstellungsrichtlinien kümmert.
Zu häufig werden Frauen noch immer bei Personalentscheidungen strukturell benachteiligt. „Es spielt eine große Rolle, dass die Frau schwanger werden kann, familiär eingebunden ist und statistisch diejenige ist, die irgendwann Angehörige pflegt“, erklärt Rudolph.
Wenn dann doch eine Frau einen Spitzenposten erlangt, wird sie oftmals mit Aufgaben überschüttet. „Sie muss in alle Gremien springen, weil jetzt alle verstanden haben, es muss eine Frau auf das Podium und in den Gremien sitzen“, gibt die junge Wissenschaftlerin ihren Eindruck wieder. Das kann aber auch bedeuten, dass diese Aufgaben zur Last werden, und die eigentliche wissenschaftliche Arbeit nicht mehr genügend wahrgenommen werden kann.

Nur zwei Monate

Eine weitere Maßnahme auf dem Weg zur Gleichstellung oder zur Erfüllung von Quoten, sind Stipendien, die vor allem oder ausschließlich an Frauen gerichtet sind. Denn der Wille zum Aufstieg ist da: „Ich glaube aus meiner persönlichen Erfahrung nicht, dass das Interesse an einer Führungsposition fehlt und es auch nicht an Kompetenz mangelt“, meint Rudolph. Die FSU bietet das Stipendium „ProChance“ an, das speziell für Doktorandinnen Sachmittel bereit stellt.
„Die FSU ist mit ihrem Gleichstellungskonzept auf einem guten Weg, trotzdem ist Jena nicht sehr attraktiv für Wissenschaftlerinnen“, findet Gerrit Huchtemann, Mitglied im Gleichstellungsreferat des Stura der FSU. Denn dazu sei eine bessere Vereinbarung von Familie und Beruf nötig, zum Beispiel durch Kinderbetreuung. Es seien, meint Rudolph, noch immer die Frauen, die zurückstecken. Zwar nehmen Männer in den letzten Jahren öfter Elternzeit, allerdings oft nur zwei Monate, um dann wieder in den häufig besser bezahlten Job zurückzukehren. Dabei wäre es besser, wenn Männer dauerhaft mehr im Haushalt mithelfen würden. Denn dann können sich Frauen eher aus ihrer traditionellen Rollle herausdenken, wie aus einer kürzlich im Empirical Research Paper erschienenen Studie hervorgeht.
Die Geschlechterrollen können auf lange Sicht nur durch eine Gleichberechtigung in allen Bereichen des Lebens aufgebrochen werden und da haben auch die Hochschulen eine große Bedeutung. „Heutzutage heißt es, schnell und geradlinig durch die universitäre Berufsausbildung zu gehen. Seitenblicke werden dabei oft nicht mehr möglich. Aber gerade das Studium ist dazu da, mit anderen Ideen zusammenzustoßen“, findet Gerrit. Und kann nicht erst dadurch eine gleichberechtigte Gesellschaft entstehen?

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