Aufräumen auf Japanisch

Was macht die KonMari-Methode aus? Und wo wird wirklich aufgeräumt – nur im Haus oder auch im Kopf?

von Annika Nagel

Meine Sockenschublade vor Marie Kondo |
Foto: Annika Nagel

Im Prinzip ist es in jeder der achten Folgen der gleiche Ablauf: Marie Kondo, Japanerin, zweifache Mutter und Ordnungs-Guru, kommt und stellt sich dem Haus vor und erklärt den Bewohnern die KonMari-Methode. Diese besteht aus fünf Lektionen, die immer in dieser Reihenfolge abgearbeitet werden: Kleidung, Bücher, Papierkram, Komono (das heißt Küche, Bad, Garage, Kleinkram) und Emotionales.

Dargestellt werden Stereotype: Eine Familie mit kleinen Kindern, eine mit Teenagern und eine materialistische, ein Messi-Rentnerpaar und eine trauernde Witwe, zwei junge Gay-Couples und ein Pärchen mit Schuhtick. Jeder kann sich in einer oder mehreren der acht Folgen wiederfinden.
Entweder hält man es für absoluten Quark, sich bei jeder durchgelatschten Socke zu bedanken, kann sich mit der Methode grundlegend anfreunden oder macht es zum neuen Inbegriff des Daseins. Es darf natürlich nicht vergessen werden, dass Kondo aus einem ganz anderen Kulturkreis kommt und wir mit unserer europäischen Prägung oft dazu neigen, mit dem Kopf zu schütteln. Aber vielleicht ist das auch etwas, was wir von der Serie lernen können: offen sein für Neues und Anderes.

Mehrwert oder
Symptombekämpfung?

Nehmen wir uns die erste Folge einmal genauer vor: Das Problem einer jungen Familie, nicht genug Zeit füreinander zu haben, gestresst und müde zu sein, lässt sich wohl kaum mit einem Staubwedel wegwischen. Es muss innerlich aufgeräumt, sortiert und vor allem priorisiert werden, denn die Arbeit, ob im Beruf oder zuhause, wird nicht weniger. Dem überarbeiteten Vater steht es frei, seine Kinder als Priorität zu setzen und in der gemeinsamen Zeit die Arbeit auszuklammern.

Der Mutter, der der Haushalt über den Kopf wächst, obliegt es, sich Freiräume zu schaffen, dazu müssen natürlich die Kinder lernen, sich selbst zu beschäftigen und Verantwortung für ihre eigenen Sachen zu übernehmen. Und das gegenseitige Entlasten ist natürlich auch immer eine Möglichkeit. Keine Lösung ist, sich Hilfe ins Haus zu holen, um die Symptome zu bekämpfen, denn sollte diese wegfallen, ist das Problem immer noch da.

Mehr als nur Aufräumen?

Ein grundlegender Sinn für Ordnung, dass jede Sache seinen Platz und damit eine Daseinsberechtigung hat, kann nicht nur ein positives Bild für andere sein, sondern auch für die eigene innere Ordnung. Was kann Kondo denjenigen noch beibringen, die nicht wie die vorgestellten Personen bereits von Haus aus einen guten Ordnungssinn besitzen? Ein paar Tricks und Kniffe in der Falttechnik der Kleidung sind nicht zu verachten, aber entscheidender ist die menschliche Tendenz, Gesehenes nachzuahmen. Spätestens nach der dritten Folge ist das Kribbeln in den Fingern so stark, dass man direkt in einen Aufräumrausch verfällt.

Was leistet Kondo wirklich? Sie motiviert und leitet Leute aus ihrer selbstverschuldeten Unordnung hin zu einer geordneten Grundlage für die Zukunft. Was die Show ausmacht, ist nicht die Methode, denn die kann jeder nachlesen und selbst ausprobieren, sondern die Begleitung durch eine unparteiische Person. Anscheinend schaffen wir es nicht selbst, uns aus unserer vertrackten Lage zu befreien. Wir brauchen jemanden, der uns in den Hintern tritt, uns aber gleichzeitig aufmuntert und nicht verurteilt. Kondo macht das, auf eine ruhige und positive Weise, ohne Druck und mit einer Frisur wie aus Beton.


Eine Antwort auf „Aufräumen auf Japanisch“

  1. Ulla Åkesson sagt:

    Liebe Akrützel-Reaktion, endlich packt mal jemand dieses leidige Thema“Unordnung „ an. Es ist ja nicht nur die Ordnung im Schrank, im Haushalt, im Kinderzimmer oder sonstwo, es ist viel entscheidenter, dass sich der ganze Mensch plötzlich viel aufgeräumter und ich möchte behaupten, auch glücklicher fühlt. Vor allem Aufräumen muss aber das Wegtun oder auch manchmal Totalentsorgen stehen. Mit jedem Sack oder Karton, der das Haus verlässt, fällt auch der innere Balast ab! Ein ganz wunderbares Gefühl!! LG UÅ

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