Das Beste vom Schlechtesten?

 von Lenah John und Undine von Lucadou

Die Universität muss kürzen. Das geschieht zum Nachteil der Germanistik und sorgt in der Philosophischen Fakultät für Spannungen.

Der Senatssaal ist voll. Am 11. Dezember sind sämtliche Stühle von Vertretern der Philosophischen Fakultät belegt, Studierende der Germanistik und Volkskunde/Kulturgeschichte (VKKG) stehen zusammengedrängt daneben. Überall sind angespannte Gesichter zu sehen. Es geht um die Zukunft zweier Studiengänge.

Ihre Wurzeln hat diese Situation im Februar 2014. Der Thüringer Landtag gab der FSU Kürzungen vor. Inhaltlich wurden diese nicht festgelegt. Die Fakultät ist inhaltlich wie strukturell sehr heterogen, was Kürzungsentscheidungen erschwert. „Jedes Fach hat seine Existenzberechtigung. Niemand zeigt auf den anderen und sagt, er sei unnötig“, erklärt Friedemann Schmoll, Professor für Volkskunde.
So wurde unter dem damaligen Universitätsrektor Klaus Dicke das Kriterium festgelegt, die Streichungen nach Pensionseintritt der Professoren vorzunehmen. „Da hat das Prinzip Zufall regiert, was sehr irrational ist. Wenn es um Strukturpolitik geht, ist das eine schwierige Sache“, bemerkt Schmoll.

Eine Kürzung würde wie eine Amputation wirken.“

Nach diesem Kriterium fällt die betroffene Stelle auf die Kulturgeschichte, da im Sommer 2020 der derzeitige Professor Michael Maurer in den Ruhestand geht. Die VKKG besteht aus zwei Säulen. „In einem solchen Fach würde eine Kürzung der zwei vorhandenen Professuren wie Amputation wirken“, sagt Schmoll über sich und seinen Kollegen. „Wir sind in einer existenziellen Situation, da gehts ums Eingemachte.“

Auch der Dekan der Philosophischen Fakultät Stefan Matuschek will keine Studiengänge schließen. Also beschloss die Strukturkommission der FSU, die Kürzung an der als nächstes freiwerdenden Stelle vorzunehmen: die Professur der Älteren Deutschen Literatur (ÄDL), die noch bis 2022 von Jens-Dieter Haustein besetzt ist. „Es gab die Planung, dass meine Stelle wiederbesetzt wird mit einer entsprechenden Mitarbeiterausstattung. Dann hat mir der Dekan mitgeteilt, dass dies nicht mehr der Fall sein wird“, erzählt er. Kurz darauf sei der Beschluss auch im Fakultätsrat gefasst worden. Erst im Nachhinein wurde klar, was es für das Germanistische Institut bedeutet, wenn die ÄDL-Professur nicht nachbesetzt würde

Qualität soll bewahrt werden

Mitarbeiter des Instituts schrieben eine Protestnote, die zeigt, dass das Germanistikstudium nicht mehr so studierbar wäre wie jetzt. „Es wäre keine Nachwuchsausbildung in der germanistischen Mediävistik mehr möglich. Wir wären keine Vollgermanistik mehr“, sagt Haustein. Diese umfasst drei Teilfächer: Sprachwissenschaft, Ältere und Neuere deutsche Literatur, die bis zum Schluss und schwerpunktmäßig studiert werden können. „Diese Sorge hat keinen Grund“, entgegnet Matuschek. Das Dekanat schlug die Errichtung einer verbeamteten wissenschaftlichen Mitarbeiterstelle (akademische Ratsstelle) vor, um das Lehrangebot aufrechtzuerhalten. Das könne quantitativ die Professur ersetzen, nicht jedoch qualitativ, beurteilt Haustein. Dieser Mitarbeiter müsste dann das Grundstudium, also vier Kurse mit 130 Studierenden samt ihrer 130 Hausarbeiten, die Vorlesung mit 130 Klausuren und noch ein Aufbauseminar mit weiteren 25 Klausuren abdecken. „Alles was man an innovativer Lehre machen könnte, wird in Routine erstarren“, befürchtet Haustein.

Als Folge der nicht ausreichend dargestellten Informationen stellte Institutsdirektorin Nina Birkner in der Fakultätsratssitzung am 11. Dezember den Antrag, den Beschluss zurückzuziehen und erneut abzustimmen. Das Dekanat gab diesem Antrag nicht statt. Der Beschluss liegt trotzdem auf Eis. „Wir haben diesen in seiner negativen Auswirkung zurückgenommen, um noch weiter zu diskutieren“, sagt der Dekan.
Große Spannungen in der Fakultät sind die Konsequenzen. Fehlende Transparenz, unzureichende Informationen und mangelnde Kommunikation lauten die Kritikpunkte. „Wir können noch in aller Ruhe die Diskussion führen und als Dekanat genau darlegen, warum der Vorschlag so ausfällt“, meint Matuschek. Die Wahl bestehe zwischen dem Schlechten und dem noch Schlechteren. Auf die Frage, wie es in der Causa weitergehe, antwortet Haustein lakonisch mit: „Open End.“ Bis zum ersten Drittel des Sommersemesters soll Zeit zum Diskutieren bleiben. Dann müsse jedoch ein Entschluss gefasst werden.

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