Einmal und nie wieder?

Die Akrützel-Redakteure erzählen von persönlichen ersten und auch letzten Malen.


Offene Beziehung

von Martin Emberger

Meine erste offene Beziehung hebelte unheimlich viel Negativspannung aus; also pure Entspannung – zumindest solange noch keiner von uns beiden die ihm zugesprochenen Freiheiten auch nutzte.
Sobald jedoch der Jagdtrieb bei ihr einsetzte, war ich außen vor. Sie abenteuerte herum, holte sich Bestätigung, fühlte sich lebendig und in mir steckte ein Dolch, der ganz langsam gedreht wurde. Schnell wurde klar, dass es das nicht sein kann. Ich will nicht teilen, sondern die Exklusivrechte haben. Aber will ich ihr, die diese Freiheiten zu benötigen glaubt, verwehren, diese Erfahrungen zu machen?
Da ersetzt sie dich partiell, tauscht dich aus wie eine Glühbirne gegen ein fancy buntes LED-Leuchtmittel, um dann nach ein wenig Abwechslung wieder auf das Konventionelle umzuschalten, wie es passt. Wahrscheinlich ist es auch ein Stück weit das unfaire Ungleichgewicht, das diese innere Zerrissenheit fördert.
Wie soll der Kram auch funktionieren? Sicher hat dieses Konzept eine studentisch alternative Romantik inne, aber eben nur für den, der momentan den Spaß hat und damit Aufmerksamkeit von doppelter Seite erfährt. Drei sind einer zu viel. Was denkt sich überhaupt der, der da einfach zwischen uns reingeprescht kommt? In unserm Bunde der dritte? Fick dich mit deiner Bitte und hoffe, dass wir uns nachts nicht in einer hohlen Gasse begegnen!
Eifersucht ist nun mal ein blödes Miststück, darum: Fuck off-ene Beziehung!


Meine letzte Abfahrt

von Robert Gruhne

Aus dem Familienalbum

Wintersport war für mich immer etwas unverständlich: Warum sollte ich meinen Urlaub mit Sport verbringen und jeden Abend todmüde, in stinkigen Skischuhen im Hotel ankommen? Meine Definition von Urlaub sah doch etwas entspannter aus.
Ich sagte meiner wintersportbegeisterten Freundin dennoch zu, es einmal zu versuchen, und so fuhren wir nach Tirol. Am ersten Tag buchte ich einen Skilehrer und, nachdem er mir die Basics wie Pommes und Pizza beigegebracht hatte, traute ich mich sogar ein paar Mal auf die Anfängerpiste. Am zweiten Tag lief es leider nicht mehr so gut. Ich schlängelte mich mühsam den Hang hinab und lag mehr, als dass ich fuhr. Ständig verhedderten sich meine Skier ineinander und lösten sich von den Schuhen. Meine kläglichen Versuche ereilte schließlich ein jähes Ende. In einer Rechtskurve kam ich ins Trudeln und fiel unglücklich auf meine Skier. Die scharfe Kante schnitt sich einmal quer in mein Knie und beendete meine sowieso kaum vorhandenen Wintersportambitionen. Hilfe kam sofort. Zufällig war es mein Skilehrer, der mich mit einem Rettungsschlitten nach unten zog. Der Liftwart, der mir am Vortag noch widerwillig den Babylift angeschaltet hatte, blickte mir nach, als ich abtransportiert wurde. Im Krankenhaus wurde der schwungvolle Schnitt dann wieder zusammen genäht. Ich bekam für die nächsten Wochen eine Schiene verpasst und konnte den Urlaub doch noch mit Netflix im Bett genießen.


Ausgefuchst

von Isabella Weigand


Fuchs, du hast die Wurst gestohlen.. 
Zeichnung: Martin “Emmi” Emberger

Mein Herz klopft noch im Partyrhythmus, als ich auf dem Heimweg an der menschenleeren Ampelkreuzung stehen bleibe. Ein Fuchs nimmt wie selbstverständlich auf der anderen Straßenseite Platz. Wir warten auf grün und trotten dann aneinander vorbei. Sollte die Öffentlichkeit über diesen Vorfall informiert werden? Sommerloch, jetzt darf ich. Alle Leser der Tageszeitung sollten wissen, dass Fuchsbegegnungen in der Stadt Jena keine Seltenheit mehr darstellen, aber auch keine Gefahr. Tollwut, das sagt mir ein Jäger am Telefon, als ich ihn schüchtern um Rat frage, sei in Deutschland ausgestorben. Aber Füchse klauen mit Vorliebe die Wurst vom Einweggrill im Paradies, wenn keiner guckt. „Fuchs, du hast die Wurst gestohlen“, so lautet der Name meines ersten und einzigen Leitartikels. Ich bin gerade 20 Jahre alt geworden und fühle mich zu Großem berufen. Bei dieser Tageszeitung habe ich einen Monat lang ein Praktikum gemacht, dabei durfte ich eine Schlange streicheln, eine Friseurin interviewen und die Fuchssituation in Jena untersuchen.
Am Tag nach meiner unheimlichen Begegnung an der Ampelkreuzung versuche ich betont lässig davon zu erzählen. Ein paar Redakteure drehen kurz den Kopf. Jemand wirft mir zwei Sätze im Gehen zu. Am Nachmittag sitze ich einsam vor einem alten Röhrenmonitor und tippe exakt 650 Wörter, bemühe mich krampfhaft, während die restliche Belegschaft ausgeflogen ist, um über Großes zu berichten.


Im freien Fall 

von Dominik Itzigehl


Foto: AJ Hackett Bungy New Zealand

43 Meter unter mir der Kawarau River in Queenstown, Neuseeland. Meine nackten Füße tasteten sich auf dem Holzvorsprung Stück für Stück nach vorn. Als ich mit meinen Zehen über die Kante hinausragte, lehnte ich mich etwas nach vorn, um mir den steilen Weg nach unten anzusehen, was meinen Herzschlag in die Höhe schießen lies. Dies war wohl der schlechteste Zeitpunkt, um in Gedanken die Funktionstüchtigkeit des Bungee-Seils in Frage zu stellen. Trotzdem kam mir in diesem Moment das Worst-Case-Szenario in den Sinn: Was ist, wenn das Seil reißt oder nicht richtig befestigt wurde oder die Länge falsch geschätzt wurde oder… Bevor mein Kopf diese Aufzählung fortführen konnte, hörte ich hinter mir den Instructor, der mich fragte ob ich „ready“ sei. Jetzt gab es kein Zurück mehr. Ich breitete die Arme aus und kippte nach vorn. Der Fluss unter mir schien sich zuerst auszudehnen und von mir zu entfernen, wobei der Fall eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Ich schrie meine Anspannung heraus. Wie bei einer Achterbahnfahrt rauschte der Wind in meinen Ohren und ein Ziehen durchdrang meinen Magen. Am tiefsten Punkt streckte ich meine Arme und berührte mit den Fingerspitzen das Wasser, bevor ich wieder schlagartig in die Höhe katapultiert wurde. Ein unglaubliches Gefühl! Ich würde es jederzeit wieder machen.


Beringung einer Trottellumme

von Berrit Gurtz

Ein Lummenküken

Auf der Vogelwarte Helgoland absolvierte ich ein freiwilliges ökologisches Jahr und lernte dabei, Vögel zu beringen und zu vermessen. Im späten Frühjahr ereignet sich dort etwas ganz Besonderes: der Lummensprung. Zu dieser Jahreszeit springen die Küken der Trottellumme von den bis zu 40 Meter hohen Brutfelsen. Weil sie noch nicht flugfähig sind, stürzen sie absichtlich in die Tiefe, um ihren Eltern auf die sichere See zu folgen. Jede Nacht begibt sich dann ein Team unter die Brutfelsen, um die Küken zu beringen. Mit den Worten: „Jetzt du!“ drückte mir mein Chef meine allererste Lumme in die Hand. Ich war ziemlich aufgeregt und etwas zitterig montierte ich den Ring an den Vogel. Alle versammelten sich, um den Moment des Freilassens zu beobachten. Ich setzte das Küken in Wassernähe ab, und sobald es Bodenkontakt hatte, watschelte es laut rufend los. Stolz blickte ich auf „meine“ Lumme und den silbernen Ring, der bei jedem Schritt aufblitzte. Kurz bevor es das Wasser erreichte, rutschte dieser jedoch mit einem leichten, metallischen Klingen vom Fuß. Dieses Erlebnis hinterließ ein warmes Gefühl in meinem Bauch. Die Ehre zu haben, einen wilden nordischen Hochseevogel auf dem Weg zu seinem eigentlichen Element zu begleiten, ist für einen verrückten Orni wie mich unbeschreiblich!


Schneller sein

von Marcel Haak

Nicht zu verkaufen.

Ich war nie wirklich sportlich oder gar auf Wettbewerb aus. Trotzdem bin ich letztes Jahr bei einem Radrennen angetreten. Wochenlanges Trainieren, immer mit dem nagenden Gedanken, dass ich vielleicht gar nicht schnell genug sein könnte, um mit den anderen Hobbyradlern, auf ihren moderneren und superleichten Rennrädern, mitzuhalten. Ich hatte nur das alte Stahlrennrad meines Onkels, Baujahr 1985, das mindestens 15 Jahre einfach nur im Schuppen hing.
An der Startlinie mit über 5000 anderen Radlern war die Angst verflogen, an ihre Stelle trat Aufregung. Nach dem Startschuss merkte ich dann, dass ich im Startblock der langsamsten Fahrer stand. Mein Training hatte sich bezahlt gemacht, ich war schneller als die meisten hier. Früh im Rennen bildete sich eine Gruppe aus Fahrern mit ähnlichem Tempo, der ich mich anschloss. Gemeinsam überholten wir Radler aus vermeintlich schnelleren Blocks, die dann meist etwas verdutzt dreinschauten. Dank Teamarbeit waren die knapp 60 Kilometer überraschend schnell bewältigt (01h 32m 06s), auch wenn ich durch einen Sturz vor mir und einige Anstiege am Ende nur noch einen Mitstreiter hatte. Mit seiner Hilfe erreichte ich das Ziel als 328. insgesamt und 55. meiner Altersklasse. Und auch wenn ich mich nach der Anstrengung kaum noch auf meinem Rad halten konnte, würde ich es wieder tun.


Messi-WG

von Hanna Seidel

Beispielfoto aus der Redaktion

Vor zwei Jahren zog ich endlich in eine eigene Wohnung. Damit endete meine erste, einzige und wahrscheinlich auch letzte WG-Erfahrung: Ich zog in eine Dreier-WG in Jena-Ost. Die Vermieter, ein Rentnerpärchen, hatten seit 50 Jahren die Miete nicht erhöht. Leider wurde in der gleichen Zeit auch wenig renoviert. Das endete damit, dass es in meinem Zimmer keinen Strom mehr gab, weil meine Vormieterin die Leitung angebohrt hatte. Alle Geräte hingen an einem Verlängerungskabel, das durch das ganze Zimmer zur letzten funktionierenden Steckdose reichte. Das Highlight war aber die Messihaftigkeit meiner ersten Mitbewohnerin. Sie konnte sich von nichts trennen. In unserer Küche stapelten sich Pfannen ohne Griff, Mensageschirr und sogar eine Polylux-Platte. Als mein Mitbewohner und ich eine lädierte Pfanne entsorgen wollten, holte sie sie sogar wieder aus dem Müll. Sie wollte zumindest die Schraube behalten. Wie wichtig ihr solche Kleinigkeiten waren, zeigte sich auch bei ihrem Auszug. Wir bekamen eine Liste mit allen Dingen, die ihr gehörten (das umfasste auch alles, was ehemalige Mitbewohner zurückgelassen hatten) und durften sie ihr abkaufen. Zum Beispiel ihren aus Maschendrahtzaun selbstgebastelten Obstkorb. Sogar einzelne Nägel zog sie aus der Wand. Nur die hässlichen Plastikblumen vergaß sie. Nach ihrem Auszug konnte ich sie endlich wegschmeißen.

Zum Adventskalender: www.akruetzel.de/advent

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