Ein Holz und ein Lehm

In dieser Serie widmen wir vermeintlichen und echten Meisterwerken Liebeserklärungen und Hasstiraden. Diesmal: Die Siedler von Catan.

Von Charlotte Wolff

 

Die Würfel klackern in der Hand. Die Hoffnung steigt: „Bitte, bitte keine Sieben!“ Die Würfel rollen auf den Tisch. Drei Augen zeigt der eine, der andere rollt und rollt bis er liegen bleibt, mit einem Auge nach oben. „Puh, Glück gehabt, die Karten bleiben auf der Hand.“

Die Siedler von Catan, Brettspiel des Jahres 1995, ist wohl neben Looping Louie das einzige Kinderspiel, das heute mehr Studenten spielen als Kinder – Mit der längeren Geschichte. Die Studenten sind einfach nicht erwachsen geworden. Daran ändert auch das Verlassen des elterlichen Heims und die Aufnahme des harten Studienalltags nichts. Das Spiel muss halt mit umziehen. Die neuen Mitbewohner ersetzen dann kurzerhand die fiesen Geschwister, auch wenn man vorher gehofft hatte, sie ziehen einen vielleicht mal nicht so hart ab. Gestehen wir den Studenten doch einmal geistige Reife zu, bleibt die Tatsache bestehen, dass sie gerne Siedler spielen. Warum?

„Ein gutes Spiel besitzt einen Geist. Er erwächst aus der Schachtel und zieht die Köpfe ins Spiel“, sagt Klaus Teuber, der Spielentwickler. Und das hat er geschafft.
Das Spiel holt alle ab, die Glücksritter, die Wirtschaftsstrategen und die Feilscher. Denn das Fallen der Würfel ist – und wird es immer bleiben – eine Rechnung die häufig der Wahrscheinlichkeit folgt. Aber eben auch nur häufig. Die Frage, wo die Siedlung am besten hin gebaut wird, ist essentiell und der Tauschhandel hat schon so manchen zum Sieg geführt. Ein Punkt, der bei einem Brettspiel meist vergessen wird, ist die Kommunikation, das was über das Spiel hinaus geht. Siedler vermittelt ein Gemeinschaftsgefühl und das obwohl doch eigentlich jeder für seinen persönlichen Sieg kämpft. Das klingt paradox. Jegliche Freundschaft scheint vergessen: „Wehe, du baust da hin, dann…“ Die Taktik wird im Spielverlauf immer aggressiver. Manchmal wird einfach geboten, damit der andere etwas nicht bekommt, dabei kann man das Schaf gerade gar nicht gebrauchen.

Auch kreativen Köpfen sind keine Grenzen gesetzt. Die Regeln lassen sich ganz unkompliziert erweitern und verändern. Egal ob das nun heißt, dass Ritter nur vor dem Würfeln gespielt werden dürfen oder, wie bei Schnaps-Siedler, bei jeder Sieben ein Schnaps gekippt wird.

Bis das Spiel zur WG-Party kam, verbrachte Klaus Teuber vier Jahre damit, das Spiel zu entwerfen und zu basteln. Dann kommt das Übliche: Die großen Verlage lehnen ab. Und, Überraschung, sie begründen es mit Biederkeit. Vielleicht, wenn noch Hochhäuser und Dinosaurier eine Rolle spielten, dann hätte das Spiel die nötige Action. Zu unserem Glück blieb Teuber seiner Idee treu und der Kosmos-Verlag war ebenso schlau wie der Bloomsbury-Verlag zwei Jahre später, als er J.K. Rowling nicht die Tür vor der Nase zuschlug.  Heute ist das Spiel über 22 Millionen Mal in über 40 Ländern verkauft. Nach Monopoly das meistverkaufte Brettspiel weltweit. In den USA ist es der Spitzenreiter der Kategorie German-style-Games. Im Gegensatz zu American-style-Games haben sie einfache Regeln, dauern nicht so lang und setzen mehr auf Strategie als auf Glück.

Inzwischen gibt es eine ganze Catan Welt. Neben den Brettspielerweiterungen, wie die Seefahrer, Städte und Ritter (für die harten Strategen) gibt es Computerspiele, Kartenspiele, sogar einen Roman.

Es gibt Deutschlandmeisterschaften, Europameisterschaften und eine Weltmeisterschaft. Leider gibt es immer wieder neue und oft nicht besonders gute Marketingideen. So erhielt das Spiel zu seinem 20. Geburtstag ein wirklich trauriges Geschenk: Die Umbenennung in „Catan – Das Spiel“. Seit 20 Jahren ist das Spiel unter anderem Namen bekannt und berühmt geworden. Die Fans nehmen auf die Umbenennung also keine Rücksicht. Egal was auf dem Karton steht. Am Abend wird Siedler gespielt und der Ausruf „Lasst uns eine Runde siedeln!“ wird nie verdrängt werden von „Lasst uns eine Runde catanen!“

Zu Siedlern heißt den Küchentisch frei räumen, die Pappsechsecke verteilen und die Würfel in die Hand zu nehmen. Und letztlich ist es einerlei, was drum herum geschieht, es ist nur wichtig: „Tauscht jemand Holz gegen Getreide?“

Collage: Marleen Borgert

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